«Wohin wer geht, weiß nur

Jüdisches Leben in Kasan, der Hauptstadt der Tataren

 

Foto:Anja Hotopp

Lautes Hupen ertönt und aufgeregt rennen die Kinder, deren Sommerferien gerade geendet haben, zum Tor ihres Schulgeländes. Die Eltern und ältere Geschwister warten bereits eine Weile auf die Busse, die Trauben von Schülern ins Freie entlassen sollen. Die Kinder kommen vom Feriencamp zurück in die tatarische Hauptsstadt Kasan. Das Ferienlager befindet sich inmitten eines Waldes. Im Einklang mit der Natur sollen die Kinder die traditionellen jüdischen Bräuche erfahren, erzählt Anna Smolina, die Leiterin des Jüdischen Hauses in Kasan. Die Schüler fiebern der jährlich stattfindenden Ferienzeit schon Wochen vor Beginn entgegen. Für das Leben in der jüdischen Gemeinde im multiethnischen Kasan, der Stadt, die Iwan der Schreckliche von den Tataren eroberte, ist es ebenfalls ein wichtiges Ereignis im Jahresveranstaltungskalender. Schweißt es doch die jungen Leute zusammen und verschafft allen Mitreisenden positive Erlebnisse, berichtet Smolina noch schnell bevor sie in ihr Büro zurückeilt, das im Jüdischen Haus, an der behäbig pulsierenden Straße der Gewerkschaften zu finden ist. Das unscheinbare Gebäude im hellen Türkis mit riesigen Holztoren steht dort bereits seit 1907 und hat seit damals eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Heute ist es wieder das Herzstück jüdischer Kultur in der Tatarenhauptstadt.

Jene Hauptstadt der Republik Tatarstan - am Zusammenfluss von Kasanka und Wolga gelegen - ist der vielleicht toleranteste Ort innerhalb der Russländischen Förderation. Lenin und Tolstoi studierten hier, die Ikone der Mutter Gottes aus Kasan kennt jeder Russe, doch außerhalb der Föderation ist die weltoffene Stadt immer noch ein Geheimtipp unter Managern und Investoren. Ideale Bedingungen bietet die Stadt nicht nur Kapitalanlegern und den Studenten der drei Universitäten, die aus demgesamten Staatsgebiet nach Tatarstan zum Studium kommen. Auch Juden aus dem In- und Ausland zieht es nach Kasan. Grund ist das friedliche Miteinander verschiedenster Ethnien und Konfessionen. Die Mehrheitsbevölkerung hier sind die Nachkommen von Wolga-Bulgaren und Dschingis Khans Goldener Horde: Die Tataren. Aber auch Russen, Deutsche, Udmurten, Tschuwaschen und eben Juden leben in der 1.000 Jahre alten Stadt. Dieses tolerante Klima führte in den vergangenen Jahren auch zu einem imposanten Wirtschaftswachstum, dessen Ende noch nicht in Sicht ist. Ein frischer Wind von Aufschwung beflügelt die Investitionsbereitschaft zahlreicher Unternehmer und führte nicht zuletzt dazu, dass das jüdische Leben der Stadt zunimmt.

Gesundheitsberatung im Gemeindezentrum Foto:Anja Hotopp

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gbetsraum Foto:Anja Hotopp

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein altes jüdisches Sprichwort besagt: «Wohin wer geht, weiß nur der Gehende». Auch aus Tatarstan sind viele nach dem Zerfall der Sowjetunion gegangen. Amerika, Großbritannien und Israel waren hauptsächlich die Ziele der Menschen, die ihr Glück anderswo suchten. Ist in anderen Teilen des ehemaligen Zarenreiches immer noch ein Ausbluten jüdischer Gemeinden zu verzeichnen, freuen sich die Kasaner Juden über Zuwachs. Eine unerwartete Wende: Es gibt jedes Jahr mehr Rückkehrer aus Israel und USA. Mittlerweile leben wieder 11.000 Juden in Tatarstan, die Mehrzahl von ihnen in Kasan. «Wir sind eine Gemeinde, die seit einigen Jahren stetig wächst», freut sich Smolina.

Das Gemeindezentrum im Herzen Kasans ist bemüht, allen in Tatarstan lebenden Juden Anlaufpunkt für religiöses und gesellschaftliches Leben zu sein. So gibt es im Haus neben Synagoge und Gebetsraum auch das Gemeindezentrum mit Sozialstation, Arztpraxis und Apotheke, Senioren - sowie Jugendtreff. Vom Gemeindehaus aus wird eine mobile Krankenpflege betrieben, ein Putzdienst organisiert und Essen auf Rädern an Bedürftige geliefert. Das alles läuft unter der Federführung von Anna Smolina, die selten zur Ruhe kommt und einen Zwölf-Stunden-Tag für selbstverständlich hält. Außer Atem kommt sie deshalb nicht und auch die Ideen gehen der engagierten Frau nicht aus, wie das Gemeindeleben noch attraktiver für alle gestaltet werden könnte. Denn neben all den Plänen, die verwirklicht werden wollen und organisatorischen Aufgaben, die erledigt werden müssen, darf der Kontakt zu den Menschen nicht abbrechen, so Smolina «Sich die Sorgen und Nöte der Menschen anzuhören, dafür muss immer Zeit bleiben.» Denn trotz des Aufschwung und zahlreicher positiver Tendenzen gibt es auch immer noch sehr viele Bedürftige, die nicht ausgeschlossen und vergessen werden dürfen. Der Boom geht wie anderswo erst einmal an den einfachen Leuten vorbei. So sorgt eine Suppenküche für wenigstens eine warme Malzeit am Tag für die, die nichts haben.

