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Ein bewusst gewählter GegenpunktIn Großbritannien sorgt ein jüdischer Aufruf zu mehr Pluralismus für Wirbel
LONDON - Was in der Originalversion gestelzt und abstrakt klingt, ist eigentlich einfach - und starker Tobak: «Wir sind eine Gruppe von Juden in Großbritannien, mit unterschiedlichen Berufen und Zugehörigkeiten. Gemeinsam ist uns ein starkes Engagement für soziale Gerechtigkeit und universelle Menschenrechte. Wir schließen uns zusammen, weil wir glauben, dass die breite Meinungsvielfalt der jüdischen Bevölkerung dieses Landes nicht von den offiziellen Institutionen repräsentiert wird, die genau dies für sich in Anspruch nehmen. Wir glauben weiterhin, dass Einzelne und Gruppen innerhalb von Gemeinschaften sich frei fühlen sollten, ihre Ansichten zu Themen öffentlichen Interesses zu äußern ohne Vorwürfe von Illoyalität auf sich zu ziehen» - so erklärte Anfang Februar eine Gruppierung von Jüdinnen und Juden in Großbritannien. Was gefordert wird, ist Meinungspluralismus. Die «Independent Jewish Voices» (IJV) wollen anders denken dürfen - natürlich über Israel: kritisch und vor allem ohne dafür als Nestbeschmutzer dazustehen. Die Organisation sei einer Frustration über die verbreitete Auffassung entsprungen, nach der Juden Großbritanniens stets einstimmig sprächen - und diese eine Stimme stets die Politik der israelischen Regierung unterstützen würde, so berichtet die britische Tageszeitung «Daily Mail» als die IJV erstmals in die Öffentlichkeit trat. Betrachtet man die Liste der Unterzeichner der Erklärung, wird schnell deutlich: Die Mitglieder der IJV sind nicht irgendwer. An die 150 namhafte britische Juden haben die Erklärung unterzeichnet. Es tauchen auch auf dem Kontinent bekannte Namen, wie jener des Literaturnobelpreisträgers Harold Pinter, des Historikers Eric Hobsbawm und des zum Ritter geschlagenen Menschenrechtsanwalts Sir Geoffrey Bindman auf. Auch der Regisseur Mike Leigh, die Schauspieler Stephen Fry und Zoë Wanamaker sowie Modedesignerin Nicole Farhi unterstützen die Erklärung. Sie alle fühlen sich nicht repräsentiert von der Delegiertenversammlung der britischen Juden, die höchste offizielle Instanz der Juden in Großbritannien, die mit dem Slogan «die Stimme des britischen Judentums» für sich wirbt, wozu der Plural im Namen der IJV ein bewusst gewählter Gegenpunkt ist. Nach eigenen Angaben verschaffen diese sich gerade jetzt Gehör, da sie die Stabilität im Nahen Osten und damit die Zukunft der Staaten Israel und Palästina gefährdet sehen. Dabei betonen sie fünf Punkte mit Nachdruck: Die Menschenrechte seien universell und überall aufrecht zu erhalten. Dies gelte für Israel und die Palästinensischen Gebiete wie für jeden beliebigen Ort. Zudem hätten Israelis wie Palästinenser das «Recht auf ein friedliches und sicheres Leben». Frieden und Stabilität erforderten den Willen aller Konfliktparteien internationalem Recht zu entsprechen. Es gebe keine Rechtfertigung für jegliche Form von Rassismus, weder für Antisemitismus noch für Islamophobie oder anti-arabischen Rassismus. Und abschließend: Der Kampf gegen den Antisemitismus sei lebhaft, aber unglaubhaft, wenn Opposition gegen Israel automatisch als antisemitisch gebrandmarkt werde. Dass dies der Fall ist, bestreitet allerdings das mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland vergleichbare «Board of Deputies of British Jews» in einer öffentlichen Erklärung. Meinungsvielfalt und Diskussion, die die IJV nun anstoßen will, seien, inklusive des kritischen Blicks auf israelische Tagespolitik, unter jüdischen Briten längst gang und gäbe - und im Sinne des talmudischen Disputs sogar ausdrücklich gewünscht. Über fehlende Aufmerksamkeit können sich die «Andersdenker» unterdessen nicht beschweren, auch wenn sich die angeheizte Diskussion bisher auf britische, einige israelische und englischsprachige jüdische Medien beschränkt. Dennoch sieht der «Jewish Chronicle», nach eigenen Angaben weltweit die älteste und einflussreichste jüdische Zeitung, eine weltweite Rebellion aufziehen: «Inzwischen gewinnen auch in Amerika und Australien ähnliche Bewegungen an Boden. Im vergangenen Sommer begannen jüdische Friedensaktivisten eine Lobbygruppe auf die Beine zu stellen, die als Alternative zum mächtigen American-Israel Public Affairs Committee (AIPAC) dienen soll, das bisher die wichtigste pro-israelische Organisation in den Staaten war». Und in Australien ist laut «Chronicle» derzeit der Journalist Antony Loewenstein, Verfasser des provokanten Titels «Meine Israel-Frage» gerade dabei, eine entsprechende Gruppe auf die Beine zu stellen. Mit «Schalom 5767 - Berliner Erklärung» haben sich im vergangenen Sommer auch in Deutschland Juden gegen die israelische Politik positioniert und damit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Gerade der Vergleich mit «Schalom 5767» macht unterdessen die Besonderheit der IJV deutlich. Während nur eine verschwindende Minderheit der in Deutschland lebenden Juden die «Berliner Erklärung» unterstützt, sieht die Stimmungslage in Großbritannien grundlegend anders aus. Zwar fühlen sich einer Umfrage von 2004 78 Prozent der britischen Juden tief mit Israel verbunden. Dennoch unterstützen 30 Prozent die «Tauben», lediglich acht Prozent die «Falken» in der dortigen Regierung. 31 Prozent geben an, der israelischen Politik häufig kritisch gegenüberzustehen, obschon sich die Hälfte als Zionisten bezeichnet.
