«Glauben – Leben – Wirtschaften»

300 Jahre Jüdische Gemeinde Offenbach

 

Foto:Stadtarchiv Frankfurt/M

Unter dem Motto «Glauben - Leben - Wirtschaften» feiert die Jüdische Gemeinde Offenbach derzeit ihr 300-jähriges Bestehen. Die Gemeinde hatte sich im Jahr 1707 mit Statuten formiert, die anlässlich der Erlaubnis des Grafen Johann Philipp zur Bestellung eines Rabbiners gefasst worden waren. Die Beschlüsse wurden durch den Grafen im Januar 1708 mit einem Privileg sanktioniert, womit nun unter anderem die bereits bestehende Synagoge und ein anzulegender Friedhof rechtlich abgesichert waren. Die Gemeinde gab in der Folgezeit wichtige Impulse für einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung Offenbachs, der auch die Stadtwerdung des Ortes begünstigte.

Seit dem frühen 19. Jahrhundert war die jüdische Gemeinde Offenbach bestrebt, die Werte, Normen und Rituale des Judentums in Einklang zu bringen mit der modernen bürgerlichen Gesellschaft. Die Reformbewegung prägte mehr als ein Jahrhundert das jüdische Leben in der Stadt und brachte Persönlichkeiten von internationalem Rang hervor. Zu den «Gründungsvätern» der Reformbewegung gehört Rabbiner Dr. Salomon Formstecher (1808 - 1889), dessen 1841 veröffentlichte Studie «Die Religion des Geistes» die wohl erste philosophische Grundlegung dieser Bewegung darstellt. Mit Rabbiner Dr. Max Dienemann (1875 - 1939) wirkte hier ein Erneuerer jüdischer Frömmigkeit, der die Weitsicht besaß, 1935 die Berlinerin Regina Jonas (1902 - 1944) als erste Frau im Judentum zur Rabbinerin zu ordinieren. Zu Ehren der Rabbiner hat die Stadt Offenbach im Büsing-Park drei Wege nach ihnen benannt. Das bundesweit einzigartige Wege-Ensemble liegt nahe der früheren Synagoge an der Goethestraße, einem trotz Schändung 1938 äußerlich erhaltenen monumentalen Kuppelbau, und der 1956 an der Kaiserstraße erbauten Synagoge, der ersten in Hessen nach der NS-Diktatur.

Das Festjahr hat Mitte September zu Rosch Haschana begonnen. Die etwa 1.00 Personen umfassende Jüdische Gemeinde Offenbach hat gemeinsam mit befreundeten Organisationen eine vielfältige Veranstaltungsreihe organisiert. Ziel ist es, über die Facetten jüdischen Glaubens, Lebens und Wirtschaftens zu informieren und verstärkt mit Nicht-Juden in Dialog zu treten. Der eigentliche Festakt findet am 4. November im Festsaal der Jüdischen Gemeinde statt. Eine Ausstellung im Archiv des Hauses der Stadtgeschichte zeigt aber schon jetzt und noch bis zum 25. November Zeugnisse hebräischen Buchdrucks. Selten verbleiben gedruckte Bücher an dem Ort an dem sie hergestellt wurden. Vielmehr werden sie gewöhnlich auf den Markt gebracht und in alle Himmelsrichtungen verkauft. Das trifft auch auf die in Offenbach im 18. und 19. Jahrhundert gefertigten hebräischen Drucke zu. Um so bemerkenswerter ist es, dass von den über 200 in Offenbach entstandenen hebräischen Drucken gut ein Viertel heute noch oder wieder im Haus der Stadtgeschichte zu finden sind.

Die vorhandenen Drucke stammen sowohl aus der Sammlung des Offenbacher Heimathistorikers August Hecht (1863-1943) als auch aus der historischen Bibliothek des Stadtarchivs. Hinzu kommen einige Neuerwerbungen unter der jetzigen Leitung des Hauses der Stadtgeschichte. Die vorhandenen Drucke umfassen ein weites Spektrum an religiöser Literatur. Es handelt sich hierbei um religiöse Schriften zur sittlichen und moralischen Ertüchtigung, Kommentare zu einzelnen Abschnitten von Talmud und Tora, Schriften zur Halacha, praktischen Anleitungen für den Gottesdienst, verschiedenen Ausgaben der Pessach- Haggadah, diverse Machsorim sowie um mehrere Chumasch-Ausgaben. Erst kürzlich hat das Stadtarchiv eine vollständige Ausgabe einer in Offenbach 1797 gedruckten Mischna in sechs Bänden erworben Die vorhandenen Bücher sind teils Nachdrucke von Werken berühmter auswärtiger Rabbiner, teils Neuerscheinungen, verfasst von Frankfurter oder Offenbacher Gelehrten und Rabbinern. Die Ausstellung stellt einerseits die diversen in Offenbach ansässig gewesenen nichtjüdischen und jüdischen Drucker und ihre Produkte vor, darüber hinaus untersucht sie deren Interessen und religiöses Spektrum. Andererseits wird die religiöse Entwicklung der Gemeinde nachgezeichnet, die ihren letzten Höhepunkt in der «Offenbacher Haggada» von Siegfried Guggenheim gefunden hat. Auch das Wirken Guggenheims, der Offenbach aus dem Exil bis zu seinem Tod verbunden geblieben ist, wird thematisiert. Andere Zeugnisse der jüdischen Geschichte sind die Grabstätten auf dem Jüdischen Friedhof, der seit 1861 an die Ostseite des Alten Friedhofs anschließt.

 

Gideon Wollberg

«Jüdische Zeitung», Oktober 2007