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Seit 1957 vergibt der Zentralrat der Juden in Deutschland den Leo-Baeck-Preis an Personen, die sich um die Verständigung von Juden und Nichtjuden sowie die deutsch-israelischen Beziehungen verdient gemacht haben. Am 6. November wird die Auszeichnung, die an den Rabbiner Leo Baeck (1873 - 1956) erinnern soll, zum 50. Male verliehen, und zwar an die amtierende Bundeskanzlerin. Doch wirft man einmal einen kurzen Blick auf die Mitgliederliste der Preis-Jury von 1957, dann findet sich darauf so ein bedeutender Name wie etwa der von Max Horkheimer. Und Horkheimer steht für eine sehr kritische Position in der Beurteilung gesellschaftspolitischer Ereignisse. Wozu auch die Vergabe solcher hochkarätiger Preise zählt. Wäre es nicht an der Zeit, wieder Juroren vom Schlage eines Horkheimer mit ins Boot zu holen, kritische Stimmen, die sich nicht scheuen, den Blick auch auf solche preiswürdigen Personen zu richten und für deren Ehrung zu sorgen, die vor ihrer Nominierung nicht erst mit materiellen Werten oder Gegenleistungen praktisch zur Verfügung standen oder die nicht unbedingt erwarten lassen, nach einer Preisvergabe mit materiellen Gegengaben sich zu bedanken? In diesem Zusammenhang sei an Persönlichkeiten und Leo-Baeck-Preisträger erinnert wie etwa Berthold und Else Beitz (1999) und den jüngst verstorbenen Judaisten, Historiker und Publizisten Ernst Ludwig Ehrlich s. A. (1958), die sich uneigennützig an echtem Humanismus orientierten und sich wahrlich um die Verständigung von Juden und Nichtjuden und um klare gesellschaftskritische Positionen in diesem Kontext verdient gemacht haben. Blicken wir kurz auf das Jahr 2006 zurück. Der Zentralrat der Juden in Deutschland zeichnete seinerzeit den Münchner Verleger Hubert Burda mit dem Leo-Baeck-Preis aus. Diesem gesellschaftlichen Ereignis war ein anderes, imgrunde recht lobenswertes vorausgegangen. Hubert Burda hatte für das neue Jüdische Gemeindezentrum in München eine millionenschwere Spende getätigt. Doch bei allem Respekt für materielle Unterstützungen an jüdische Einrichtungen, kommt die Überlegung auf, ob die Vergabe eines Leo-Baeck-Preises nicht immer öfter an Belangen wirtschaftspolitisch opportuner Spekulationen und kapitalstarker Personen in Politik und Wirtschaft gemessen wird. Auch Preise, gerade wenn sie zu tief in die Fahrwasser von Politik oder Wirtschaft getaucht werden, können ganz schnell von einer speziellen Art der Inflation zeugen. Wenn nun Frau Merkel den Leo-Baeck-Preis erhält, dann sollte man eben auch daran denken, dass im November über die Erhöhung der Bundesmittel um zwei Millionen Euro für den Zentralrat entschieden werden soll. Weiß man noch dazu, dass sie im März nächsten Jahres in Berlin den «Humanitarian Award» der jüdischen Organisation B'nai B'rith entgegennehmen wird, dann möchte man hoffen, dass die spezielle Verzahnung von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik nicht nur die materiellen Mittel heiligt, die sich im Rahmen einer solchen Preisverleihung möglicherweise ergeben Doch die Bundeskanzlerin besitzt noch ein paar Preise. Etwa den «World Statesman Award». Den gibt es seit 1965. Anfang September nahm sie ihn aus der Hand von Henry Kissinger in New York entgegen.Vergeben wird der Preis von der «Appeal of Conscience Foundation», was auf Deutsch so viel wie «Mahnung an das Gewissen Stiftung» heißt. Ins Leben gerufen hat diese «Stiftung» Rabbi Arthur Schneier, der als gebürtiger Wiener vor den Nazis in die USA geflohen war und sich seither für religiöse Toleranz und Menschenrechte einsetzt. Alljährlich zeichnet die Stiftung des Rabbi Schneier Menschen aus, die sich - wie gesagt - etwa für Menschenrechte besonders hervorgetan haben. Aber was Josef Ackermann oder Carly Fiorina auf der Liste von Personen zu suchen haben, die von dieser Stiftung mit Auszeichnungen bedacht wurden, irritiert ein wenig. Denn neben dem «World Statesman Award» vergibt die Stiftung auch noch den «Appeal of Conscience Award» an verantwortungsbewusste Wirtschaftsmanager. Ackermann ist Chef der Deutschen Bank und Fiorina war Chefin des IT-Konzerns Hewlett-Packard. Und was beide für religiöse Toleranz, Menschenrechte und verantwortungsbewusstes Handeln geleistet haben sollen, will sich einem nicht ganz erschließen. Ist aber auch nicht weiter dramatisch, schließlich ist es ein Rabbi, der mit der Preisverleihung zu tun hat. Denn wer nun die Bundeskanzlerin noch dazu ermahnt, ihren Worten in Sachen Solidarität mit Israel vielleicht ein wenig mehr Taten folgen zu lassen oder wer sie ermahnt, beispielsweise endlich härtere Sanktionen gegen den Iran und seine Machthaber durchzusetzen, die immerhin nach der Atombombe streben, der wird auf Auszeichnungen wie den «World Statesman Award» oder eben den Leo-Baeck-Preis verwiesen, welche die Bundeskanzlerin doch aus jüdischer Hand erhalten hat. |