Archäologie der Bibel

Beweis oder Widerspruch?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Archäologie, Ausgrabungen, das Entdecken sensationeller Funde, deren Deutung ein ganz neues Licht auf das Verständnis der Lebensumstände unserer Vorfahren wirft - das hat nach wie vor etwas Faszinierendes, Geheimnisvolles. Der Beruf des Archäologen erscheint auch heute hochinteressant, nicht nur 12-jährigen Jungen, die sich ein Leben im Zelt in der Wüste wie Lawrence von Arabien vorstellen, wo tagtäglich bei glühender Hitze eine Statue oder eine Keilschrifttafel gefunden wird, die von einer großen Schlacht zwischen Israeliten und Aramäern berichtet. Dabei ist die Geschichte der Ausgrabungen im Vorderen Orient fast 200 Jahre alt, und die Methoden der Forschung haben eine große Entwicklung durchgemacht. Die Art der Dokumentation der Funde und der Fundumstände wird immer präziser; kein Gegenstand wird aus seiner Fundlage entfernt, er wird «in situ» belassen, bis er und sein Umfeld photographisch und zeichnerisch aufgenommen und genau vermessen sind. Dazu gibt es heute vielfältige Vermessungsmethoden wie zum Beispiel die Technik der Photogrammetrie, mit der kartographische Aufnahmen mit Koordinatenmessung von Geländeabschnitten und Grabungsstätten angefertigt werden. Bei der Bauaufnahme spielt aber nach wie vor die Zeichnung der Einzelfunde von Hand eine Rolle, der Architravblock mit Ornamenten wird wie eh und je mit Winkelmesser vermessen und auf Papier gezeichnet. Bereits im 19.Jahrhundert nahmen Forschungsreisende nicht nur Sprachwissenschaftler und Architekten mit auf Grabungskampagnen, sondern auch professionelle Zeichner, die Altertümer im Bild festgehalten haben, wie sie heute nicht mehr erhalten sind, ein unschätzbarer Wert für die Forschung.

In Jerusalem wurden seit 1867 im Auftrag des Palestine Exploration Fund durch den Ingenieur Charles Warren Sondierungsgrabungen in der Davidsstadt durchgeführt und zeichnerische Aufnahmen des zum Teil unterirdischen Wassersystems gemacht. Er entdeckte von der Gichonquelle ausgehend die älteste nachweisbare Wasserversorgungsanlage, die aus salomonischer Zeit stammt oder wohl schon für die früheren Bewohner der Stadt, die Jebusiter, unverzichtbar war. Die hier entdeckte Wasserleitung wurde Ende des 8. Jahrhunderts v.d.Z. ausgebaut und führte auf einer Länge von über 500m als Tunnel unter der Davidsstadt hindurch im Süden zu einem Sammelbecken, dem Shiloach-Teich. Hintergrund war die feindliche Bedrohung der Assyrer im Jahre 702, die bereits große Landesteile erobert hatten. König Chiskijahu ( Hiskia ) von Juda gab daher eiligst ein großes Bauprojekt in Auftrag, das neben der Verstärkung der Verteidigungsanlagen in Jerusalem auch den Ausbau der Wasserleitung vorsah, und zwar so, dass diese für den Fall einer Belagerung geschützt war und die Versorgung der Hauptstadt nicht gefährdet werden konnte. Mit der Fertigstellung war seinen Ingenieuren ein Meisterwerk der Technik gelungen: das können wir noch heute in den aus dem Fels gehauenen Tunneln sehen und sind sehr beeindruckt von der geschickten Wasserführung mit nur leichtem Gefälle über eine so lange Strecke, während wir unter Tage bis zu den Knien im Wasser stehen und uns vorstellen, wie die Bewohner von Jerusalem Wasser schöpfen konnten und der Feind draußen keinen Zugang hatte. Aber noch anschaulicher ist, was uns der Autor des 2. Königsbuches in der Bibel (20:20) darüber berichtet und später der Chronist (II 32:30) über eben diesen Tunnel ausführlich überliefert. Der biblische Bericht stellt den Zusammenhang zu der ausgegrabenen Anlage her und ist dramatischer Beweis dafür, dass es tatsächlich eine feindliche Invasion und lange befürchtete Belagerung der Stadt gegeben haben muss. Zudem haben wir hier den seltenen Fall, dass der bedeutsame Fund einer Inschrift das Bild abrundet. Im südlichen Teil des Chiskijahu-Tunnels wurde eine althebräische Inschrift gefunden ( s. Abb. ), die offenbar von den Arbeitern in die Felswand gemeißelt worden war und die schildert, wie der Tunnel von beiden Enden mit der Spitzhacke vorgetrieben wurde und dass tatsächlich beide Steinhauergruppen mit Hilfe von Klopfzeichen zusammentrafen. Nach der epigraphischen Datierung ist eine Zuordnung ins späte 8. Jahrhundert denkbar, und so kann hier mit einiger Sicherheit das Projekt eines hebräischen Königs aus der Bibel mit einem archäologischen Artefakt identifiziert werden.

