Ein verhindertes Jubiläum

Vor 100 Jahren bezog die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums ihr eigenes Haus

 

Foto:Arkadij Schafirov
Zu keiner Zeit war die Hochschule auf Rosen gebettet», schrieb E. G. Lowenthal 1972 anlässlich des 100. Jahrestages der Eröffnung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, dreißig Jahre nach ihrer erzwungenen Schließung durch die Nationalsozialisten. Die Hochschule, die zwischenzeitlich den Namen «Lehranstalt» tragen musste, war von 1872 an in gemieteten Räumen untergekommen: Bis 1875 im Haus An der Spandauer Brücke 6 A, dann im Quergebäude Unter den Linden 4 a und von 1892 an im Seitenflügel der Synagogen in der Lindenstraße 48/52. Erst von 1907 bis 1941 besaß die Hochschule ihr eigenes Haus, errichtet auf einem ihr 1894 vom Rittergutsbesitzer Nathan Bernstein geschenktem Grundstück in der Artilleriestraße 14 im damaligen Bezirk N 24, der heutigen Tucholskystraße 9.

Die Unabhängigkeit, die die Hochschule zu behaupten wusste, ging mit einer äußerst schmalen Existenzbasis einher. Alle Mittel mussten durch freiwillige Beiträge aufgebracht werden; die Hochschule verzichtete auf Studiengebühren und wurde von einem Verein getragen. «Dass auch zu der Verwirklichung der idealsten Dinge Geld und wiederum Geld gehört, das ist eine alte Klage», schrieb Professor Ludwig Geiger 1907. Der dreistöckige Neubau der Architekten Hoeniger und Sedelmeier, der am 22. Oktober 1907 bezogen wurde, umfasste zwei Auditorien und einen Saal für öffentliche Veranstaltungen mit bis zu 200 Plätzen, ein Seminar-, ein Konferenz- und ein Lehrerzimmer sowie Bibliotheksräume mit Lesesaal, Verwaltungs- und Ausleihzimmer und einem Büchermagazin. Über dem Haupteingang befand sich die Inschrift, die die Bestimmung des Hauses anzeigte: «Der Wissenschaft des Judentums». Von 1912 an wirkte hier Rabbiner Dr. Leo Baeck.

Am 30. 6. 1942 musste der Lehrbetrieb eingestellt werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte die Charité das Gebäude als Wohnhaus. Anfang der 90er Jahre wurde es an die Jewish Claims Conference übertragen und, nachdem das Leo Baeck College dem Vernehmen nach auf eventuelle Ansprüche verzichtet hatte, an den Zentralrat der Juden in Deutschland verkauft. Ist der liberale Geist damit endgültig aus dem Haus gewichen, wie es Shoshana Elbogen-Ronen befand, die Tochter des Hochschuldozenten Ismar Elbogen, als sie mit früheren Studienkolleginnen das Gebäude in Augenschein nahm? Am 19. 4. 1999 wurde das Gebäude als Sitz des Zentralrats in Leo-Baeck-Haus umbenannt: Ein Name, dem Baecks Enkeltochter Marianne C. Dreyfus dem Haus aus Zorn über die andauernde Missachtung des liberalen Judentums durch den Zentralrat gerne aberkennen wollte. Inzwischen ist es im Zuge der Annäherung zwischen Zentralrat und der Weltunion für progressives Judentum aber immerhin zu einer ersten Begegnung von Zentralratspräsidium und liberaler Führungsspitze im Leo-Baeck-Haus gekommen. Eine Gedenkveranstaltung zum 100. Jahrestag des Einzugs der Hochschule in ihr eigenes Haus scheint nicht vorgesehen zu sein, und sollte am 22. Oktober doch daran werden, dann unter eher negativen Vorzeichen: Das Abraham Geiger Kolleg als Nachfolgeinstitution der Hochschule und als erstes deutsche Rabbinerseminar nach der Schoa muss nach wie vor ohne eigene Räumlichkeiten auskommen.

 

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», Oktober 2007