Karikaturistin Friedel Stern. Foto: dpa

Ein bewegtes Leben voller Charme und Witz

Kurz vor ihrem 90. Geburtstag verstarb die «Grand Dame der israelischen Karikatur» Friedel Stern

 

«Die Fahrt war großartig», schwärmt Friedel Stern, als sie Anfang Oktober letzten Jahres zum ersten Mal in ihrem Leben auf dem Ku'damm steht - «Nach einem Flirt mit dem Schaffner gab der mir ein Einzelabteil!» Sie kam aus Paris, wo gerade noch eine Ausstellung von ihr gezeigt wurde und wollte nun, da sie doch «so ganz in der Nähe war», endlich Berliner Luft schnuppern. Ihre Tage sind ausgefüllt mit Museumsbesuchen und stundenlangen Stadtrundgängen bei schönstem Sonnenschein. Friedel möchte Berlin und die typischen Berliner kennen lernen.

Am Wochenende verabreden wir uns zum Flohmarkt-Bummel. Wie immer hat sie einen kräftig roten Lippenstift aufgelegt und kokettiert mit den Händlern. Enthusiastisch und mit geübtem Auge wandert sie über den Platz vor dem Schöneberger Rathaus und kauft sich schließlich bei einem türkischen Verkäufer nach harten Verhandlungen einen kleinen Küchenhaken aus Messing. Lachend gibt sie zu, dass sie solch einen Haken in Yaffo bestimmt billiger bekommen würde, aber ein Souvenir aus Berlin muss sie haben!

Leipzig, die Heimatstadt von Friedel Stern, hat zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts eine blühende jüdische Gemeinde. Das Wirtschaftsleben befand sich im Aufschwung, was zahlreiche Juden aus dem ärmeren Osteuropa anzog. Unter ihnen ist auch die Familie Stern aus dem russischen Odessa. Feiwel Stern, Friedels Vater, gründet ein gut gehendes Textilwarengeschäft mit einigen Filialen und heiratet Luise Rosenfeld, die aus dem österreichisch-ungarischen Brody stammt. Sie fühlen sich in Leipzig wohl: «Es schien, als käme man aus der dunklen Nacht ins helle Tageslicht: Alles war so sauber und ordentlich, die Menschen so freundlich, so nett und zuvorkommend. Leipzig wurde sofort ein warmes Zuhause.» Im Jahr 1917 wird ihre erste Tochter Friedel geboren.

Als Jüdin von den Nazis drangsaliert, verlässt Friedel Stern jedoch bereits 1932 die «Höhere Töchterschule» und wechselt auf die Kunstgewerbeschule. Auf Anraten ihrer Mutter tritt sie einem zionistischen jüdischen Jugendbund bei und geht auf «Hachschara». So nannte man damals die Umschulung in für die Auswanderung nach Palästina praktischen Berufe. Friedel kommt nach Westerkappeln in Westfalen, wo sie auf einem Bauernhof in der Landwirtschaft ausgebildet wird. Im August 1936 wandert sie nach Palästina aus. Gemeinsam mit anderen Jugendlichen kommt Friedel Stern direkt nach ihrer Ankunft in den Kibbuz Kfar Ha-Makkabi, der zu ihrer neuen Heimat werden soll. Aber die Individualistin Friedel will sich nicht dem Gemeinschaftsleben im Kibbuz unterordnen und geht bereits nach drei Monaten zurück in die Stadt. In Jerusalem studiert sie an der «Bezalel»-Kunstschule, unter anderem bei Mordechai Ardon und Josef Budko, die ebenfalls aus Deutschland gekommen waren.

Während der ersten Kriegsjahre verdient sich Friedel Stern ihr Geld als Porträtzeichnerin in einem Tel Aviver Café, in dem vorwiegend Soldaten der alliierten Armeen sitzen. Auf kleinen Bristol-Karton-Bögen fertigt sie Schnellporträts von den Soldaten an, die sie den Briefen nach Hause beilegen. Viele Soldaten, die von Friedel gehört haben, kommen extra ins Café, um gezeichnet zu werden. Als endlich auch Frauen Militärdienst leisten dürfen, meldet sich Friedel Stern freiwillig bei der englischen Armee. Sie will unbedingt im Krieg gegen die Nationalsozialisten mithelfen und wird als Expertin für Tarnung eingesetzt. Erst nach dem Krieg erfährt Friedel, dass ihre Mutter 1942 deportiert und ermordet wurde.

