Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Stets so schreiben wie die Großmutter erzählt hatWie kommt der Mensch auf den einst viel gelesenen und bald vergessenen Leopold Perutz?
Bei Alfred Polgar, dessen wunderbare, reizvolle Feuilletonkunst bis heute unübertroffen ist, findet sich eine Rezension aus dem Jahr 1924, die diesem jüdischen Schriftsteller gewidmet ist. Makellos in der stilistischen Analyse heißt es darin: «Perutz ist kein Literat. Von den Verlogenheiten, Klebrigkeiten, Künsteleien, Schwindeleien des Metiers ist in seinen Büchern keine Spur.» Und dann folgen zwei Bemerkungen, die noch bedeutender erscheinen als der kleine Seitenhieb auf den damaligen Literaturbetrieb: «Es fehlt ihnen völlig die Phrase, die übernommene sowohl wie die neu verfertigte. Naturgemäß wird diese besondere technische auch zur besondern geistigen Qualität. [...] Phrase, schöne Formulierung, absichtsvoll origineller Ausdruck sind unserm Autor - ich sagte schon: er ist kein Literat - etwas schlechtweg Widernatürliches.» Das Fehlen der Phrase als technische und geistige Qualität zu loben, ist doch ein Urteil, das in seiner Radikalität den vielen unter den wenigen Autoren nicht zugemutet werden kann. Seinen Stand in der Geschichte bewertete der so erhobene Leopold Perutz 1949 folgendermaßen notwendig und prophetisch: «Die wirklich maßgebenden Faktoren, die Zeitungen, die Kritik, die Verleger und die Literaturgeschichte, registrieren mich als nicht mehr vorhanden, wenn nicht gar als nie vorhanden gewesen. Umso sicherer ist meine Auferstehung in 40 Jahren, wenn mich irgendein Literaturhistoriker wiederentdeckt und ein großes Geschrei darüber erhebt, dass meine Romane zu Unrecht vergessen sind.» Umso erstaunlicher ist es, dass sich die Germanistik tatsächlich beinah exakt in diesem Zeitrahmen für ihn zu interessieren begann und den Versuch unternahm, das Wirkungsgeheimnis seiner Bücher zu entschlüsseln, deren «Inhalt, sozusagen, aus lauter Inhalt» bestand. Die Mehrschichtigkeit seiner Romane, die thematischen und motivischen Zusammenhänge im Geflecht kunstvoller Konstruktionen fordern die genaue Lektüre seiner Texte. Perutz war ein Schriftsteller, der einer gewesenen Zeit den Atem abzulauschen vermochte, der mitunter sehr mühevolle und langwierige Arbeitsprozesse durchmachte und sich jeden einzelnen Satz als tragendes Teil dachte, wobei das Credo seines Schreibens denkbar atmosphärisch klang: «Ich bemühe mich immer, so zu schreiben, wie meine Großmutter mir Geschichten erzählt hat.» Im Widerspruch zu dieser mehr oder weniger persönlichen Bemerkung mag stehen, dass sich Perutz, abgesehen von der Nachkriegszeit, beharrlich weigerte, sich zu seiner Biographie zu äußern und lediglich zur Antwort gab, dass seine innere Entwicklung sich für jeden, nur nicht für ihn, aus der Lektüre seiner Romane ergebe. Inzwischen gibt es jedoch eine Fülle sachdienlicher Hinweise auf den Menschen Leopold Perutz, der so lakonisch-selbstverliebt nur mit seinem Werk in den Vordergrund treten wollte. Im Kreise seiner Generation pflegte Perutz Freundschaften mit Bertolt Brecht, Ernst Weiß, dem Reiseschriftsteller Arnold Höllriegel (Richard A. Bermann) und Egon Erwin Kisch, den er vor der Polizei versteckte. Er korrespondierte mit Arthur Schnitzler und Hermann Broch und trat nach dem Krieg öffentlich für «Kollegen» ein, die sich während der Nazizeit in Österreich durch Kollaboration zu helfen wussten: Bruno Brehm, Mirko Jelusich oder Josef Weinheber seien hier zu nennen. Mit Ausnahme der Jahre 1918/19 enthielt sich Perutz weitestgehend politischer Äußerungen oder gar Betätigungen und seine wenigen, persönlich-parteilosen Tagebuchaufzeichnungen oder Briefe zur politischen Situation zwischen 1933 und 1945 zeugen in ihrer Essenz von der Einsicht, dass es von einer Idee zur Ideologie nur ein ganz kleiner Schritt ist. Die Eindrücke vom Menschen Perutz zeigen einen höchst