Insgesamt gibt es wenig Inschriftenmaterial aus der frühen biblischen Zeit und die Datierungen sind so zahlreich wie die Vermutungen, dass es sich um Fälschungen handeln könnte. Immer mehr Kleinfunde wie Königssiegel oder beschriftete Tonscherben (Ostraka, die als Schreibmaterial benutzt wurden) tauchen aus dem Antikenhandel auf und stellen sich nach Laboruntersuchungen als gefälscht heraus. Dennoch gibt es vielfältige archäologische Anhaltspunkte dafür, dass biblische Erwähnungen tatsächlich einen historischen Wahrheitsgehalt haben, seien es Maßangaben, Namen oder kriegerische Auseinandersetzungen. Es sei hier nur hingewiesen auf die archäologische Arbeitsmethodik, einen sogenannten Zerstörungshorizont festzustellen, das heißt die durchgängige Brandschicht einer Besiedlung, die eine Datierung post und ante quem zulässt. Findet sich in dieser Schicht eine assyrische Pfeilspitze, so spricht viel für dafür, dass die Stadt bei einem assyrischen Angriff zerstört wurde. Alles, was sich darüber findet, ist in jedem Falle jünger zu datieren.

Was definiert nun eigentlich die biblische Archäologie? Sie versucht, Aussagen der Schrift (auch außerkanonischer Texte) zu Bodenfunden in Bezug zu setzen, und zwar in allen Gegenden, wo der biblische Bericht spielt. Übergeordnet ist ihr Ziel die Erforschung der

Siedlungs- und Kulturgeschichte Palästinas. Es liegt in der Natur der Sache, dass das Lager der rein wissenschaftlich arbeitenden Archäologen weniger Hemmungen hat, den Widerspruch der archäologischen Ergebnisse zu einer biblischen Aussage zu formulieren. Glaubensinhalte können eine große Rolle spielen, nämlich der starke Wunsch, zu einer bekannten Stelle aus der Bibel einen archäologischen Beweis zu finden. Gerade in den Kinderschuhen der biblischen Archäologie als eigener Wissenschaft in den 50er-Jahren war dieses Bild des Archäologen im Heiligen Land bekannt: der kernige, tatkräftige Archäologe in Sandalen mit Spaten und Bibel in der Hand. Es wurden ja auch in der Tat beweisende Funde gemacht und sie beflügelten die Ausgräber und die Weltöffentlichkeit, das ist heute noch so, aber manches Mal wurde mehr behauptet als gründlich untersucht und Widersprüchliches bewusst nicht erwähnt. Schlagzeilen wie «König Salomon hat wirklich gelebt und im Tempel in Jerusalem seine Psalmen gesungen» kann man auch heutzutage in regelmäßigen Abständen lesen oder in sensationell aufgemachten «Dokumentarfilmen» verfolgen. Solche Nachrichten haben eine große Verbreitung und nachhaltigere Wirkung bei den Rezipienten als Publikationen zum Thema. Sie stellen in effekthascherischer Aufmachung mit spannender Musikuntermalung ein Novum vor, einen Neufund oder die neue Deutung eines bekannten Artefakts. Das Fazit ist meist nicht so umwerfend und auch nicht sicher, bleibt am Ende doch rätselhaft und klingt mit einem vielsagenden Blick in die Wüste aus. Trotz allem wird auch in diesem Genre Wissen, vor allem historisches vermittelt. Die Zitate aus der Schrift werden aber gern aus dem Zusammenhang genommen und so angebracht, wie man sie zu seiner Aussage am besten einsetzen kann. Dies ist ein grundsätzliches Problem und es empfiehlt sich immer, die Zitate nachzuschlagen, um sie dann in einem anderen Licht zu erleben.

