Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Ausgestoßen sein aus der GeschichteZum Tode von Kurt Julius Goldstein
Zum 70. Jahrestag der Zerstörung von Guernica im April dieses Jahres machte er sich die Mühe und sprach auf Katalanisch. Kurt Julius Goldstein wollte gehört, viel mehr noch aber verstanden werden. Das war in seiner Lebensgeschichte begründet, bereits in der Jugend angelegt, am eindrücklichsten formuliert in einem dem Vater zugeschriebene Wort: «Ausgeschlossensein von der Sprache bedeutet Ausgestoßensein aus der Geschichte. Verstummen bedeutet sterben.» Gern stehe er mir Rede und Antwort, meinte Kurt Goldstein auch, als ich ihn Ende des letzten Jahres um ein Gespräch bat. Die Diskussion um «Schalom 5767», die so genannte Berliner Erklärung, begann zu dieser Zeit langsam hoch zukochen und irgendwie musste man dieser von «deutschen Jüdinnen und Juden» unterzeichneten Aufforderung an die Bundesregierung, ihre Nahostpolitik zu ändern, journalistisch beikommen. Wie kann man als Jude, zumal als Überlebender von Auschwitz, einen Aufruf unterzeichnen, der in weiten Teilen der jüdischen Gemeinschaft als jüdischer Antisemitismus, zumindest aber als «jüdischer Selbsthass» gesehen wird? Das sollte mir mal einer erklären. Bei der Durchsicht der Unterzeichner stieß ich auf Kurt Goldstein, den Spanienkämpfer, den «Judenkönig», wie er von der SS in Auschwitz höhnisch genannt worden war. Da er in letzter Zeit etwas «schwach auf den Beinen» sei, bat er darum, dass ich zu ihm komme. Also machte ich mich auf und fuhr in die winterliche Dunkelheit nach Hellersdorf, mit der U5 vom Alexanderplatz aus eine halbe Ewigkeit in den Nordosten Berlins. Irgendwann fährt die Bahn dann überirdisch, man erkennt die riesigen Wohnblöcke, Spuren realsozialistischer Wohnungsbaupolitik. Wer weiß, wenn ich gewusst hätte, welche Folgen mein Besuch bei Kurt Goldstein haben würde, vielleicht wäre ich umgekehrt. Ärger hätte ich mir jede Menge erspart, aber eine außergewöhnliche Begegnung hätte ich ebenfalls verpasst. Von der U-Bahn zu Fuß bis zur Siedlung mit nach der Wende gebauten Reihenhäusern. Kurt Goldstein empfing mich bereits im Korridor, nachdem mir seine Frau die Haustür geöffnet hatte. In der Wohnung herrschte eine Temperatur, die weit über dem lag, was gewöhnlich sein mag. Hier fühlte er sich wohl, das war spürbar, zeigte mit dem Hinweis, «er hat hier das Sagen» auf einen stolzen Kater und leitete mich an den Esstisch und befragte erst einmal mich. Er zeigte Interesse an meiner Arbeit, ehrliches Interesse, kein geheucheltes und, das hat mich vielleicht am meisten beeindruckt, ohne Illusionen über den Alltag eines Journalisten in der heutigen Zeit. Hier saß kein alter Mann, der in der eigenen Vergangenheit schwelgte, keiner, der ohnehin besser wusste, wie es geht: «Sie machen das schon». Selten habe ich das einem Menschen abgenommen. Kurt Julius Goldstein war in dem Jahr pensioniert worden, in dem ich geboren wurde. Bereits im Jahr 1920 war der Vater des 6-jährigen Kurt Goldstein an den Folgen von Kriegsverletzungen gestorben, hatte seinem in Dortmund geborenen und in Hamm aufgewachsenen Sohn jedoch zuvor noch die Grundlagen der späteren politischen Überzeugung von Pazifismus und Menschenwürde mit auf den Weg gegeben. Er habe mit ihm geredet wie mit einem Erwachsenen. Auch mit den Schülern, denen Kurt Goldstein selbst bis zuletzt von seinen Erfahrungen in Spanien, Auschwitz und den Todesmärschen berichtet hat, sprach er wie mit Erwachsenen. Deshalb - und nicht als Märchenonkel aus einer