widersprüchlichen, kontrapunktisch handelnden und denkenden Menschen, schwankend zwischen schroffer Ablehnung und überwältigender Herzlichkeit. Geprägt durch die Zeitläufe und nicht zuletzt die Prager Herkunft, bezeugt Perutz in den historischen Romanen eine tief empfundene Skepsis, die sich erfrischend durch sein Werk zieht und der Freiheit, selbständig zu denken breiten Raum lässt. Ein Individuum, das im luftleeren Hier und Jetzt beheimatet ist und in Lebensrezepten und der Langeweile einer gespielten Spiritualität sein Heil sucht, ist Perutz' Sache nicht. «Blickt man auf die überlieferten Quellen, so lebt Perutz gleich in dreifacher Gestalt fort. Da gibt es den Kaffeehausliteraten: eine schroffe, leicht bizarre Gestalt im Café Herrenhof, schlagfertiger Feind allen literarischen Cliquenwesens und Snobismus', Freund eines sarkastischen, oft verletzenden Spotts. [...] Da gibt es den Versicherungsmathematiker, der von 1907 bis in die zwanziger Jahre und wieder im Exil in Israel einem bürgerlichen Beruf bei verschiedenen Versicherungsgesellschaften nachging und der sich Zeit seines Lebens für Probleme der höheren Mathematik interessierte», so Hans-Harald Müller im Nachwort zum Novellenband «Herr, erbarme dich meiner». Perutz war aber auch ein begeisterter Kartenspieler, Sammler alter Schwerter und Goldmünzen, Vater, Ehemann und «geistiger Schwerarbeiter», wie ihn sein Schriftstellerkollege Paul Frank beschrieb. Und er war deutschsprachiger Jude, geboren in Prag, aufgewachsen in Österreich, literarisch in Deutschland beheimatet und exiliert in Palästina. Die Jahre nach dem Krieg und bis zu seinem Tod 1957 verbrachte er hin und her pendelnd zwischen Österreich und Israel. Zwischen diesen Stationen steht der Mensch, dem die Heimat fremd, die Fremde aber nie Heimat wurde. Den Leopold Perutz der Außensicht zu verlassen und die Innenansicht seines Lebens zu betrachten, ist dagegen immer noch ein weitaus schwierigeres Unterfangen, dass sich ehestens aus der Distanz erklären lässt, die Perutz zwischen sich und die Menschen zu legen wusste. Das gilt selbst für seine Kinder und Enkel, die rückblickend einen Vater und Großvater beschreiben, für den all zu große Nähe immer mit der Preisgabe des Zauberwortes seines Wesens verbunden war. In seinem Buch «Böhmische Dörfer. Wanderungen durch eine verlassene literarische Landschaft», das den Fokus auf die verloren gegangene Prager deutsche Literatur legt, die eben nicht nur durch Franz Kafka repräsentiert wird, zeigt etwa Jürgen Serke einen Menschen, der dem Leser mit seinen Romanen seine Verschlossenheit erschließt, ohne persönlich anwesend zu sein. Er lässt Perutz aus seinen Werken sprechen, ohne das Verlangen nach der Autonomie des Kunstwerks zu verletzen. In ganz groben Zügen heißt das: «Wer nur Ratio sieht, sieht nur sich selbst. Für Perutz gibt es keine Welt ohne Transzendenz. Jedes Element verrät diese heimliche Signatur. Das Irrationale ist für ihn noch das durch seinen geheimnisvollen Ursprung legitimierte Geistige.» Die mitunter zahlensymbolisch gearbeiteten Konstruktionen und die mehrfache Kodierung seiner Texte als kunstvolle Rätsel legen davon Zeugnis ab. Ebenso die handelnden Personen, die unter falschen Prämissen antreten und diese folgerichtig und konsequent zu Ende bringen; Schicksalsgauner, die ihre Lebensbilanz frisieren und Ereignisketten ihrem logischen Ende zuführen. Diese innewohnende Transzendenz aber, chiffriert durch Gott, sichtbar als Zufall und Notwendigkeit, als Erinnerung und Identität, als Schuld und Erkenntnis, dechiffriert sich erst im Bemühen des Einzelnen, sein Werk deutend zu verstehen. Jürgen Serkes wunderbarer Versuch, eine Vielzahl an Romanzitaten beinah wörtlich Perutz in den Mund zu legen, ergibt das Bild eines Menschen, der sich zwischen den Zeilen versteckt, ein Fremder im eigenen Gewand. Einer, der auf der Geschichtlichkeit des Menschen und ihren schrecklichen