Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Kampf der GewerkschaftenDie wochenlangen Schulstreiks in Israel beleuchten auch interne Probleme der Gewerkschaften
Es ist fast schon ein Ritual: die Lehrerstreiks in Israel. Von ein paar saisonalen Unterbrechungen abgesehen, kehren sie seit über 15 Jahren fast pünktlich zu Anfang September wieder. Dann nämlich startet in ganz Israel der Schulunterricht. Doch inzwischen ist dieses Ritual landesweit zu einem ernsthaften Politikum geworden. Nachdem zuletzt monatelange Verhandlungen zwischen dem Bildungsministerium und der Vereinigung der Mittelschul- und Gymnasiallehrer gescheitert waren, hatten die Lehrer Anfang Oktober einen unbegrenzten, landesweiten Streik ausgerufen. Sie protestieren damit gegen die fortwährende Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen und die viel zu niedrige Bezahlung. In diesem Jahr allerdings zieht sich der Arbeitskampf weit in das Schuljahr hinein, was für 600.000 Schüler und 44.000 Lehrer bereits eine elftägige Arbeits- oder Zwangspause bedeutete. In diesem Arbeitskampf geht es nicht nur um Lohnerhöhungen, sondern auch um Prestige, innere Machtkämpfe und um die zukünftige Form und Qualität des israelischen Bildungssystems. Dabei sind laut repräsentativen Informationen der «Datenbank für Internationale Jugendarbeit» (DIJA) «die staatlichen Ausgaben für Bildung und Erziehung im internationalen Vergleich hoch». Im Haushalt liege «der Posten für das Ministerium für Bildung und Erziehung an zweiter Stelle, nur das Ministerium für Sicherheit verfügt über ein höheres Budget». Nir Katrero ist der Vorsitzende des «Nationalen Schülerrates» in Israel. Er meinte gegenüber «ynet-news», dass die Schüler zwar gegen den Streik seien, jedoch die Forderungen der Lehrer unterstützen und hoffen, dass es zu einer beidseitigen Verständigung kommt. Auch Lehrer an einigen Universitäten erwägten unlängst befristete Streiks, um damit für eine «höchst fällige und notwendige Aufstockung der Ausbildungsbudgets an den Universitäten» zu kämpfen, so Tzvi Hacohen, Professor an der Ben-Gurion-Universität und Leiter des «Koordinationskommitees». Reformpläne und Reformkommissionen im israelischen Bildungswesen gab es schon viele. So erarbeitete 1990 die Harari-Kommission Vorschläge zur besseren Förderung der wissenschaftlich-technischen Ausbildung. Im gleichen Jahr veröffentlichte die Schinar-Kommission Empfehlungen zur Qualifizierung der jüdischen Erziehung in staatlichen Schulen. Für eine Computerisierung des gesamten Erziehungssystems setzte sich 1991 die Peled-Kommission ein. Nach Vorarbeit weiterer bildungspolitischer Kommissionen kündigte das Erziehungsministerium 2003 eine grundlegende und tief greifende Reform des gesamten Erziehungssystems an. Dazu gehören zum Beispiel Überlegungen, die Mittelschule abzuschaffen und in allen Schulen generell die 5-Tage-Woche einzuführen. Der 2004 veröffentlichte Bericht der «Dovrat-Kommission» schlug, so DIJA, «einschneidende Veränderungen für die Strukturierung und die staatliche Finanzierung von Schulen vor. Tausende von Lehrerstellen sollten gestrichen werden, das Gehalt der weiter angestellten Lehrer jedoch verbessert werden. Die Unterstützung von Oberschulen mit weniger als 400 Schülern und von Grundschulen mit weniger als 200 Schülern sollte völlig gestrichen werden.» Als vor zwei Jahren die «Dovrat-Kommission» ihre Empfehlungen bezüglich der Reformen im Bildungssystem der Regierung übergeben hat, war die Euphorie groß. Unter anderem sollten die Lehrer ein leistungsbezogeneres Gehalt bekommen. Aber vor allem: es sollte um 25 bis 50 Prozent angehoben werden. Auch sollte der Lehrplan verlängert, die Lehrerausbildung sowie die Attraktivität des Berufsstandes deutlich verbessert werden. Dieser Reform stimmte das israelische Bildungsministerium zwar in weiten Teilen zu. Das Finanzministerium stellte aber die Bedingung, dass die zwei zuständigen Lehrergewerkschaften Israels - die «Lehrerorganisation» und die «Lehrerunion» - dem Plan einhellig zustimmen müssten. Dies lässt auf sich warten, was das Bildungsministerium seitdem jährlich dazu bringt kleinere «Reformen» zu lancieren, um das System irgendwie vor dem Zusammenbruch zu bewahren. So hat im vergangenen Mai lediglich die «Lehrerunion» dem neuen Tarifvertrag «Neuer Horizont» zugestimmt. Dieser findet bereits im laufenden Schuljahr Anwendung und sieht eine Gehaltserhöhung von 26 Prozent vor, kleinere Klassen sowie eine Verbesserung der Lehrersituation in der Öffentlichkeit. Somit handelt es sich um Reformen, die allesamt nicht nur den Vorstellungen der Lehrer entgegenkommen, sondern auch dem Wohle der Schüler dienen. Denn ein völlig überarbeiteter Lehrer, der in einer Klasse von über 40 Kindern mehr für Ruhe sorgen muss als er lehren kann, ist keine Seltenheit an israelischen Schulen. Seit Jahren wird auf überbordende Klassen hingewiesen. Doch erst jetzt folgten konkrete Maßnahmen. Was indes der «Lehrerunion» in den Stundenplan passt, ist für die Schwestergewerkschaft, die «Lehrerorganisation», nicht mehr als bloße Augenwischerei. Daher konterte letztere vor kurzem mit weitreichenderen Reformforderungen. Somit ist sie auch der eigentliche Auslöser für den laufenden Arbeitskampf. Denn die «Lehrerunion» ist mehrheitlich an den Grundschulen vertreten und konnte der Gehaltserhöhung zustimmen, ebenso wie der einhergehenden Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 36 Unterrichtsstunden. Da die «Lehrerorganisation» jedoch mehrheitlich an Gymnasien und Mittelstufen vertreten ist und ihre Mitglieder bereits jetzt im Durchschnitt an die 24 Unterrichtsstunden leisten, ist diese Gehaltssteigerung mit einer Mehrarbeit von knappe 50 Prozent verbunden - was laut «Lehrerorganisation» die Errungenschaft weitgehend verwässert. Die Forderungen der «Lehrerorganisation» sieht andere Zahlen vor: Verdopplung der Gehälter in einem Stufenmodel, verbesserte Rentenkonditionen und eine Quote für Lehrer, die aufgrund eines «burn-outs» in Frührente gehen möchten. Sollten diese Forderungen angenommen werden, wird auch die «Lehrerunion» vom verbesserten Tarifvertrag pofitieren, da ein Abkommen zwischen den beiden Interessenvertretungen besteht. In den Streik treten wollen die Grundschullehrer jedoch nicht. Kenner der Szene gehen davon aus, dass die momentan verfahrere Situation auf eine Person zurückzuführen ist: Ran Erez, allmächtiger Gewerkschaftsboss der israelischen «Lehrerorganisation», der seinen Verhandlungspartnern gegenüber nicht mit Engelszungen auftritt. Wie ein Zar soll er seine Organisation führen. Und das in einem Umgangston, der oft mehr als «ruppig» zu nennen ist: «Ich werde Ihnen die Finger brechen», soll er der Bürgermeisterin von Herzelija an den Kopf geworfen haben, als sie sich während eines Vortrages von ihm zu Wort melden wollte. Vertreter des Finanzministeriums lies er wissen, dass sein Hinterteil für keinen Geschlechtsakt zur Verfügung stehe, als diese seinen Forderungen nicht nachkommen wollten. Und die Ergebnisse der «Dovrat-Kommission» verglich er mit dem «Molotow-Ribbentrop-Pakt». Auch wird ihm Untreue vorgeworfen und sein Gehalt ist in etwa drei bis vier Mal so hoch, wie das eines israelischen Durchschnittslehrers. Eine Vertreterin des Bildungsministeriums ist sich sicher, dass die momentane Auseinandersetzung mehr ein Grabenkampf der Gewerkschaften als ein Arbeitskampf sei. «Erez hat in der Vergangenheit einen eigenen Plan vorgelegt, der an fünf Schulen mit Erfolg erprobt wurde. Jedoch war er mit immensen Kosten verbunden, denen das Ministerium nicht gewachsen ist. Seitdem man seine Idee in der Schublade hat verschwinden lassen, blockiert er jeden weiteren Reformversuch.» Der «Plan» von Erez sah vor, dass die Lehrer 40 Schulstunden arbeiten würden, mit einer gleichzeitigen Gehaltserhöhung von 60 Prozent. Momentan sieht die Offerte jedoch eine Steigerung von 36 wöchentlichen Arbeitsstunden, kombiniert mit einer gestaffelten Lohnerhöhung von 36 Prozent vor. Nach den Erfahrungen mit den Lehrerstreiks der letzten Jahre und den heftigen Ausmaßen der Streikwelle in diesem Herbst ist selbst bei einem Streikende zu befürchten, dass dieses «Ende» die Schatten neuer Streiks vorauswirft und dann noch massivere Streikwellen hervorbringen dürfte. |