Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() BuchtippKonkreter Geschichtsunterricht
Das Umschlagbild zeigt den Turm der (nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengten) Berliner Lazaruskirche, an dem 1933 neben der Kirchenfahne die Hakenkreuz-fahne weht, und weist so auf Zeit und Zeitgeist der Schrift hin, die der preußische Major a.D. und pensionierte Dorfpfarrer Richard Hoffmann 1934 kurz vor seinem Tode zu Papier brachte. In drei «Schauen» stellte er seine «Gedanken und Bilder über die Zeit von 1877 bis 1934» zusammen und unter den Titel «Leben aus Führung», dieses zugleich im größeren Anspruch als «Leben meines Volkes durch Gottes Führung» verstanden. «Führung» und «Führer» gehören zu den meist gebrauchten Begriffen dieser Schrift. Der Herausgeber und Kommentator Herbert Hoffmann-Loss macht gleich zu Beginn die Position seines Großvaters deutlich: «Als Landgeistlicher blickte Richard Hoffmann im Laufe der Jahre [...] voll Hoffnung auf den Nationalsozialismus und besonders auf Adolf Hitler als den von Gott gesandten Führer der Deutschen.» Nach einer Zeit, die er wie sehr viele Konservative als «Schmach und Schande» sah, hatte Richard Hoffmann Hitlers «Machtergreifung» als Aufbruch, als «Gnadenfrist» und «Bewährungszeit» für seine protestantische Gemeinde begrüßt. So viel zunächst über die «Erinnerungs-, Bekenntnis- und Erweckungsschrift» des Richard Hoffmann, die so abstruse historische und theologische Vorstellungen und Fehleinschätzungen enthält, dass sie heute, in zeitlicher Distanz, ohne Wissen um den Zeithintergrund und die Persönlichkeit des Verfassers kaum noch zu begreifen ist und deren Veröffentlichung ohne einen ausführlichen Kommentar auch nicht zu rechtfertigen wäre. Der Altphilologe und Diplomat Herbert Hoffmann-Loss hat sie wieder gefunden, gibt sie nun in die Öffentlichkeit und stellt ihr seine eigene umfangreiche Kommentierung voran. Es ist eine Auseinandersetzung mit dem großväterlichen «Erbe», der Versuch einer Erklärung. Eine Entschuldigung kann und will sie nicht sein. Julius H. Schoeps reiht in seinem Vorwort das Buch denn auch in die Erinnerungsbücher «schreibender Enkel» ein, die die Verstrickung ihrer Großväter in die Verbrechen der Nazizeit aufarbeiten. Dabei gibt er zu bedenken, dass Richard Hoffmann schon 1935 als hinfälliger Pensionär «abseits aller Mittäterei» gestorben ist. Ein Täter war er gewiss nicht, aber es stellt sich natürlich trotzdem die Frage nach der Rolle von Tätern und Zuschauern. Immerhin gab es 1935, und nicht erst da, schon genug zu sehen und, sowohl in kirchlichen Gremien als auch in den ländlichen protestantischen Pfarrkonventen, heftige Auseinandersetzungen. Das geht auch indirekt aus der Schrift selbst hervor. Ein Solitär ist Richard Hoffmann nicht gewesen, aber es gab auch klarere Denkungsart, der Enkel erinnert etwa an Martin Niemöller, dessen Weg «Vom U-Boot zur Kanzel» ein anderer gewesen ist. Pflichtbewusstsein und Widerständigkeit gingen 1935 in den Köpfen konservativer «Eliten» merkwürdige Symbiosen ein, die rechtzeitiges Handeln verhinderten. Bekanntlich positionierte sich erst in dieser Zeit und damit zu spät, die «Bekennende Kirche». Auch der von Pietismus und preußischem Militarismus seit seiner Kindheit geprägte Richard Hoffmann erlag nicht in allen Fragen nationalsozialistischen Parolen. Durch und durch konservativ, neigte er zur Glorifizierung von Familie, Sippe und Volk, lehnte vehement Pazifismus, Aufklärung und Liberalismus ab. Er floh in «deutsche Innerlichkeit» und Bibelfundamentalismus. Antisemitisch im Sinne der Nazis bis hin zur Ablehnung des «Alten Testamentes» seiner Lutherbibel war er nicht, und das nicht nur, weil seine Frau Margarethe Kummer eine Ururenkelin Moses Mendelssohns (!) gewesen ist. Die schlimmste Verirrung aber war seine eklatante Fehleinschätzung Hitlers. Außerdem ist sein «völkisches» Vokabular unerträglich. Das alles liest man nun zusammen mit dem Aufarbeitungstext des Enkels gleich zweimal. Trotzdem bleiben viele Fragen. Bei Richard Hoffmann ist deutlich: der Offizier a.D. war 1918 «nach 695 Gefechts-, Schlacht-, und Großkampftagen» ein körperlich und seelisch schwer angeschlagener, wenn nicht kaputter Mann. Auch als ein «Bekehrter» danach blieb er ein «Gotteskrieger». Für den Enkel sind die «Schauen» des Großvaters «eine Lektüre zum Verzweifeln», für die Leser konkreter Geschichtsunterricht.
Sabine Neubert Herbert Hoffmann-Loss: |