«Mein Vater, die Deutschen und ich»

von Jurek Becker

 

 

Buchcover

Jurek Becker (1937-1997) hat sich sein ganzes Leben lang gewünscht, selbst über seine Identität entscheiden zu dürfen: Juden waren seine Eltern gewesen, er selbst empfand sich keiner Definition des Judentums zugehörig, obwohl er sich - nicht zuletzt durch eigene bittere Erfahrung - stets der Tatsache bewusst war, dass man zum Juden immer von außen gemacht wird und dass diejenigen, die einen zum Juden erklären, nie Rücksicht auf das Selbstbild des auf diese Weise Ausgegrenzten oder Vereinnahmten nehmen. An seine Kindheit im Ghetto von Lodz hatte Becker keinerlei Erinnerung, dennoch müssen die traumatischen Erfahrungen massive Spuren in seinem Unbewussten hinterlassen haben, wie er noch im letzten Interview drei Monate vor seinem allzu frühen Krebstod konstatierte: er habe zwar versucht Zugang dazu zu erlangen, sei aber daran gescheitert. Vielleicht konnte Jurek Becker gerade aus diesem innerlichen Missverhältnis heraus so bedeutende Werke wie «Jakob der Lügner» oder «Bronsteins Kinder» schaffen, die sich auf für den Autor so typische, ebenso intelligente wie unterhaltsame Art und Weise mit universellen Fragen nach persönlichem Mut und politischer Verantwortung beschäftigen. Zehn Jahre nach Beckers Tod ist nun ein Band mit Aufsätzen, Vorträgen und Interviews erschienen, der zum einen die schon 1996 unter dem Titel «Ende des Größenwahns» vom Autor selbst zusammengestellten Arbeiten wieder zugänglich macht, zum anderen bisher unbekannte Texte aus dem Nachlass und in diversen Zeitschriften verstreut erschienene Artikel erstmals chronologisch in Buchform versammelt. Über das Judentum hat der scharfsinnige Dialektiker immer wieder geschrieben, natürlich über die DDR, die Wiedervereinigung und das Scheitern der Utopien, aber auch über die olympischen Spiele, seine innige Freundschaft zu Manfred Krug und die westliche Zivilisation. Beckers überwache Wahrnehmung der nach dem scheinbar endgültigen Sieg des Kapitalismus immer deutlicher hervortretenden Defizite unserer Kultur führten schließlich zu einer tiefen Resignation, die das frühe Ende dieses großartigen Schriftstellers und Menschen bereits erahnen lassen. Es ist ein großes Vergnügen, Jurek Becker, seinem hellsichtigen Witz, seiner sprachlichen und gedanklichen Klarheit noch einmal begegnen zu dürfen.

«Mein Vater, die Deutschen und ich»,
erschienen bei Suhrkamp, 326 Seiten, € 19,80

 

 

«Jüdische Zeitung», Oktober 2007