Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Ein jüdischer Regisseur russischer Sprache in UsbekistanZum Tode von Mark Weil
Nun wollte ich zu diesem Theater, welches an einem Abend den «König Ödipus» des Sophokles auf dem Spielplan hatte. Was mochte man aus diesem Stück hier im muslimischen Mittelasien gemacht haben!? Muslimisch war alles hier, trotz bolschewistisch-proletarischer Revolution - nur Technik und Soziales hatten sich erheblich verändert. Frauen konnten in ihren seidenen Gewändern ihre Schönheit zeigen. Ich hatte an jenem Tag an einer Exkursion ins Umfeld der Stadt teilgenommen und war in Zeitnot gekommen - das Theater begann wie fast überall in der Welt um 20 Uhr. Ich nahm ein Taxi und verlangte als Ziel das Theater Chamsa im «Prospekt Alischer Nawoi». Hier beginnt die eigentliche Geschichte dieses Nachrufs. Und ich bin in Not, den Ausgangsfehler, der zugleich in einen Witz und eine Belehrung mündet, optisch zu beschreiben. Ich sagte «Nawoi», ich sprach also eine Art Diphthong (eben «oi»). Der junge Fahrer mäßigte die Fahrt und korrigierte: «Nawo-i». Sprich nach: «Nawo-i»! Die Vokale waren zu trennen, der letzte zu betonen. Und dann erklärte mir dieser junge Mann, wer Chamsa und Nawo-i waren - in bestem Russisch. Da ich auch viertelwegs russisch kann, kamen wir auf der langen Fahrt ins Gespräch. Er war ein begeisterter Theatermensch (Heute würde man «Fan» sagen), studierte aber Theater und ist später Profi geworden - ein genialer Regisseur. Es war Mark Weil (eigentlich auf gut jüdisch Markus, wie er bestätigte), der nun Anfang September ermordet worden und dem nun in Trauer nachzurufen ist. Er war begeistert, dass ich als Europäer und Westler das Theaterleben Taschkents wahrnahm und weiter wahrnehmen wollte. Und besonders hatte ihn erfreut, dass ich die offenbar damals beste usbekische Inszenierung sehen wollte, in dessen Zentrum ein sagenhaft guter Schauspieler als Ödipus gestanden hatte: Schukur Burchanow (1920-1987), der auch moderne Rollen des internationalen und russischen (Tschechow) wie proletarisch-revolutionären Repertoires gespielt hatte - und im Musical von Stein und Bock «Anatewka» den Tewje. Dieser «Ödipus» war einer der besten, die ich je gesehen habe. Er war aufklärerisch geprägt und gegen jeglichen islamisch-orientalischen Fatalismus gerichtet. Sein Ödipus war die große Gestalt, wie vom Sophokles vorgegeben, sein Scheitern hatte tragische Größe. Als ich das Theater «Chamsa» verließ, wartete jener Student und Taxifahrer namens Mark Weil auf dem Vorplatz, um mich ins Hotel zu bringen. Doch er fuhr mich zunächst in ein kleines Restaurant, wo kaum westliche Ausländer hinkamen. Dort verbrachten wir im Gespräch die halbe orientalische Nacht. Ins Hotel kam ich erst gegen Morgengrauen. In Gepäck und Kopf hatte ich eine ganze Theaterästhetik des Ortes und ein Konzept für eine Bühne. Er liebte die Antike, wollte selbst mal den «König Ödipus» inszenieren (ganz sicher anders, obwohl er Burchanow auch großartig fand) und als seinen Lebenstraum die «Oresteia» des Aischylos. Und ich konnte erfahren, beziehungsweise sagte es ihm letztlich auf den Kopf zu, dass er Jude sei. Wie konnte das gelingen? Als Jude in Taschkent russisches - nicht usbekisches - Theater zu machen. Usbekisch könne er nicht gut genug. So die Antwort. Das lange nur für den Taxifahrer. Ich musste nach dieser Nacht bald abreisen, wir nahmen Abschied - wie anzunehmen, für immer - und keiner konnte ahnen, dass wir uns wiedersehen würden und dass die «Orestie» dereinst Erfüllung und Todesgesang sein werde. Fünfzehn Jahre später, also 1984: zum zweiten Mal Taschkent. Und wieder Theater. Das Gorki-Theater brachte einen mittelmäßigen «Jegor Bulytschow», das «Chamsa» ein usbekisches Stück über Timur Lenk und sein Verhältnis zur Astronomie, dessen Titel ich in meinem Archiv ich nicht mehr auffinden konnte. Aber ein Passant und zeitweiliger Begleiter meiner zahlreichen Gänge durch ein ziemlich verändertes Taschkent - meist belanglose Neubauten, zurückgedrängte orientalische Altstadt gab mir einen Geheimtipp: «Gehen sie unbedingt ins Theater Ilkhom, das ähnelt irgendwie dem Theater an der Taganka in Moskau - ist sehr explosiv und kritisch und auch lustig!» Ich tat es sofort. Es war weit draußen in der Neustadt, spielte in einem Keller. Underground im doppelten Sinne. «Ilkhom» ist ein Wort der Turksprache und heißt soviel wie «Eingebung, Inspiration», aber auch so etwas wie «Hoffnung». Es spielte - und spielt - in