Im «Land der tausend Augen»

Erste Annäherungen an Weißrussland

 

Unsere Helden rücken vor. Foto: dpa

 

Auch wenn inzwischen 40.000 Bundesbürger im Jahr Weißrussland besuchen: für die meisten Deutschen ist Belarus noch immer ein weißer Fleck auf der Landkarte. Eine Rundreise, die das Berliner TUS-Reisebüro Ende August zusammen mit dem Staatlichen Reisebüro «Belintourist» organisierte, erwies sich als gute Gelegenheit, Land und Leute kennenzulernen. Für die Anreise bietet sich die weißrussische Fluglinie Belavia an, die seit Mai 2007 drei Mal pro Woche die Hauptstadt Minsk anfliegt.

«Im Westen wird vieles verdreht», sagte ein Vertreter des Ministeriums für Tourismus und Sport bei einer offiziellen Begegnung, und wer in Minsk eine Stadt wie unter der Käseglocke und ein korruptes Polizeisystem erwartet, ist zunächst tatsächlich angenehm überrascht. Die Innenstadt wirkt mit ihrem sowjetischen Neo-Klassizismus sehr großzügig, und in den wenigen historischen Straßenzügen der alten Traeckaer Vorstadt geht es quirlig und lebendig zu. Überall wird gebaut, nicht zuletzt dank westlicher Investoren; unter dem Freiheitsplatz etwa lädt das neue «Stoliza»-Einkaufszentrum solvente Käufer ein. Zu den bemerkenswertesten Neubauten gehört die Nationalbibliothek: «Ein Geschenk unseres Präsidenten an unser Land». Man spürt allenthalben den Einfluss der Präsidialherrschaft von Alexander Lukaschenko, doch für Touristen ist es kaum möglich, sich in fünf, sechs Tagen ein umfassendes Bild von der politischen Landschaft in Belasrus zu erhalten oder freimütige Auskünfte zu erhalten.

Für Besucher, die sich für das jüdische Weißrussland interessieren, gibt es in Weißrussland Sehenswürdigkeiten in Hülle und Fülle, auch wenn die Geschichte diesen Bauten sehr zugesetzt hat und zahllose Synagogen, Jeschiwot und Friedhöfe verwüstet sind. Viele israelische Politiker stammen aus Weißrussland, etwa Chaim Weizman und Zalman Shazar, Menachem Begin und Shimon Peres, und werden heute als prominente Landeskinder vereinnahmt; dass sie ihre Heimat einst als Zionisten verließen, um sich eine bessere Zukunft in Eretz Jisrael aufzubauen, steht auf einem anderen Blatt. Nach 1989 sind wiederum gut 60.000 Juden aus Belarus nach Israel ausgewandert. Der mit bekannteste Jude aus Belarus dürfte heute Marc Chagall sein, der vor 120 Jahren in Witebsk geboren wurde und seine Heimatstadt nicht nur in seinen Bildern verewigte: «Wie lange, meine geliebte Stadt, sah, hörte ich dich nicht, plauderte nicht mit deinen Wolken, lehnte mich nicht auf deine Zäune. Wie der ewige, traurige Wanderer trug ich deinen Atem von einer Leinwand auf die andere...», schrieb Chagall 1944. Was ist von seiner Stadt geblieben, was von ihm? In einem der Wohnhäuser der Familie Chagall, in der Pakrouskaja 11, von dem nach einem Brand nur die Außenmauern erhalten waren, ist seit zehn Jahren ein kleines Museum eingerichtet, und im Marc Chagall Art Center werden gut 300 Grafiken des Künstlers gezeigt, Schenkungen aus Deutschland. Die alte Hauptsynagoge der Stadt, nur einen kurzen Fußweg vom Museum entfernt, ist nur noch eine Ruine. Die Außenmauern stehen noch ungesichert und nicht weiter bezeichnet, doch das Innere ist zusammengefallen und kommt einer Müllhalde gleich.