Der Jugendklub des Gemeindezentrums ist ein Treff- und Angelpunkt für 450 Schüler und Jugendliche. Tanz- und Theatergruppen, Nachhilfe, Chor- und Musikensembles halten ein buntes Spektrum für verschiedenste Interessen bereit. Die Bibliothek hat nicht nur für die Gemeindemitglieder viel Lesestoff, sondern ist ebenso bei Studenten und Wissenschaftlern begehrt. Populär sind Sprachkurse in Hebräisch und Ivrit, die das Gemeindezentrum bietet. Gesprochen wird im Jüdischen Haus neben Ivrit und Russisch auch noch Jiddisch, mit dem sich vor allem die Alten verständigen, wenn sie im Seniorentreff «Altin Yash» zusammenkomme. Altin Yash ist tatarisch und bedeutet «Goldene Jahre».

«Unser Haus platzt mittlerweile aus allen Nähten. An Feiertagen finden nicht mal mehr alle einen Platz», beschreibt Smolina die derzeitige Situation. Das Grundstück, auf dem sich das Haus der Jüdischen Gemeinde befindet, ist nach einer Spendenaktion 1907 gekauft worden. 1915 wurde die Inbetriebnahme der Synagoge gefeiert. 1929 kam es zur Enteignung und ist bis 1996 als Lehrerbildungsinstitut genutzt worden. 1997 konnte durch die Gründung des «Gemeinnützigen Jüdischen Zentrums Chesed Mosche in Kasan» wieder an alte Traditionen angeknüpft werden. Die Restaurierung und der Umbau des maroden Gebäudes ließen sich nur mit Hilfe von Spenden realisieren, so die Leiterin.

Neben den Gemeindeaktivitäten ist auch für die Bildung der Jüdischen Gemeinde an zwei Schulen gesorgt. Eine, die Yitzhak-Rabin-Schule, ist der Synagoge angeschlossen. Dort lehrt man gemäß chassidischer Tradition, da die meisten der Kasaner Juden aus Galizien, Weißrussland und der Ukraine stammen. Sie flohen von dort während des Zweiten Weltkrieges nach Tatarstan. Hier gab es Arbeit und vor allem Sicherheit. Die Schule bietet etwa 30 Kindern Unterrichtsmöglichkeiten. Akzeptiert werden nur Jungen und Mädchen, deren Mütter Jüdinnen sind. Daneben existiert eine elfklassige staatliche Schule mit so genannten Ethno-Komponenten wie sie in der Russländischen Förderation nicht unüblich sind. Ziel dieser Schulen ist es, die regional ethnischen Besonderheiten zu beachten. So wird im Unterricht jüdische Kultur und Brauchtum gelehrt. Jüdische Geschichte und Ivrit gehören ebenso zum Schulstoff. Insgesamt 450 Schüler besuchen die Lehranstalt. Das Gros besteht aus Kindern jüdischer Familien, aber auch Nichtjuden steht die Schule offen. Dennoch ist die Zahl derer, die dort lernen wollen, viel größer als Kapazitäten vorhanden sind. Vor allem tatarische Muslime sind bestrebt, ihre Kinder dort lernen zu lassen. Das spricht für das Niveau der Einrichtung. Seit einiger Zeit wird jedoch das Fortbestehen von Bildungseinrichtungen nach diesem Modell genau unter die Lupe genommen. Geplant ist, die Schulen mit Ethno-Komponenten aufzubrechen. Weniger auf religiöse und ethnische Besonderheiten einzugehen, ist das Ziel einiger Bildungspolitiker in Moskau. Das stört die Kinder, die sich nun für drei Wochen im Sommercamp befanden, erstmal gar nicht.

Ob diese Pläne jedoch der Bildung junger Leute gut tut, in einem Land, wo Verfolgungen von Muslimen, Kaukasiern und «Fremden» an der Tagesordnung sind, bleibt fraglich. In Tatarstan jedoch, wo selbst Moschee-Gemeinden wie die «Imam Hatip» für die Renovierung der Synagoge sammeln, wird es die Toleranz untereinander kaum beeinflussen. Muslimische Tataren, orthodoxe Russen, deutsche Lutheraner und Juden arbeiten nicht gegeneinander. Sie setzen auf Kommunikation, planen religionsübergreifende Camps und laden einander zu Feierlichkeiten ein

 

Anja Hotopp und Mieste Hotopp-Riecke

«Jüdische Zeitung», Oktober 2007