Irrtümern beharrt und geradezu verlangt, die Bedeutung, die in der Geschichte liegt zu entdecken und die Monstrosität der Jahrtausende anzuschauen. Perutz ist ein Verzweifelter, der sich, wie Serke schreibt, zusammenreißt, weil er erkennt, dass gerade die seelische Instabilität des Menschen Geschichte möglich macht. Insbesondere in den historischen Romanen sind es die persönlichen Motivationen und Affekte, die den Verlauf geschichtlicher Ereignisse bestimmen. Das intendierte Handeln der Akteure ist nur der Ausdruck für den Menschen, der sich seiner Selbstgewissheit beraubt und die unkalkulierbaren Folgen dieses Handelns zu verstehen versucht. Indem Perutz die Problematik des modernen Menschen in den Mantel der Geschichte steckt, stellt er den «einen» großen Zusammenhang her und widerspricht dabei völlig der überkommenen Tradition historischer Romane. Das Motiv der verirrten Kugel, die zielgerichtet abgefeuert wird und dennoch einen gänzlich anderen Weg nimmt, bevor sie im Räderwerk der Geschichte stecken bleibt, ist beispielhaft für jene unstabile Verbindung. «Welch eine Nacht der Unwissenheit, in der wir leben», heißt es in der Novelle «Die Geburt des Antichrist», wobei sich dieser letztendlich als der berühmte Hochstapler Guiseppe Balsamo, genannt Cagliostro, entpuppt. Ein Mensch, der seine Geschichte annimmt, so wie einer ein Urteil annimmt. Daher also die ablehnende Distanz, die Perutz in dem Augenblick verlässt, als er versucht, ganz gegenwärtig, die Umstände seiner Flucht 1938 schriftstellerisch zu verarbeiten («Mai-nacht in Wien»). Der Roman ist Fragment geblieben und wer die erhaltenen Kapitel liest, muss feststellen, dass «die Logik des Wunderbaren» sich nicht mehr entrollt, die Prinzipien der bisherigen Romane wirken nicht mehr. In dem Augenblick, da die Geschichte im zu nahe tritt und ihn seines Haltes beraubt, bricht er sein literarisches «Programm» beim großen Welttheaterschwindel ab. Die Gewichte (Identität, Erinnerung, Schuld, Erkenntnis, Zufall, Notwendigkeit), die er auf die Waage legt, reichen nicht mehr aus, die innere Spannung auszugleichen, die Leopold Perutz sein Leben lang aushält: «In mir ist eine Schraube locker geworden oder eine Feder gebrochen, die Schraube oder Feder, die sieben Jahre (1938-1945 ) lang meine Spannkraft, meinen Optimismus, mein Vertrauen in die Zukunft aufrecht und in Gang erhielt, die mich Nacht für Nacht am Radio auf Nachrichten, gute und böse, mit unbeirrbarer Zuversicht horchen ließ.» Und wie manch andere auch wünscht er sich zurück in die Niederlage von 1918, weil der Sieg 1945 keiner ist. Das Werk dieses Schriftstellers lässt sich aus immer neuen Perspektiven und unter neuen Vorsätzen in dieses oder jenes Licht zu rücken. Doch ist es sicher nicht unter Vorzeichen der phantastischen Literatur zu betrachten, denn es erscheint schließlich nur als zeitgemäß, wenn der Verlust der Transzendenz, den Perutz beklagt, ins Reich der literarischen Phantastik verwiesen wird. Ebensowenig lässt sich das überlogische Element in seiner Verbrüderung mit der täglichen Vernunft zur derzeitigen Esoterik in irgendeine verwandtschaftliche Beziehung setzen. Wie auch immer es bezeichnet werden soll, Schicksal, Gott, Teufel, gut oder böse, es ist den Gestalten seiner Romane zugehörig und durch sie geschaffen. So sind der Pakt mit dem Teufel oder die unglaubliche Verwandlung eines Leutnants oder die Auferstehung eines toten Müllers stets das beinahe romantische, innere Bild, das vor die Seele kommt. Die Perspektive, Perutz in Wien um 1900 zu suchen, zeigt ihn in der Treibhausatmosphäre der beginnenden Moderne und vornehmlich im Café Herrenhof. Sigmund Freud, Ernst Mach, Schnitzler, Hofmannsthal, Karl Kraus, Hermann Bahr und Alfred Adler (die Reihe kann fortgesetzt werden). Die Namen markieren verschiedene Programme und sind doch in Hassliebe miteinander verbunden. Sie alle sitzen im Kaffeehaus, tragen