Ohne Wenn und Aber einer von uns

Gedanken anlässlich der Beisetzung von Günter Nobel

 

Günter Nobel Foto:privat

Am 12. März 2003 hatte der Jüdische Kulturverein Berlin zu einem Fest geladen, denn Günter Nobel war gerade 90 Jahre alt geworden, aber bekanntlich legte er wenig Wert auf solche Art Ehrungen. Also bat er seine Gäste um gute Laune und solidarische Spenden für seinen Verein. So haben wir auch seinen 85. gefeiert, den 80. hatte er uns vorenthalten.

Günter, der Nachfahre bedeutender deutscher Rabbiner, der von den Nazis exmatrikulierte Berliner Student, der Kommunist, Brandenburghäftling zwischen 1936 und 1939, der Werkzeugmacher, Shanghai-Emigrant, SBZ-Rückkehrer aus politischer Überzeugung, der Ehemann, Vater, Groß- und Urgroßvater, Freund und Genosse, - er wirkte schließlich als längst berenteter Wirtschaftsfunktionär über Jahre hinweg auch als engagiertes Vorstandsmitglied im Jüdischen Kulturverein Berlin. Wenn ich an ihn in dieser Funktion denke, fällt mir seine wache Disziplin ein, seine klare Parteilichkeit, sein solidarisches Mitgefühl, sein verschmitzter Humor. Er war ohne Wenn und Aber einer von uns.

Wie andere seiner Generation hatte auch Günter Religion und jüdisches Brauchtum mit Muttermilch und Vaterwort aufgesogen, aber wie sehr viele unserer sozialistischen Eltern schlug auch er dieses jüdische Erbe aus. So war er an dessen Weitergabe an uns wegen frühzeitig intensiver Politisierung in SAP und KPD folglich auch nicht beteiligt.

Günter starb im Moment der Neueröffnung der liberalkonservativen Synagoge Rykestraße im Prenzlauer Berg am 31. August. Zwei Tage später wurde in Berlin das Chabad Bildungszentrum eröffnet und die dortige orthodoxe Synagoge geweiht. Das alles hätte ihn vermutlich nur mäßig interessiert, aber wäre er dennoch aus irgend einem Grund dabei gewesen, hätten ihn die aus aller Welt nach Wilmersdorf eingeflogenen orthodoxen Rabbiner ganz sicher an seine Vorväter erinnert. An jene, die den Schabbes kodesch noch heilig nannten, deren Söhne schon vom Schabbat sprachen, aus dem schließlich eine Generation später bereits der Sonnabend, das Wochenende geworden war.

Wenn mit Sonnenuntergang für Günters jüdische «Familie» Jom Kippur beginnt, den sein Onkel, der Rabbiner Josef Nobel sel. A., den «Tag der Seele» genannt hat. Werden wir dann Kaddisch für Günter sagen, so, wie seine Vorfahren es taten und wie Günter nach dem Fall der Mauer in Erez Israel am Grabe seines Vaters sagte.

Dass er und Genia, seine Frau, sich nach dem Ende der DDR ausgerechnet und neben allen anderen Aktivitäten in einem Jüdischen Kulturverein beheimatet haben, dass sich Günter in unseren Sprecherrat wählen ließ, dass er dadurch über Jahre unsere endlosen Debatten zu Religion und Weltlichkeit, über die richtige Gestaltung jüdischer Feiertage und die Kaschrut freundlich, gar wohlwollend zur Kenntnis nahm und gern mit orthodoxen Besuchsrabbinern plauderte, die ihn als einen Nobel-Nachfahren mit größter Hochachtung behandelten, gehörte dazu. Für ihn war es Ehrensache, seine Gäste aus Übersee stolz an unserer Sedertafel zu platzieren oder sie zum Kabbalat Schabbat mitzubringen - vor allem, wenn Mottek Weinryb der Schabbesgeber war, dessen Parteibürge Günter wurde, als Mottek nebst Familie aus Israel in die DDR übersiedelte. Das hat uns manches mehr über Günters kulturelle Jüdischkeit, über seine selbstverständliche, sich selbst verstehende jüdische Identität verraten.

