Neue Synagoge in Moskau. Foto: dpa

Weiterleben wie bisher: Juden in Moskau

Erfolgreiche Geschäftsleute, Kulturzentren und ein kurzer Draht zur Macht

 

MOSKAU - Vor dem jüdischen Gemeindezentrum «Marina Rostsche» in Moskau ist ein Kommen und Gehen. Gläubige wollen zum Gebet, Familienangehörige begrüßen sich auf dem Weg zu einer Jubiläumsfeier, Männer mit Sporttaschen sind auf dem Weg zum Trainingssaal. Das imposante sechsstöckige Gemeindezentrum mit Synagoge, Bibliothek, Restaurant und Sportzentrum nördlich des Stadtzentrums wurde an Stelle einer 1993 abgebrannten Holzsynagoge erbaut. Am Eingang des neuen Zentrums geht es zu wie auf einem Flughafen. Mitarbeiter eines privaten russischen Wachdienstes kontrollieren Besucher-Taschen in einer Röntgenbox. Alle Neuankömmlinge müssen durch eine Sicherheits-Schleuse.

Die Besucher des Zentrums nehmen die Sicherheitsmaßnahmen inzwischen gelassen. Einsicht in die Notwendigkeit: Mitte Januar vor gut einem Jahr wollte der junge Rechtsradikale Aleksandr Kopzew, ein 20-jähriger Arbeitsloser mit kahlgeschorenem Kopf und guten Kontakten zur Moskauer Skinhead-Szene, in das Gemeindezentrum eindringen. Als er die Polizeistreife vor dem Zentrum sah, zog er weiter ins Stadtzentrum. In der Synagoge an der Bolschaja-Bronnaja-Straße gelang ihm der Zutritt während des Abendgebets, obwohl er ein großes Jagdmesser dabei hatte. Mit «Heil-Hitler»-Rufen und «Sieg Heil! Ich töte!» lief er durch die Gänge und verletzte acht Menschen, unter ihnen ein Amerikaner, ein Israeli und ein Tadschike. Vier Opfer mussten auf der Intensivstation behandelt werden.

«Relativ viel Freiheit»

Mendel Sack, ein junger Religionslehrer mit einem rotblonden Bart, der an einer jüdischen Jungen-Schule in der Nähe des Gemeindezentrums arbeitet, denkt nicht an Auswanderung. Wenn man sich in Russland über jeden derartigen Vorfall wundere, «verliert man sehr viel Nerven. Wir versuchen so weiterzuleben, wie wir vorher gelebt haben». Als Jemand der in Russland geboren ist, fühlt sich der 25-Jährige Russland tief verbunden. «Ich liebe Israel und bin russischer Patriot. Das ist kein Widerspruch.» In Russland gäbe es heute viele jüdische Geschäftsleute. Man kann heute als Jude ohne Probleme eine Ausbildung machen. Es gäbe «relativ viel Freiheit», meint der Pädagoge. Dass in den letzten Monaten Tausende Georgier ausgewiesen wurden, ist nach Meinung von Sack kein ethnisches Problem. Dahinter stehe ein «politischer Konflikt zwischen zwei Staaten». Solange Russland mit Amerika und Israel befreundet sei, drohe den Juden in Russland keine Gefahr. «Aber», so schränkt der junge Lehrer ein, «das kann sich ändern. In Russland ist alles möglich».

Ausgeh-Warnung am Hitler-Geburtstag

An bestimmte Einschränkungen mussten sich die Juden in Moskau allerdings gewöhnen. Anja Lewina, Sekretärin der jüdischen Studentenorganisation «Gelel», meidet bestimmte Metro-Stationen, wo sie schon öfter rechtsradikale Jugendliche gesehen hat. Die Studenten an der Moskauer Staatlichen Universität - so berichtet die 24-Jährige - werden von ihren Lehrern gewarnt, an bestimmten Tagen auf die Straße zu gehen. Wer nicht eindeutig slawisch aussieht, bleibt an Tagen wie dem Hitler-Geburtstag im nächsten Monat oder dem «Tag der nationalen Einheit» lieber zuhause.

In Russland gibt es verschiedene Gedenktage, an denen man den militärischen Sieg über Hitler-Deutschland feiert. Die Ursachen für den Faschismus werden in den Schulen und in der Öffentlichkeit jedoch kaum thematisiert. Dass in Europa während der Naziherrschaft sechs Millionen Juden ermordet wurden, wurde zu Sowjetzeiten verschwiegen. Auch heute ist das Wissen darum sehr gering. Der Holocaust wird heute an russischen Schulen in 20 Minuten abgehandelt, berichtet Ilja Altmann. Er ist Vorsitzender des Moskauer Holocaust-Zentrums. Seit Anfang der 1990er Jahre arbeitet das Zentrum daran das öffentliche Schweigen über die Judenvernichtung zu durchbrechen, mit äußerst geringem Erfolg. Aus der Vernichtung von Millionen Juden habe die russische Gesellschaft keine Lehren gezogen. Als die russische Presse in den letzten Monaten behauptete, unter den Georgiern gäbe es besonders viele kriminelle Elemente, fühlte sich Altmann an das Deutschland von 1933 erinnert.

Zur Zeit richten sich rechtsradikale Aktivitäten vor allem gegen Gastarbeiter aus dem Kaukasus und Studenten aus Afrika. Dass die rechtsradikale «Bewegung gegen illegale Migration» DPNI am 4. November letzten Jahres, dem neuen nationalen Feiertag zur «nationalen Einheit», eine Kundgebung mit 2.000 Teilnehmern abhielt, besorgt die jüdische Gemeinde, Panik gibt es jedoch nicht. Den geplanten «Russischen Marsch» der DPNI - nicht jedoch die Kundgebung der Rechtsradikalen - hatte die Stadtverwaltung verboten.