Ihre Karriere als Karikaturistin beginnt Friedel Stern eher zufällig, als sie ihren Namensvetter und ehemaligen Studienkollegen Yossi Stern, inzwischen Grafiker der israelischen Militärzeitung, 1948 am Strand von Tel Aviv trifft. Dieser beklagt sich, dass die Zeitung so langweilig sei und bittet sie um Karikaturen. Binnen weniger Jahre veröffentlicht die damals einzige weibliche Karikaturistin unzählige Arbeiten in verschiedenen israelischen Zeitungen. Eigenen Angaben zufolge publiziert sie jedoch nur eine einzige richtig politische Karikatur, weshalb ihre Zeichnungen auch heute noch - nach über fünfzig Jahren - aktuell sind. Friedel Stern versucht stets, die kleinen menschlichen Schwächen darzustellen und karikiert sich dabei gerne auch selbst. So spielt sie zum Beispiel häufig mit ihren Gewichtsproblemen oder den mit dem Alter zunehmenden Falten.

Allgemeine Popularität erlangt Friedel Stern seit den 50er Jahren mit ihren «Verkleidungsnummern», die nicht nur in der israelischen Zeitung «Davar Ha-Shavua», sondern auch in der Schweizer Frauenzeitschrift «Annabelle» erscheinen. So arbeitet sie für einige Tage als Fahrkartenverkäuferin in einem Autobus, «forscht» als Serviererin in der Cafeteria der Knesset, verdingt sich als Putzfrau oder gibt sich als amerikanische Touristin aus. Als Schwangere «im mindestens neunten Monat» prüft sie das Benehmen der Männer einer offensichtlich schwachen Frau gegenüber, und schmuggelt sich mit Hilfe der Jewish Agency im Jahr 1956 als Fadida Sultana unter die Einwanderer aus Nordafrika. Wer Friedel Stern kennen gelernt hat, sieht den Schalk in ihren Augen blitzen, wenn sie die gesellschaftlichen Missstände auf ihre humoristische Art an den Pranger stellt.

Über dreißig Jahre hinweg unterrichtet Friedel Stern an der «Bezalel»-Kunstschule, die inzwischen zur Akademie avanciert ist. Ihre deutsche Tugend, stets pünktlich zum Unterricht zu erscheinen, treibt ihre Schüler manchmal zur Verzweiflung, wie sie Anfang Oktober 2006 lachend einer Jugendgruppe während eines Workshops im Jüdischen Museum Berlin erzählt. Leidenschaftlich berichtet sie im Rahmen des Ausstellungsprojektes «Heimat und Exil» über ihr Leben in Palästina, nachdem sie Deutschland verlassen musste und lobt in den höchsten Tönen die Freundlichkeit der Berliner - ganz ohne Ironie!

«Ich fühle mich gar nicht gut nach der Grippeschutzimpfung», klagt Friedel am Telefon, als ich sie Ende Oktober in Tel Aviv besuchen will. Um nicht alleine zu sein, ist sie in das Basel-Hotel unweit ihrer Wohnung umgezogen. Dort treffe ich sie zum letzten Mal. In der Lobby flirtet sie mit einigen frommen Herren, die zu einem Familienfest geladen sind. «Siehst du, die finden mich immer noch attraktiv! Wenn die wüssten, dass ich bald hundertzwanzig sein werde...» Einen Tag später ist sie tot.

Dass ihr Tod sie so plötzlich ereilen würde, hätte niemand gedacht. Für ihren 90. Geburtstag am 16. Januar hat Friedel Stern eine riesige Feier im «Giacometti» in Tel Aviv geplant. Ihre zahlreichen Freundinnen und Freunde, Bekannte, Verehrer/innen und ehemalige Schüler/innen kamen nun an diesem Tag in Mishkenot Sha'ananim in Jerusalem zusammen und feierten sie. Mishel Kishka, ein ehemaliger Schüler und heute der Vorsitzende des israelischen Karikaturisten-Verbandes, führte durch den Abend. Im Foyer hing eine Ausstellung ihrer Karikaturen und im Konferenzsaal fanden zwei Panels zu ihrem Gedenken statt. Mit Wärme und Sehnsucht tauschten Freunde, Schüler und Bekannte der großen Zeichnerin Erinnerungen und Anekdoten aus. In den Filmen über sie und mit ihr wurde viel gelacht. Zum Abschluss stellte Michel Kishka den Gästen sein Geburtstagsgeschenk vor: Eine Sammlung von Karikaturen über die Karikaturistin, die er bei einer internationalen Karikaturisten-Tagung in Frankreich zu Ehren ihres nahenden 90. Geburtstages anfertigen ließ. Ein letztes Mal wird ihre Stimme zu hören sein, wenn ihre Lebenserinnerungen (in deutscher und hebräischer Sprache) veröffentlicht werden.

Katharina Hoba

«Jüdische Zeitung», März 2007