Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Wer waren die Aufseherinnen?Der Begleitband zur Ravensbrücker Ausstellung «Im Gefolge der SS» gibt Antworten
Kürzlich wurden vom United States Holocaust Memorial Museum Washington 116 Fotografien veröffentlicht, die SS-Wachmannschaften und SS-Helferinnen von Auschwitz beim ausgelassenen Miteinander nach Dienstschluss zeigen. Sie stammen aus dem Fotoalbum von Karl Höcker, der von Mai 1944 bis Januar 1945 Adjutant des Lagers war. Entstanden sind die Aufnahmen im Sommer 1944, in der Zeit als über 440.000 ungarische Juden nach Auschwitz-Birkenau deportiert und ermordet wurden. Ein Datum - zwei «Lebenswelten», die unterschiedlicher nicht sein können. Eine Diskrepanz zwischen dem verbrecherischen Tun und dem Verständnis eines normalen Lebens gab es nicht. Als Indiz für den «normal» empfundenen Alltag einer Tätigkeit im KZ können auch die privaten Fotos von Aufseherinnen des KZ Ravensbrück gelten. Sie bewahrten die Fotos in ihren persönlichen Fotoalben auf, damit waren sie Teil des selbstverständlichen Lebens und wert, erinnert zu werden. Sie sind heute einige der wenigen Quellen, die Aussagen über den Lebensalltag der Frauen ermöglichen. Publiziert wurden diese Fotos innerhalb der im Oktober 2004 in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück eröffneten Dauerausstellung «Im Gefolge der SS: Aufseherinnen des Frauen-KZ-Ravensbrück». Sie rückte die Gruppe der Aufseherinnen - das weibliche Gefolge der SS, die selbst jedoch keine Mitglieder der SS waren - erstmals in den Mittelpunkt der geschichtlichen Darstellung. Im Metropol-Verlag ist nun der Begleitband erschienen. Die Kuratorin der Ausstellung und Herausgeberin des Bandes, Simone Erpel, hat einen breit gefächerten Sammelband vorgelegt, der einen detaillierten Überblick über Biographien und Lebensalltag der Aufseherinnen bietet sowie nach Tradierung von weiblicher Täterschaft fragt. Zudem wird eine Zusammenfassung der juristischen Ahndung ihrer Verbrechen gegeben, die die Zeit von 1945 bis 1992 in den Besatzungszonen, von Bundesrepublik und DDR sowie dem heutigen Gesamtdeutschland umfasst. In Ravensbrück wurden zwischen 1939 und 1945 rund 4.000 Frauen zu Aufseherinnen ausgebildet beziehungsweise dort eingesetzt. 1939 errichtet, war Ravensbrück das zentrale deutsche Frauen-KZ, bis 1945 waren dort über 130.000 Frauen inhaftiert. Hauptanliegen des Bandes ist es, wie Jeanette Toussaint - wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ausstellung und Mitredakteurin des Bandes - erklärt, «das Bild der Aufseherin als Bestie zu demontieren, um zu zeigen, dass die Frauen, die als Aufseherinnen im KZ gearbeitet haben, ganz normale Frauen waren» (siehe Interview). Bis zum Beginn der 1990er-Jahre rückten die Täterinnen und Täter nur marginal ins Blickfeld der Geschichtswissenschaft. Im Mittelpunkt der Ausstellungen in den Gedenkstätten stand die Darstellung der «Tat ohne Täter». Offensichtlich war aber auch, dass die Verbrechen ohne die Auseinandersetzung mit den Tätern letztendlich nicht zu verstehen sein werden. In den einzelnen Biographien, die neben den Oberaufseherinnen Dorothea Binz, Maria Mandl oder der Kommandoführerin Irma Grese, auch weniger bekannte Frauen in den Blick nehmen, wird der Weg zur SS-Aufseherin nachgezeichnet. Der Großteil der Frauen besaß eine achtklassige Volksschulbildung, was dem damaligen Durchschnitt entsprach, sie arbeiteten als ungelernte Hilfskräfte in Haushalten, in