Für Altmann ist der Marsch, der im Jahr zuvor noch ohne Behinderung durch die staatlichen Sicherheitsorgane stattfand, ein «gefährliches Symptom». 3.000 Rechtsradikale zogen im November 2005 mit Hitler-Gruß und «Ausländer-raus»-Rufen durch die Moskauer Innenstadt. Dass die Organisatoren von der DPNI «ihre Ideologie als offizielle Ideologie des Staates ausgeben», findet Altmann äußerst bedenklich.

Allein durch Verbote lasse sich das Problem des Rechtsradikalismus natürlich nicht lösen. In einem großen Teil der russischen Gesellschaft und insbesondere in der Jugend gäbe es «einen Wunsch lautstark auf sich aufmerksam zu machen». Das Problem sei jedoch nicht größer als beispielsweise im Osten Deutschlands. Die «scharfen sozialen Gegensätze» und eine bestimmte Politik förderten ausländerfeindliche Einstellungen. Als der Gouverneur von Karelien nach dem antikaukasischen Pogrom im nordrussischen Kondopoga Verständnis für den «Volkszorn» zeigte, nahm die Öffentlichkeit das stillschweigend hin.

Oberrabbiner wirbt für Anerkennung Russlands

«Wenn sie einer Diskriminierung aus religiösen oder nationalen Gründen ausgesetzt sind oder Zeugen eines Vorfalls auf antisemitischer Grundlage werden, oder selbst darin verwickelt sind, wenden sie sich an uns. Ein erfahrener Jurist berät sie.» Wer die Website der Föderation der jüdischen Gemeinschaften Russlands FEOR aufruft, findet diesen Aufruf und Nummern von Not-Telefonen.

Der Antisemitismus ist immer noch lebendig. Trotzdem habe sich die Lage sehr verbessert, meint Timur Kirejew, Sprecher der FEOR, welche die Interessen der etwa eine Million Juden in Russland vertritt. Wenn der Oberrabbiner Russlands, Berl Lasar, in die USA fährt, wirbt er dafür, Russland endlich als normales Land anzuerkennen, berichtet Timur Kirejew, der auch Sprecher des Oberrabbiners ist. In Russland, so Lasar, könnten Juden heute wieder frei leben.

Der Oberrabbiner wirbt in den USA auch für die Abschaffung des Jackson-Vanick-Gesetzes, einem 1974 vom US-Kongress beschlossen Zusatz zum Handelsgesetz, mit dem die Vereinigten Staaten durchsetzen wollten, dass die Sowjetunion die Ausreisebeschränkungen für Juden nach Israel aufhebt. Mit dem Jackson-Vanick-Gesetz wurde die Meistbegünstigung im Handel mit der Sowjetunion aufgehoben und die Zollgebühren für Waren aus der Sowjetunion und anderen Staaten ohne Marktwirtschaft und mit restriktiver Migrationspolitik erhöht.

Israel als geistige Stütze

«Israel ist unsere geistige Stütze», so Kirejew. «Aber unsere Haupt-Stütze sind Hunderte von jüdischen Geschäftsleuten und Politikern in Russland», die «helfen bei der Regelung von organisatorischen und finanziellen Fragen».

Vorsitzender des FEOR-Beirats ist kein geringerer als Roman Abramowitsch. Der 40-jährige Selfmade-Unternehmer stieg in den 1990er Jahren in das russische Öl- und Aluminiumgeschäft ein. Heute ist Abramowitsch mit einem geschätzten Vermögen von 18 Mrd. Dollar der reichste Mann Russlands. Im Gegensatz zu dem ehemaligen jüdischen Yukos-Chef Michail Chodorkowski hat sich Roman Abramowitsch unter Putin aus der Politik weitgehend herausgehalten. Der Kreml behelligte den Milliardär nicht, spannte ihn aber erfolgreich als Sponsor für die fernöstliche Armutsregion Tschukotka ein. Abramowitsch, der weltweit durch den Kauf des englischen Fußballclubs Chelsey bekannt wurde, die «Jüdische Zeitung» berichtete seinerzeit ausführlich, wurde auch Sponsor des russischen Armee-Fußballclub ZSKA. Jetzt will er außerdem in Moskau für 226 Mio. Euro ein neues Fußballstadion bauen.

Kurzer Draht zum Kreml

Die FEOR, so Kirejew, habe nichts gegen den vom Kreml neu eingeführten Feiertag der «nationalen Einheit». Alle Völker in Russland hätten «Anteil an der russischen Kultur, auch die Juden». Im Kommunismus sei viel zerstört worden, deshalb sei es gut, wenn sich die Russen wieder auf ihre Traditionen besinnen.

Die Rechtsradikalen versuchten den neuen Feiertag für ihre Zwecke zu missbrauchen. Das russische Volk, so Kirejew, habe keinen Hang zum Extremismus. Dass der «Russische Marsch» Ende letzten Jahres verboten wurde, rechnet sich die Föderation der jüdischen Gemeinschaften Russlands auch als eigenes Verdienst an. An der Gegen-Kundgebung der Moskauer Antifaschisten beteiligte sich die Föderation indes nicht. Kirejew: «Manchmal ist es besser, sich mit einem Vertreter der Macht zu treffen, als irgendwo mit einem Plakat auf einem Platz zu stehen. Das ist so eine Besonderheit Russlands.»

Ulrich Heyden

«Jüdische Zeitung», März 2007