verqualmte Dispute und Feindseligkeiten aus und sind zusammengehalten vom Gedanken an das brüchig gewordene «unrettbare Ich», dessen eins-tige Einheit sie alle genussvoll zu Grabe tragen. Das heutige oft so selbstzufriedene Selbstverständnis spricht immer noch von der Unkenntnis seiner pathologischen Voraussetzungen. Die kunstvollen Rätsel, die Perutz aufgibt, stehen im vielfach gebrochenen Licht seiner Protagonisten, die ohne Erinnerung auch keine Identität mehr besitzen und deren Erzählungen genau genommen unglaubhaft sind. Einer von ihnen, «Turlupin», verhindert sogar in psychopathologischer Selbstüberschätzung große Geschichte. Und dann, im sicheren Spiegelkabinett der Sichtweisen, liest man seinen letzten zu Lebzeiten erschienenen Roman «Nachts unter der steinernen Brücke». So mild, zauberisch und poetisch will er zu den anderen, scharf geschliffenen Spiegeln nicht passen. Perutz kehrt zurück nach Prag, zu Kaiser Rudolf, Rabbi Löw, in das alte Judenghetto, zur böhmischen und jüdischen Geschichte, aber nicht «betont jüdisch», wie er 1950 fast rechtfertigend an einen Freund schreibt: «Ich wollte nur eine Geschichte aus dem alten Prag erzählen.» Trotzdem wird das Buch erst nach mehreren erfolglosen Versuchen veröffentlicht, da einige Verlage ihr Publikum mit einer wie auch immer gearteten jüdischen Thematik nicht konfrontieren wollen, ihre Ablehnung aber mit kaufmännischen Argumenten bemänteln. Wichtig ist aber, dass das Sich-Zusammenreißen in ihm ein Ende findet. Perutz geht durch seine Lebenszeit zurück und betrachtet altersvoll, was immer von Dauer war und unerkannter Halt. In einem Brief heißt es: «Lieber noch als Wien würde ich Prag wiedersehen, aber dort dürfte es heute recht trostlos aussehen. Das Prag, das ich wiedersehen möchte, ist längst vom Erdboden verschwunden.» Und an anderer Stelle: «Ich bin aber das ganze Leben lang vom Prag meiner Kindheit nicht losgekommen. Ich ging immer dem Phantom des Prager Ghettos nach und habe es überall gesucht. Manchmal fand ich „etwas", was mich an das Ghetto erinnerte: Einst glaubte ich es in Sfax in Tunis zu sehen, einst sah ich es in Jerusalem im arabischen Viertel.» Das Buch selbst setzt sich aus vierzehn Novellen zusammen, die sich eng verwoben zum Kreis schließen, zum märchenhaften Zirkelschluss einer Lebenszeit. Die absichtsvolle Arbeit dauert dreißig Jahre, begonnen 1924 mit einer Novelle, 1936 nimmt er den Stoff wieder auf und 1945 wiederum beendigend zur Hand. Dass Perutz die Novellen nicht einzeln veröffentlicht hat, verdeutlicht seine Überlegung, die Stücke zu einem Novellenroman zu verschmelzen. Ein Leben lang also und hintergründig getragen von den Zeiten des Exils ebenso wie von den Zeiten seiner größten Erfolge. «Es ist das wundervollste und schönste Buch, das ich seit langem gelesen habe», so der Eindruck eines Zeitgenossen. Die überlogische Kausalität begleitet hier nicht demaskierend das menschliche Handeln, sondern wirkt im Sinne einer Wahrheit, die tragisch oder skurril, trennend oder verbindend, geahnt oder herbeigerufen, in beredtem Schweigen das Leben begleitet. Die bereits genannten Gewichte schließen sich während der Lektüre zusammen, aber nicht als Teile der großen Weltwaage. Es scheint vielmehr, als wären es die Teile jener unlösbaren Zufallsformel, die das Leben bestimmt. «Der Deutsche erwartet von vornherein nicht von seinen Autoren, dass sie Dichter sein und zugleich unterhaltsam schreiben können.» Das äußert Carl von Ossietzky und noch etwas: «Er ist ein Dichter mit der Fähigkeit, ungewöhnlich fesselnde Romane zu schreiben, ich betone: ein Dichter.» Die Titel der Literaten sagen aus, was sie wollen, ihre Inhalte zeigen dann, was sie nicht gekonnt haben. Leopold Perutz, von dem ein anderer Österreicher sagte, er sei bei sich selbst als Kopfträger angestellt, erspart seinen Lesern diese Enttäuschung.
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