Wie in allen Städten gibt es aber auch jüdisches Leben in Witebsk. «Emuna», die liberale Synagogengemeinde in der Leninstraße, dürfte die aktivste Gemeinde sein, aber auch der modern-orthodoxe Rabbiner Israel Taub, der 1996 als Opfer eines arabischen Messerstechers in Budapest zu trauriger Bekanntheit gelangte, findet dank seines sozialen Engagements viel Resonanz. Beim Kabbalat Schabbat-Gottesdienst in einem einfachen Wohnhaus am Rande der Stadt sind die meisten Beter Jugendliche nicht-halachischer Herkunft, die von Israel Taub und seinen Bruder Chaim an die jüdische Religion herangeführt werden. Diese Rückbesinnung aufs Judentum ist durchaus typisch, wie der Redakteur der jüdischen Zeitung «Aviv» in Minsk berichtet, selbst ein «ethnischer Jude». Die Redaktion des 1992 gegründeten Blattes ist in einem großen Komplex in der Innenstadt untergebracht, dem Minsk Jewish Campus, der seit April 2002 der jüdischen Gemeinschaft zur Verfügung steht. Wie groß diese Gemeinschaft ist, ist schwer zu sagen. Man spricht von 28.000 eingetragenen Gemeindemitgliedern, doch tatsächlich dürfte es in ganz Weißrussland bis zu 100.000 Menschen jüdischer Herkunft geben. Die «Belarus Union of Jewish Organizations and Communities», wie sie auf Englisch heißt, ist der größte jüdische Dachverband. Landesweit bestehen drei religiöse Vereinigungen: die orthodoxe «Union of Religious Jewish Congregations in Belarus» mit Oberrabbiner Avraam Benenson, Chabad Lubawitsch mit der «Union of Jewish Religious Communities in Belarus» mit Oberrabbiner Zvi Kaplan und schließlich die liberale «Religious Union of Progressive Judaism in Belarus» mit Oberrabbiner Grigory Abramovich. Der Minsk Jewish Campus bietet allen Richrungen und Interessen Raum und beherbergt eine Vielzahl von Einrichtungen, vom Kindergarten bis hin zum Museum für die Geschichte und Kultur der Juden in Weißrussland, das von Inna Gerasimova geleitet wird.

Überall im Lande erinnern Mahn- und Gedenkstätten an den Großen Vaterländischen Krieg und an die Opfer der deutschen Besatzung, aber auch des stalinistischen Terrors. Kurz vor Minsk, an der Straße nach Witebsk, liegt Chatyn. Von dem Dorf, das die Deutschen 1943 dem Erdboden gleichmachten, sind nur die Schornsteine erhalten, in denen Glocken hängen. Die Gedenkstätte wurde 1969 eingerichtet, um aller vernichteten Dörfer Weißrusslands zu gedenken. Die Fahrt über Land führt an tiefen Wäldern und zahllosen Seen vorbei, den «tausend Augen Weißrusslands». Am Wegesrand geduckte Holzhäuser, Obstgärten, Pferdefuhrwerke und Störche - für Westeuropäer quasi eine nostalgische Reise durch ein Fotoalbum der Großeltern. Doch die Idylle trügt, und man kann im Vorbeifahren nur Vermutungen über die Versorgungslage und das Preisgefüge auf dem Lande anstellen.Ein ganz besonderes Idyll aber ist das große Naturschutzgebiet im Westen zwischen Grodno und Brest, die Belavezskaja Pusca. Dieser Urwald ist nicht nur Heimat einer eindrucksvollen Tier- und Pflanzenwelt, sondern auch das Zuhause von Väterchen Frost, also des Weihnachtsmannes, der hier mit seinem Gehilfen Dub-Dubowitsch und Wjas-Wjasowitsch residiert. Sein Landgut, auf dem man auch auf viele andere Märchenfiguren wie die Zwölf Monate trifft, ist besonders für Kinder eine große Attraktion, und das ganze Gelände bietet sich insbesondere als Ort für Gruppenfreizeiten und Ferienlager an. «Die Weiße Rus', Mütterchen, ist das ein Mädchen? Ja? Wie merkwürdig heißt sie... Erzähle mir von ihr...», schreibt Danuta Bicel-Zahneteva. Wer Weißrussland zum ersten Mal erkunden will, sei es nun im Rahmen einer Gruppenreise, sei es auf eigene Faust, tut gut, die Angebote von Belintourist zu nutzen. Informationen gibt es unter www.belarustourism.by.

 

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», Oktober 2007