Während «Schalom 5767» weitgehend innerhalb der jüdischen Gemeinschaft Wellen schlug, kocht die Diskussion um die IJV in einer etwas breiteren Öffentlichkeit. Das Online-Forum «Comment is free» der Tageszeitung «The Guardian» verzeichnete mehr als 1.000 Einträge innerhalb der ersten drei Tage. Da Meinungsverschiedenheiten unter Juden häufig aufträten, wie Matthew Newman, Kommentator des «Independent» bemerkt, überraschten bittere Kritik und offene Feindschaft neben Sympathiebekundungen kaum. Viele der Unterzeichner hätten sich zuvor nie öffentlich zum Judentum bekannt, lautet ein häufiger, noch moderater Vorwurf. Unter dem herben Titel «Juden für den Genozid», schlägt Melanie Phillips, Schreiberin für «Daily Mail», «Sunday Times» und «Guardian», einen deutlich schärferen Ton an: «Das einzige Mal, zu dem sie sich als Juden zu erkennen geben, dient dazu, den jüdischen Nationalstaat zu schmähen. Grotesk, wie sie ihre ethnisch-jüdische Idee benutzen um sich gegen den Vorwurf des Judenhasses zu verwehren.» Und weiter: «Tatsächlich geben sie sich als jüdische Märtyrer. Sie werfen dem jüdischen Establishment vor, sie beim heldenhaften Versuch die Wahrheit über Israel zu erzählen zum Schweigen zu bringen ». Also kommt die Journalistin zu dem Schluss: «Einfach surreal. Die Unterzeichner sind mit ihren üblen Ergüssen gegen Israel in den Medien omnipräsent. Die Herausgeber reagieren schwanzwedelnd zu jeder ihrer Äußerungen.» Auch «Sabbah-Blog» kommentiert brachial: «Wieder eine jüdische Gruppe für die S.H.I.T.list». Die genannte Seite dient der anonymen Denunziation angeblich antisemitischer Juden und Nichtjuden. Auch die palästinensische Seite zeigt sich enttäuscht: Gilad Atzmon von «www.middle-east-online.com» kommentiert die Initiative: «Heute Morgen habe ich die Seite angesehen, um zu erfahren, was die IJV zu sagen haben. Ehrlich gesagt, war ich ziemlich enttäuscht von den Ansichten, obwohl ich zahlreiche Freunde unter den Zeichnern fand». Wieder einmal, so Atzmon, handele es sich lediglich um eine «glorifizierende Auslegung jüdischer Rechtschaffenheit», nicht um die einfache Anerkennung palästinensischer Belange wie das Rückkehrrecht: «Die Erklärung meidet clever den Kern des israelisch-palästinensischen Konflikts.» Man habe nicht dazu aufgerufen, dass Israel von der Hamas übernommen werde, wundern sich die IJV über die hitzigen Vorwürfe und mahnt zur Besonnenheit. Es ginge lediglich darum, die Ansichten eines beträchtlichen Teiles der jüdisch-britischen Bevölkerung Ausdruck zu verleihen und ein Gegengewicht zur unkritischen Haltung offizieller Institutionen wie der Delegiertenversammlung Israel darzustellen. Nach «Independent»-Kommentator Newman werden die IJV die Meinungsvielfalt, für die sie sich selbst stark macht, bald selbst zu spüren bekommen. Die erste Zerreisprobe sagt er für das Jahr 2009 voraus. |