der Gastronomie oder hatten eine Ausbildung absolviert. Über Zeitungsannoncen, durch Vermittlung über das Arbeitsamt sowie Verwandte und Bekannte funktionierte die Anwerbung von Frauen. Ab 1942 kam es durch die Erweiterung der Kriegsproduktion, die die Errichtung zahlreicher KZ-Außenlager zur Folge hatte, zu einer starken Rekrutierung von Aufseherinnen, die vorwiegend aus Rüstungsbetrieben kamen. Jeanette Toussaint verweist in diesem Zusammenhang, wie auch andere Artikel des Bandes etwa der von Stefanie Oppel, dass die späteren Aussagen, «man sei per Dienstverpflichtung gezwungen worden im KZ zu arbeiten», nur der eigenen Entlastung dienten. Die bereits im Juni 1938 erlassene Dienstverpflichtung «zur Sicherstellung des Kräftebedarfs für Aufgaben von besonderer staatspolitischer Bedeutung» verpflichtete die Frauen eine Arbeit annehmen zu müssen, der «Dienstort» musste aber keineswegs das KZ sein. Deutlich wird hier, dass die Frauen durchaus einen eigenen Handlungsspielraum besaßen und einige diesen durch Verweigerung auch nutzten. Mehr als befremdlich wirken die Darstellungen des Lebensalltags der Aufseherinnen in Ravensbrück in dem Artikel «Nach Dienstschluss». Nur wenige Meter von den Lagerbaracken entfernt, entstanden 1939 auch die Wohnhäuser der Aufseherinnen, in denen sich gut eingerichtete Dienstwohnungen mit Blick auf den Schwedtsee befanden. Den Frauen standen Einrichtungen wie «Kantine mit Kasino, Kino, Schneiderei, Frisierstube und Bibliothek» zur Verfügung, die zum Teil auf dem Lagergelände untergebracht waren. Für die Aufrechterhaltung dieser «Wohlfühlbedingungen» hatten die Häftlinge des Lagers zu sorgen, wie Jeanette Toussaint ausführt. Auch Mutterschaft, sowohl eheliche als auch uneheliche, war kein Problem «solange die „rassischen" Kriterien» stimmten. Die zunehmende Geburtenrate führte 1941 zur Einrichtung eines Kinderheims, dessen Betreuung ab 1942 auch im KZ inhaftierte Zeuginnen Jehovas übernehmen mussten.
Die fotografischen Abbildungen der Frauen in ihren Dienstuniformen sowie mit ihren Diensthunden auch außerhalb des Arbeitsalltags lassen auf eine «Zustimmung zum eigenen Tun» schließen, wie Insa Eschebach in ihrem Artikel überzeugend ausführt. Auf den heutigen Betrachter wirken diese Bilder deshalb so verstörend, weil sie die Identifikation mit dem für uns heute eindeutigen verbrecherischen Tun transportieren. Die von den Aufseherinnen empfundene «Normalität» wurde auch in den Nachkriegsprozessen nicht gebrochen. Die Verteidigungsstrategie baute neben dem «erzwungenen Dienst» ebenso auf der «Disziplinlosigkeit der Häftlinge» auf, die es zu reglementieren galt, eine eigene Schuld an der Misshandlung und Ermordung von weiblichen Häftlingen wurde dabei abgestritten. Diese Tradierungsmuster setzen sich bis heute fort, das zeigen die mit ehemaligen Aufseherinnen und ihren Kindern geführten Interviews. Die eigene Mutter wird aus dem Bild der «brutalen und schlagenden Aufseherin» herausgehoben, sie war stets nur ein «willenloses Rädchen». Dass die Täterinnen sich nicht von der deutschen Bevölkerung unterschieden, dass es sich keineswegs um «dämonische Ausführende» handelte, sondern um ganz normale Frauen beweist der Band eindrücklich. Und dies ist gerade das Schockierende. z
Simone Erpel (Hrsg.), «Im Gefolge der SS: Aufseherinnen des Frauen-KZ Ravensbrück». Metropol Verlag 2007. 374 S., 22 Euro. Der Band wird am 16. Oktober
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