Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Das war Neuland für uns»Jeanette Toussaint über die Arbeit mit ehemaligen Häftlingenund Aufseherinnen im KZ Ravensbrück
Das Buch versteht sich als Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung, die im Oktober 2004 in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück eröffnet wurde. Was ist das Anliegen der Dauerausstellung? Die Idee zur Ausstellung gab es schon Mitte der 1990er-Jahre und schon damals stand der Ansatz im Vordergrund, nicht nur die Zeit zwischen 1933 und 1945 beziehungsweise bis zu den Nachkriegsprozessen zu behandeln, sondern die Ausstellung bis auf die Gegenwart auszudehnen. Ein Ziel war es, das öffentliche Bild von der Aufseherin als «Bestie» zu demontieren, zu zeigen, dass die Frauen, die als Aufseherinnen im KZ Ravensbrück gearbeitet haben, ganz normale Frauen waren. Also zu fragen, wer waren sie, was waren ihre Motive als Aufseherinnen zu arbeiten, was waren ihre konkreten Taten. Es ging uns auch darum, nach den Handlungsspielräumen der Aufsehrinnen zu fragen, weil es gerade in den Prozessen viele Entlastungslegenden gab, zum Beispiel dass die Frauen per Dienstverpflichtung gezwungen wurden diese Arbeit zu machen, hätten sie es nicht gemacht, wären sie ins KZ gekommen. Wir haben im Laufe des Projektes Beispiele gefunden, wo Frauen sich geweigert haben und dies keine Konsequenzen nach sich zog. Sie haben innerhalb des Projektes auch Interviews mit ehemaligen Aufseherinnen geführt, die auch in der Ausstellung zu hören sind. Wie gestalteten sich die Interviews und welche Fragen standen im Vordergrund? Mit ehemaligen Aufseherinnen zu sprechen, war Neuland für uns. Es gab keine Erfahrung, wie man eine ehemalige Aufseherin interviewt. Für uns war zum einen wichtig zu erfahren, wie die Frauen dorthin gekommen sind, zum anderen, weil wir so wenig Informationen über das alltägliche Umfeld hatten, Hinweise darauf zu erhalten, Fakten aus ihrer Sicht: Wie sah das Konzentrationslager damals aus, was haben sie in ihrer Freizeit gemacht. Es ist eine Gratwanderung nicht in Empathie überzugehen, wenn man diese alten Frauen vor sich sieht und sie erzählen, wie sie Aufseherinnen geworden sind. Im Prozess selber haben wir gemerkt, wie wichtig es ist Abstand zu halten und mit diesem Abstand auch zu fragen. Immer wachsam zu bleiben, gerade wenn sich eine Art Vertrauen zwischen Interviewern und Interviewten aufbaut. Zudem stand auch die Frage im Raum, was machen wir, wenn sich im Interview Hinweise ergeben, die auf eine Beteiligung der Frau an Verbrechen deuten. Dies hätte auf jeden Fall die Einleitung juristischer Ermittlungen erfordert. Damit wäre auch das schwer aufzubauende Vertrauen zu den Angehörigen zerstört worden. Wie sah die Quellenlage aus und was stand im Mittelpunkt des Buches? Es ist eine Ausstellung, die sich auf wenig Material, auf wenige Forschungen stützen konnte und eigentlich erst die Forschung zu diesem Thema in Bewegung gebracht hat. Unsere Hauptquelle waren die Gerichtsunterlagen, zum einen weil die SS vor der Räumung des Lagers Personalakten verbrannt hat, zum anderen weil kaum ehemaliges SS-Personal bereit ist, um darüber zu berichten, das Schweigen besteht nach wie vor. Der Forschungsprozess hält bis heute an, das zeigt sich auch in dem Begleitband, der bewusst nicht als Katalog konzipiert wurde. Hier sollten Schwerpunkte der Ausstellung zur vertiefenden Auseinandersetzung aufgegriffen, aber auch neue Forschungsergebnisse präsentiert werden. Darüber hinaus gibt es Themen, die fehlen in der Ausstellung gänzlich. So wurden die österreichischen Nachkriegsprozesse, die Internierung von Aufseherinnen im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen oder auch die Erinnerungen der Bevölkerung von Fürstenberg an der Havel in den Band aufgenommen, da die Untersuchungen bis zur Ausstellungseröffnung noch nicht so weit waren. Wie haben die Überlebenden auf die Ausstellung reagiert? Es gab viele Befürchtungen, nicht nur von ehemaligen Inhaftierten, bevor die Ausstellung eröffnet wurde, dass die Perspektiven der Überlebenden zu wenig gezeigt werden könnten, dass man sie nicht stark genug abgrenzt von den Aussagen der Täterinnen. Deshalb haben wir auch eine klare gestalterische Unterscheidung zwischen Überlebenden und Aufseherinnen vorgenommen. Zudem wurde die Perspektive der Überlebenden von Anfang an einbezogen. Bei der Eröffnung waren die ehemaligen Häftlinge Batsheva Dagan, Irma Trksak und Edith Sparmann anwesend und haben dort öffentlich über ihre Erinnerungen gesprochen. Nach der Ausstellungseröffnung habe ich keine kritischen Stimmen mehr gehört, dass etwas falsch dargestellt oder die Ausstellung überflüssig wäre. Eher, dass es auch für die Überlebenden wichtig war, differenziert darzustellen: was war in Ravensbrück, was ist an diesem Ort geschehen. Ihre Erinnerungen mit den Fakten zusammen zu bringen und die Täterinnen sichtbar zu machen, um sie aus der Anonymität herauszuholen und zu zeigen, dass waren die Handelnden, sie haben das System unterstützt und mitgetragen.
Jeanette Toussaint war wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ausstellung |