düsteren Zeit - wurde er immer wieder als Redner in Schulen eingeladen. Das war sein Beitrag zur Bekämpfung neonazistischer Tendenzen. Was Kurt Goldstein dann mein Thema betreffend zu erzählen hatte, mag in mancher Hinsicht ebenso naiv gewesen sein, wie das, was er dann in seinem Artikel, um den ich ihn am Ende unseres Gesprächs bat, ausdrückte. Seine Überzeugung, dass Juden sich auf keinen Fall dessen schuldig machen dürfen, was ihnen selbst angetan worden war, saß derart tief, dass ihm die Idee, eine solche Auffassung könnte dazu missbraucht werden, deutsche Komplexe und Vorurteile zu verstecken, überhaupt nicht in den Sinn kam. Der Artikel war ein Desaster, es hagelte vernichtende Kritik und empörte Leserbriefe. Wir als Redaktion wurden kritisiert; Kurt Goldstein aber wurde aufs übelste beschimpft, unverhohlene Verachtung ihm gegenüber geäußert. Er sei der «Alibi-Jude» der DDR gewesen, habe sich aufgrund seiner Erfahrungen mit einem weiteren Unrechtssystem gemein gemacht, hieß es; hier komme der für die DDR typische Antizionismus zum Vorschein. Hätte ich Kurt Goldstein von all dem in Kenntnis setzen sollen? Ich habe es nicht gemacht. Nicht zuletzt, aus schlechtem Gewissen, ihn noch einmal in eine solche Situation gebracht zu haben. Inzwischen, nachdem ich viele Interviews mit ihm und Artikel über ihn gelesen habe, bin ich der festen Überzeugung, dass ich es ihm ruhig hätte sagen können. Denn er war fest verankert. Einerseits in seiner sozialistischen Überzeugung, die ihm bereits 1932 einen Schulverweis eingebracht hatte und nach zwei Jahren in Palästina dann 1936 bis 1939 in Spanien als Interbrigadist kämpfen und 1951 in die DDR übersiedeln lies. Hier war er dann später auch als Intendant des «Deutschlandsenders» und der «Stimme der DDR» in leitender, ja sogar staatstragender Position tätig. Bis zuletzt hielt er jener Partei, die bis heute dann und wann den Namen wechselt, als aktives Mitglied die Treue. Andererseits war er aber auch verwurzelt in seiner Familie, darauf legte er im Gespräch dezent, aber unmissverständlich Wert. Seit fast 60 Jahren mit seiner «liebe Frau» Margot verheiratet, war ihm diese wie auch die vier Kinder ein ebenso wichtiger Rückhalt. Beides ließ ihn auch die Strafrente, den Verlust von Amt und öffentlicher Anerkennung scheinbar ohne die geringste Verbitterung ertragen. Noch nicht einmal die Zeit in den schlimmsten Konzentrationslagern hat ihn verbittern lassen. Als Beweis dafür sparte er das Thema in unserem Gespräch aus: «Wie Sie vielleicht wissen, war ich in Auschwitz», führte er zur Untermalung einer These aus, «aber das tut jetzt nichts zur Sache». Durch den Zusammenbruch des politischen Systems in Osteuropa habe die Idee des Sozialismus erheblichen Schaden gelitten, war Goldstein überzeugt. «In dreißig, vierzig Jahren sind wie wieder soweit», zeigte er sich zuversichtlich, ehe er mich wieder in die Nacht entließ. Nun ist Kurt Goldstein, kurz von seinem 93. Geburtstag, im Kreise seiner Familie gestorben. Dass linke Zeitungen hymnische Artikel ihm zu Ehren veröffentlicht haben, war zu erwarten. Die Nachrufe in der bürgerlichen Presse, wenn der Ausdruck hier gestattet sei, sind rar und dünn. Das ist Zeichen dafür, dass man nicht weiß, wie man mit ihm, dem Spanienkämpfer und Auschwitzüberlebenden, aber auch dem wichtigen und vor allem «uneinsichtigen» Funktionär der DDR, umgehen soll. Bereuen müsse er nichts, war seine Auffassung. Denn bereuen müsse nur, wer seine Überzeugung verraten habe.
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