Rabbiner Joseph Carlebach zu Ehren

Buchpräsentation an der Hamburger Talmud-Tora-Schule

 

Carlebachs Wirkungsstätte Foto: dpa

Wo, wenn nicht an der Talmud-Tora-Schule, dem neuen Zentrum der jüdischen Gemeinde Hamburg, sollte eine Biografie über den großen deutschen Rabbiner Joseph Carlebach vorgestellt werden. An der Schule, an der er Kinder und Jugendliche unterrichtete, bis die Schule am 30. Juni 1942 von den Nazis geschlossen und zynischerweise zu einem Sammelplatz für Deportationen der Hamburger Juden bestimmt wurde. Hier am Grindel 30 wurde jetzt die umfassende Biografie über Altonas und Hamburgs Oberrabbiner Joseph Carlebach in einer Feier vorgestellt. Andreas Brämer, stellvertretender Direktor des Hamburger Instituts für die Geschichte der Juden in Deutschland, schrieb das Sachbuch «Joseph Carlebach». Erschienen ist es in der noblen Buchreihe «Hamburger Köpfe» der ZEIT-Stiftung im Hamburger Verlag Ellert & Richter, in der unter anderen Ida Ehre, Albert Ballin, Ernst Cassirer, Johannes Brahms und Carl Philipp Emanuel Bach gewürdigt wurden.

«Solange der Polizeiposten vor der Talmud-Tora-Schule besteht und Sicherheitskontrollen notwendig sind, solange ist Joseph Carlebach eine offene Wunde», sagte Manfred Lahnstein, Vorsitzender der Hamburger ZEIT-Stiftung, zu Beginn der Feierstunde. «Joseph Carlebach war ein ausgesprochen integrativer Mensch», sagte Miriam Gilles-Carlebach. Die 85-jährige Tochter des großen Hamburger Rabbiners, der am 30. Januar 1883 in Lübeck geboren wurde, ergänzte:«Dabei hatte mein Vater soviel Gefühl für Wissenschaft und Pädagogik, und ich wusste, wenn Andreas Brämer das Buch schreibt, würde er das alles durchleuchten.» Gilles-Carlebach sagte weiter über ihren Vater: «Ich habe meinen Vater als ganz außergewöhnlichen Pädagogen erlebt. Es gab bei uns Zuhause mit neun Kindern keine besonders strenge Erziehung, denn er hat jedes Kind als Persönlichkeit betrachtet, und er hat sehr viel mit Humor gearbeitet, was im vollen Gegensatz zur damals herrschenden Pädagogik stand. Das ist alles im Judentum verankert.» Zu Carlebachs pädagogischen Leitlinien zählte es, die ureigene Persönlichkeit eines jeden Kindes zu fördern. Er ging so weit, dass er am Sederabend nicht «das böse Kind» sagte, sondern das «rebellische Kind». Die Tochter zitierte Carlebachs Erklärung: «Ohne die rebellischen Kinder würden wir nicht weiterkommen.» Auch die Auffassung ihres Vaters zur Religion schnitt sie an: «"Die Orthodoxie ist nicht das richtige Wort für das Judentum. Das Judentum ist eine wunderbare Welt und eine Lebensanschauung. Mein Vater empfand das Judentum auch als Kultur.»

Miriam Gilles-Carlebach, die in Tel Aviv lebt und den Nachlass ihres Vaters ediert hat, brachte 2003 das Schweigen Nachkriegsdeutschlands erschütternd auf den Punkt:«Ich wurde nie aufgefordert, zurück zu kommen.» Ihr Vater, Oberrabbiner von Altona, wurde mit seiner Ehefrau Lotte und seinen drei Töchtern Sara, Noemi und Ruth 1941 in ein KZ bei Riga deportiert und dort am 26. März 1942 von der SS ermordet. «45 Jahre hat Deutsch als Sprechsprache bei mir brach gelegen», sagte Carlebachs Tochter und ergänzte: «Aber ich sammelte jedes Zettelchen, alles über die Gemeinde, alles über das Unaussprechliche.» Heute ist Miriam Gilles-Carlebach Ehren-Senatorin der Stadt Hamburg und Ehren-Professorin. 1993 gründete Gilles-Carlebach das Joseph-Carlebach-Institut an der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan, einem Vorort von Tel Aviv, das Joseph Carlebachs Vermächtnis erforscht, verwaltet und ediert. Alle zwei Jahre organisiert das Institut mit der Hamburger Universität einen Kongress zur Erforschung jüdischen Lebens in Deutschland. In den Altonaer Jahren schrieb Joseph Carlebach mehrere Abhandlungen und Bücher zur Tradition und Kultur des deutschen Judentums.«36 Gerechte - einer von ihnen ist Joseph Carlebach», eröffnete Rafael Seligmann seine Laudatio auf das Buch des stellvertretenden Direktors des Hamburger Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg. Seligmann rückte auch Begriffe ins rechte Lot: «Joseph Carlebach war kein Jude in Deutschland, wie berichtet wurde, er war ein deutscher Jude, und das ist ein großer Unterschied.» Seligmann legte nach: «Jude in Deutschland» war ein Nazibegriff, und leider heißt der Zentralrat der Juden in Deutschland immer noch nicht „Zentralrat der deutschen Juden". Aber wir haben die Koffer längst ausgepackt, wir sind deutsche Juden!» Seligmann weiter: «Rabbiner Carlebach hat das Judentum immer mit dem Deutschtum verglichen, beides sei von Disziplin und Gehorsam geprägt.» Seligmann geizte nicht mit der Kritik an der heutigen Gesellschaft: «Das jüdische Auge kam aus einem deutschen Kopf, und die Deutschen haben das Judentum selbst amputiert. Heute empfindet man uns als Opfer. Wir sind aber mehr als Opfer, wir sind Menschen» Und: «Klezmer und die Menora haben die deutschen Gartenzwerge abgelöst.» Außerdem vermisse er die zeitgenössische jüdische Kultur und Literatur in Deutschland.

Seligmann-Lob gab es für den Autor Andreas Brämer: «Es ist wirklich das Buch eines Wissenschaftlers, das mit Herzblut geschrieben worden ist.» Die Biografie richtet sich nicht nur ans Fach-Publikum. «Ich habe das schriftliche Oeuvre Joseph Carlebachs in seine persönliche Biografie eingebettet», sagte Brämer und ergänzte: «Diese Biografie ist zudem in die deutsch-jüdische Geschichte eingebettet.» Nach Brämer würde Joseph Carlebach heute noch immer nicht die Würdigung der deutschen Geschichtswissenschaft erfahren, die ihm gebühre.

Andreas Brämer: Joseph Carlebach,
Verlag Ellert & Richter, Hamburg, Reihe

«Hamburger Köpfe»,
216 Seiten, 14,90 Euro

 

Heike Linde-Lembke

«Jüdische Zeitung», Oktober 2007