russischer Sprache. Aber wie staunte ich, als ich auf einem Programmzettel den Namen Mark Weil las. Das war doch der theaterbesessene Taxifahrer von einst. Ich ließ mich bei ihm melden, er kam nach einer ziemlich kurzen Weile. Wir stutzten zunächst - keiner brauchte zu erbleichen - wir hatten uns beide verändert. Ich erklärte ihm, wie er mir während der Fahrt zum «Ödipus» den Namen des Dichters Nawo-i (nun sprach ich ihn richtig) erklärt hatte, er brach in Gelächter aus, und wir umarmten uns. Allerdings schien er ziemlich krank und bestätigte dies. Doch erst sollten wir uns die Inszenierung des Abends ansehen: Es handelte sich um eine selten gespielte Komödie des russischen Dramatikers Alexander W. Suchowo-Kobylin (1817-1903), als dessen wichtigstes Werk die sogenannte «Tarelkin-Trilogie» herausragt. Die drei Stücke, eher Farcen zu nennen, heißen: «Kretschinskis Hochzeit» (1854), «Der Fall» (auf Deutsch: «Die Akte», 1861) und «Tarelkins Tod» (1861-69) Ich kannte bereits die Berliner Aufführungen, und «Die Akte» hatte ich 1967 oder 1968 in einer bemerkenswert kessen Inszenierung des Erewaner Sundukian-Theater gesehen. Doch die Weil'sche Arbeit machte mich so sprachlos wie staunen. Es war eine dramaturgisch geschickte Kompilation aller drei Stücke, die keine geschlossene Fabel und keinen geschlossenen Handlungsablauf, doch einen inneren Zusammenhang haben, den von Bürokratie, Korruption und moralischer Verworfenheit des Staats, ja des Systems, nun an drei verschiedenen Fällen demonstriert. Kobylin steht zwischen Gogol und Saltykow-Stschedrin, hat etwas von der Größe Alexander Ostrowskis und nimmt Majakowski, mit seinem jüdisch-untergründigen, manchmal unheimlichen Witz fast schon Kafka und Sternheim, von seiner komischen Darstellung sozialer Absurdität Beckett vorweg. Die trotz großer Kürzungen lange Aufführung hatte den kalten Atem einer langen Operation und verschlug fast den eigenen. Was einst gegen den Zarismus gerichtet, stach schmerzhaft in den Körper des selbst zur Farce verkommenen Breschnew-Sozialismus im orientalischen Kostüm. Diese und andere Aufführungen rückten das Ilkhom fast auf die Ebene des Moskauer Taganka-Theaters unter Ljubimow: Beide mehr als nur kritische Theater, sondern Zentren intellektuell-künstlerischer Opposition. Weil erzählte mir nachher - in wieder so einer langen orientalischen Nacht - vom Vergnügen der Produktion mit Schauspielern aus mehreren Unionsländern (später noch internationaler) und den Leiden durch die Schere der Zensur. Von seiner List im Widerstand und des Überlebens, der wahrhaft jüdischen List, die unser Volk in seinem jahrtausendlangen Überlebenskampf lernen musste und gelernt hat, aller Opfer eingedenk. Ein Jude machte russisches Theater modernster Bauart im usbekischen Orient! Unglaublich, aber wahr! Späteres konnte ich nicht mehr wahrnehmen, ich kam nie wieder dorthin. Hörte nur ab und zu von ihm und sah seinen Film «Jahrtausendwende: Taschkent». Zu seinen letzten Gastspielen in Deutschland, unter anderen bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen, konnte ich nicht fahren. Nach dem Zerfall der UdSSR wurde es für ihn und das Ensemble meist noch schwieriger. An die Stelle alter Sowjetbürokraten traten zunehmend islamische Fundamentalisten, die am liebsten gar kein Theater hätten. So weit zurückdrehen konnten sie bislang nicht. Ilkhom wurde zum besten Theater Mittelasiens überhaupt und ohne jede staatliche Unterstützung. Nur an Schauspielern, guten Schauspielern war es reich. Da der russische Einfluss zunehmend sank, formte Weil sein Theater nebst Theaterschule zu einer Art russischem Kulturzentrum im Orient. Das brachte ihm mehr Feinde als Neider ein. Feinde aus dem politischen Gestern, unter denen mit ziemlicher Sicherheit seine Mörder zu finden sind. Dennoch: Da hat sich in nahezu vollkommener Weise und auf geniale Art der Kreis seines Lebens geschlossen. Seinen damals geäußerten Wunsch, die wohl größte Tragödie der Weltdramatik, die «Oresteia», zu inszenieren, konnte er sich erfüllen. Am 6. September konnte er die Probenarbeit abschließen. Am späten Abend wurde er vor seinem Wohnhaus von zwei schwarz vermummten Männern ermordet - als ein Mann der Aufklärung, der den immer mehr um sich greifenden Umtrieben der Dunkelmänner zum Opfer fiel. Die Premiere fand planmäßig am Freitagabend statt- also zu Schabbat - und ward zur Totenfeier. In dieser Tragödie siegen bekanntlich eine neue Ordnung und überhaupt das Leben. Kaddisch für Markus Weil! |