Aus mir nicht bekannten, wohl weit zurückliegenden, gewiss religiösen Gründen, waren zwei der großen rabbinischen Dynastien in Deutschland, die der Nobels und Carlebachs, heftig und unversöhnt miteinander verfeindet. Im Jahr 1990 kam der unvergessene Reb Shlomo Carlebach sel. A, der fast letzte bekannte Rabbiner aus der berühmten Carlebach-Dynastie aus Manhattan, wo er nun lebte, zu uns in den Jüdischen Kulturverein. Er sang wie immer predigend und predigte singend mit, für und bei uns, aber er tat dies auch im Westberliner Interkonti-Hotel. Dort fand gerade irgendeine jüdische Tagung statt, und dadurch wurde wahrscheinlich sein Flugticket bezahlt. Einige von uns folgten Reb Shlomo brav dorthin, in einer Eingebung flüsterte ich ihm zu, dass sich auch Günter Nobel unter den Gästen befinde. Sofort holte der Rabbiner den überraschten Günter auf die Bühne, er umarmte ihn, und so kam es endlich zu der längst überfälligen und unerwarteten Aussöhnung der Familien Carlebach und Nobel.

Damals war mir und uns nicht einmal im Entferntesten klar, dass in diesem Moment an der jüdischen Geschichte Deutschlands weiter geschrieben wurde.

Ich lernte Günter in den 80er-Jahren bei der DDR-Liga für Völkerfreundschaft kennen. Ich vertrat aus irgendeinem Grund die Jüdische Gemeinde Ostberlins bei diesem Treffen. Als erstes erzählte mir Günter ironisch von seiner Cheder-Zeit, etwas kokett fügte er hinzu, dass er seither in keiner Synagoge war. Ich habe ihn damals vermutlich agitiert. Später, als er unser Vorstandsmitglied war, freute er sich, wenn ich beim Kabbalat Schabbat zum Beispiel aus den Haftara-Interpretationen seines Onkels zitierte. Aber Günters Prioritäten waren dennoch andere: Ihm ging es um die Erfahrungen aus dem Widerstand und um die daraus abzuleitende politische Agenda der Gegenwart. Er war, er sah sich als einer der letzten Zeitzeugen, die über den Kampf und die Lehren daraus berichten konnten. So, als wir beispielsweise zum ersten Mal Heinz Fromm, den Präsidenten des Bundesverfassungssamtes zu einem öffentlichen Gespräch in den Verein eingeladen hatten. Es war natürlich Günter, der eindringlich argumentierend von diesem das Verbotsverfahren der NPD anmahnte. Kein Antifa-Sonntag im September, kein Fabrik-Aktions-Gedenken, keine politische Debatte, die er freiwillig verpasst hätte.

Von Günter wissen wir auch, dass jüdische Häftlinge im Zuchthaus Brandenburg seelsorgerisch betreut wurden. Als er dort inhaftiert war, konnten sie zu Pessach Mazza bestellen, und jüdische Gemeinden schickten Rabbiner in die Haftanstalten, die auch als Mittelsmänner zu jüdischen Hilfsorganisationen fungierten. Die politischen jüdischen Gefangenen wie Günter liebten die Predigten und die Mazza aber vor allem wegen der damit verbundenen Treffen mit den Genossen und wegen der Zugabe gegen den Hunger. Günter teilte seine Mazza mit seinem Zellengenossen Bruno Baum, der, wie Günter uns sagte, aus kommunistischer Überzeugung keinerlei religiöse Zugeständnisse machen wollte. Aus dem braunen Mazze-Packpapier entstanden Günters Zettel für englische Vokabeln - das gehörte zu seiner Vorbereitung auf das Exil.

Aus Shanghai kehrten auch Günter und Genia 1947 mit kämpferischer Zuversicht in eine absehbar spätere DDR zurück - nicht zuletzt war es Bruno Baum, der Auschwitz überlebt hatte und sie in Briefen nach Shanghai von dieser Mission überzeugte.

Jetzt ist Günter abberufen worden.
Jetzt ist es an uns, Abschied zu nehmen.
Wir werden dafür zu sorgen haben, dass Güntersdeutsch-jüdisch-politisch-kulturell-persönliche Biographie nicht allzu einseitig erinnert wird.


Möge ihm die Erde leicht werden.

Berlin, im September 2007

Irene Runge

«Jüdische Zeitung», Oktober 2007