«Der schwarze Regen»

von Flavio Soriga

 

 

Buchcover

In seinem bekannten, der klassischen Tarantella nachempfundenen Chanson «Bocca di rosa» erzählte der italienische Poet und Liedermacher Fabrizio di André vor 30 Jahren von einer über alle Maßen schönen, begehrenswerten jungen Frau, Rosenmund genannt, einer Kleinstadtprostituierten, deren Leidenschaft die Liebe ist, und die nichts selbstverständlicher findet als damit auch Geld zu verdienen. «Aber die Leidenschaft führt oft dazu, das eigene Verlangen zu befriedigen», heißt es im Text: «ohne zu erkunden, ob der andere ein freies Herz oder eine Ehefrau hat.» Am Ende wird Rosenmund von der aufgeschreckten Obrigkeit aus dem Dorf gejagt - im nächsten Ort aber bereits von einer jubelnden Menge dankbar und erwartungsvoll empfangen. Ein schlimmeres Ende hingegen findet die Protagonistin in der literarischen Version des von di André vorgegebenen Themas, dem soeben in deutscher Übersetzung erschienenen Roman «Der schwarze Regen» von Flavio Soriga, geboren 1975 in Cagliari/Sardinien. Sein literarischambitionierter Beinahe-Kriminalroman spielt in einem gottverlassenen, ungemein plastisch und stimmungsvoll vor den Augen des Lesers erstehenden kleinen Dorf in der regengepeitschten sardinischen Provinz. Die schöne Grundschullehrerin Marta führt ein selbstbestimmtes, freizügiges Leben, ohne sich um Konventionen und Traditionen zu scheren. Sie ist in ihrer zur Schau gestellten Vitalität und Unabhängigkeit die ideale Projektionsfläche für heimliche männliche Leidenschaften und weiblichen Hass. Als sie eines Tages grausam ermordet aufgefunden wird, scheint die verschworene Gemeinschaft aufzuatmen, und der Polizeichef erklärt den Fall schnell für gelöst. Einzig der mit seinem Posten in der Provinz unzufriedene junge Kommissar, ein feinsinniger und studierter Mann, der gern mal einen Joint raucht und am liebsten Gedichte liest, will den Fall nicht zu den Akten legen. So entfaltet sich vor dem Leser anhand der polizeilichen Ermittlungenen ein tiefgreifendes, zum Teil deprimierendes, aber ungeheuerlich atmosphärisches Psychogramm einer Dorfgemeinschaft und ihrer fehlgeleiteten, zum Teil abgründigen Träume vom Glück.

«Der schwarze Regen», aus dem Italienischen von Michael von Killisch-Horn, erschienen bei Luchterhand, 221 Seiten, € 8,00

 

 

«Jüdische Zeitung», Oktober 2007