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Hans-Harald Müller, Herausgeber der Werke Perutz' und sachdienlicher Begleiter in den Nachworten der Romane und Novellen, hat nun anlässlich des fünfzigsten Todestages des Schriftstellers eine, dem Äußeren nach, umfangreiche Biographie vorgelegt. Nüchtern ist der Titel («Leo Perutz», Zsolnay 2007, 408 S., 24,90 Euro) und nüchtern und affektlos ist der Inhalt. Die Bedeutsamkeit dieser Biographie besteht nun darin: «Perutz konnte nicht wissen, dass seine Art der literarischen Kreativität und Produktion sowie die für ihn charakteristische Lebensführung ein eigenes kulturhistorisches Interesse gewinnen würden.» Der Leser aber kann nicht wissen, welche Banalität in dieser Aussage liegt; dass Privatgeschichte und die Geschichte einer Kultur oder Gesellschaft miteinander korrelieren, ist weder eine Neuigkeit noch verwunderlich. Überhaupt entsteht der Eindruck, dass Hans-Harald Müller der Bitte Perutz', die dieser an Josef Kalmer richtet, «schreiben Sie nichts über mich und alles über meine Romane» gerne nachgekommen wäre, um sie zwiespältig, aber faktenreich dennoch zu erfüllen. Leopold Perutz, von dem Anton Kuh sagte, er sei bei sich selbst als Kopfträger angestellt, bleibt seltsam blass in der Lebensbeschreibung, auch wenn etwa sein politisches Engagement am Ende des Ersten Weltkriegs hinreichend gewürdigt wird. Bestimmte Aussagen aber, die Perutz nach 1945 traf und die ihm menschliche und reflektierende Konturen verleihen, sind ausgespart. An seine Freundin Gerty Kelemen etwa schreibt er: «Von dem Gefühl, dass die Welt Dich sorgsam in die Arme nehmen müsse, um Unrecht gut zu machen, solltest Du Dich so bald wie möglich freimachen. Die Welt ist eine miserable nurse und macht auch niemals Unrecht wieder gut, sondern richtet, wohin Du schaust, neues Unrecht an.» Oder wenn er Stellung zum Nationalismus des Jahrhunderts nimmt und postuliert, dass ein Nationalist «einer ist, der sein eigenes Volk gar nicht liebt, sondern nur ein anderes hasst». Solche Stellen fallen mehr oder weniger der Einschätzung Müllers zum Opfer, der Dichterbiographien als «Verletzung des Diskretionsgebots gegenüber Verstorbenen [...] und Verstöße gegen die guten Sitten» wertet. Momentaufnahmen der Persönlichkeit dieses Schriftstellers finden sich deswegen selten in der Biographie, die keine sein möchte. Am stärksten wirkt das Buch dort, wo Müller narratologisch einzelne Werke betrachtet und sie in die Chronologie einbettet. Zweifellos sucht die erzähltechnische Brillanz Perutz' ihresgleichen, besonders im Vergleich zur derzeitigen Inflation historischer Romane, die nicht länger geschrieben, sondern produziert werden. Über den Weg der Erzähltechnik und -haltung werden die verschiedenen Ansprüche deutlich, die den Reiz der Perutz-Lektüre ausmachen. Stets bleibt eine endgültige Deutung allein dem Leser überlassen, der sich im Vexierspiel der Möglichkeiten eine eigene Haltung suchen darf und unbemerkt an den kunstvollen Konstruktionen teilnimmt, die Perutz ersonnen hat. Und doch eignet den Büchern etwas, das über die Frage hinausgeht, ob ein Erzähler zuverlässig ist oder nicht, inwieweit etwas verifiziert werden kann oder nicht: das ist «die Phantasie der Notwendigkeit, die Logik des Wunderbaren», von der Hermann Broch spricht. Die exakte Phantasie des Leopold Perutz findet sich in seiner Sprache, in rhetorischen Figuren und Vorausdeutungen, die erahnen lassen, was geschehen wird und für die Alfred Polgar das Wort von der «überlogischen Kausalität» geprägt hat ohne Metaphysik zu meinen. Die Biographie also ist für den Einstieg aus einem bestimmten Blickwinkel bestens geeignet, ihre Schwäche besteht darin, dass ihr etwas Mechanisches anhaftet, das Diskretionsgebot tritt vor die Persönlichkeit und macht sich narrative Luft in den Besprechungen. Die Nachworte aber, die Hans-Harald Müller den einzelnen Werken Perutz' beigefügt hat und die er teilweise wörtlich in sein Buch übernimmt, atmen etwas mehr jene geistige Luft, die der Mathematiker Perutz seinen literarischen Gleichungen eingehaucht hat - als unbekannte Konstante, die ganz bestimmt vorhanden ist und diesen einzigartigen Schriftsteller auszeichnet. |