Die Bibelarchäologie hat sich als eigene Wissenschaft und als Lehrfach an vielen Universitäten etabliert, steht aber im Verständnis Vieler im luftleeren Raum zwischen den historischen Wissenschaften und der Bibelwissenschaft. Die Kritik von Seiten letzterer ist kaum mehr verständlich, wenn man sich vor Augen führt, wie erhellend die archäologischen Erkenntnisse für das Verständnis der biblischen Inhalte sein können: in Bezug auf topographische Umstände, historische, gesellschaftliche und politische Strukturen der jeweiligen Epoche, wirtschaftliche Voraussetzungen, religiöse Traditionen (auch im Funeralbereich) bis hin zu Erkenntnissen zur Ernährungsweise in der entsprechenden Region. Dafür bedient sich die Archäologie eines eigenen wissenschaftlichen Instrumentariums, das ganz anderen Kriterien als denen der Bibelwissenschaft unterliegt. Der Idealfall wäre eine offene Zusammenarbeit beider Wissenschaften auf internationaler Ebene und der Abbau aller Befürchtungen, die Archäologen respektierten nicht die verschiedenen Glaubensinhalte.

Letzten Februar hieß es in der «Daily Mail» sinngemäß: «Ein Hollywood-Regisseur stellt der Öffentlichkeit seinen Dokumentarfilm über Jesus mit Frau und Sohn vor; Pressekonferenz zur größten archäologischen Entdeckung aller Zeiten. Er enthüllt feierlich drei von zehn in Jerusalem (in Talpiot) wiederentdeckten Steinkisten mit den Inschriften: Jesus, Sohn des Josef, Juda, Sohn des Jesus und Maria Mariamne (Magdalena). DNA-Tests ergaben, dass Jesus und Maria nicht blutsverwandt waren. Die Folge daraus muss sein, dass sie verheiratet waren, sonst wären sie nicht im gleichen Grab bestattet. Judas' Sarg wurde an ihrer Längsseite aufgestellt.» Seit 15 Jahren ist der Fund der israelischen Antikenbehörde bekannt. Ihr Statement dazu: Diese Kombination von gebräuchlichen Namen wurde bereits mehrfach in anderen Grabkontexten der Zeitenwende gefunden. Die Familie von Jesus stammte aus Galiläa und hatte keine Verbindungen nach Jerusalem. Der Fundort steht jetzt unter strenger Bewachung, der Konferenzort wurde aus Angst vor Schaulustigen geheim gehalten. Hatte Jesus nicht im «Da Vinci Code» eine Tochter? Gibt es eine Grenze bei dem Spiel mit den Gefühlen derjenigen, die glauben?

 

Bettina S. Schwarz ist Klassische
Archäologin, Dozentin für Althebräisch am Abraham Geiger Kolleg und für Biblische
Archäologie an der Universität Potsdam
mit dem Schwerpunkt jüdische Bibel.

 

 

Bettina S. Schwarz

«Jüdische Zeitung», Oktober 2007