Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Marode InfrastrukturDie Ausbildung palästinensischer Polizeikräfte in Jericho gerät oft ins Stocken
Der Oberst brüllt ins Megaphon: «Ho-ho, ho-ho»! Palästinensische Polizisten treten in Aktion. Mit ihren blauschwarzen Uniformen und bewaffnet mit einem Schlagstock aus Bambus, trampeln sie in der brütenden Hitze von Jericho fast im Gleichschritt. Auf einmal brüllen sie selber los und erheben ihren Bambusstock über das Plastikschild. Der Oberst brüllt «Huu». Die furchterregenden Männer schlagen taktlos mit dem Stock auf das Plastikschild. Auf der Tribüne, wie bei Paraden in Teheran oder Bagdad unter Saddam Hussein, sitzen in der ersten Reihe auf weißen Plastikstühlen Euro-Polizisten - die sogenannten Euro-Cops - und Repräsentanten von EU-BAM («European Union Border Assistance Mission»). Hinter ihnen stehen palästinensische Offiziere und beobachteten das «Manöver» auf dem Fußballfeld. Euro-Cops ließe sich auch mit «Euro-Bullen» übersetzen. Einer ihrer Offiziere ist der fünfzigjährige Polizeihauptkommissar Joachim Senkbeil. Laut der «heimischen» Visitenkarte ist er Leiter der Polizeistation in Bad Fallingbostel nahe Hannover. Doch Senkbeils israelische Visitenkarte weist ihn als einen «Feld-Polizei-Berater» aus. Die hier übliche Bezeichnung Euro-Cops entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Abkürzung für «EU Koordinierungsbüro für palästinensische Polizei-Unterstützung». EU-BAM sind die zur Zeit arbeitslosen Beobachter an der seit Juni geschlossenen Grenze zwischen Gaza und Ägypten in Rafah. Auf dem Manöverfeld beginnt die nächste Übung. Drahtige Männer in Zivil haben sich zu einer Steine-Werfer-Demonstration versammelt und konfrontieren die schief in Reih und Glied stehenden Polizisten. Der Oberst brüllt ins Megaphon und schon werfen die «Demonstranten» Leicht-Holz-Würfelchen auf die mit Bambusstöcken klappernden Polizisten. Vier preschen vor, schnappen sich einen «Demonstranten» und tragen ihn wie ein Brett durch ihre geschlossenen Reihen. Die Journalisten lachen. Übung beendet. Die «Demonstranten» sammeln ihre Leicht-Holz-Munition wieder ein, bis zur nächsten Übung. Rund 50 Polizisten erhalten in einem Festsaal einen Kurs in Menschenrechtskunde. An den Wänden hängen Riesenplakate der Präsidenten Arafat und Abbas. Ein Engländer erläutert alle Abkürzungen von Menschenrechtsorganisationen. Ein Palästinenser dolmetscht ins Megaphon. Keiner der gelangweilten Polizisten schreibt mit. Joachim Senkbeil macht eine Bestandsaufnahme. Die Polizei der rund 2,5 Millionen Einwohner des Westjordanlandes verfüge über 60 Computer, von denen nur 20 jünger als drei Jahre seien. Insgesamt gebe es 86.000 «Sicherheitskräfte» (die Osloer Verträge genehmigten 40.000). Davon seien 20.000 Polizisten. Im Westjordanland allerdings gebe es lediglich 6.400 Polizisten, im Gazastreifen also mehr als doppelt so viele, obgleich dort nur halb so viele Menschen leben. Die Euro-Cops kamen im Frühjahr 2006 «als das alles mit der Hamas anfing». Wegen EU-Vorgaben konnten sie nicht aktiv werden, weil sie mit der Hamas nicht reden durften. Deshalb beschränkten sich die zehn von der EU entsandten «Euro-Bullen» auf die «Vorbreitung von Projekten». Und mangels Aktivitäten hat Israel sie nicht akkreditiert. Deshalb erhielten sie von ihren Heimatländern Diplomatenstatus. Joachim Senkbeil fährt einen weißen Jeep mit CD-Nummer der deutschen Botschaft in Tel Aviv. Der Befehlshaber der bunten Truppe mit Finnen, Schweden und einer Rechtsanwältin aus Wien ist der britische Comissioner Colin Smith. Während Senkbeil seine Erfahrungen aus dem Kosovo mitgebracht hat, lernte Smith seine militärische Polizeiarbeit beim Umgang mit der IRA in Nordirland. Smith erhielt einen Orden für «Distinguished Police Service» bei der Vorbereitung des 80. Geburtstags Ihrer Majestät, der «Queen». Laut Lebenslauf gehören zu seinen Freizeitbeschäftigungen «irischer Whiskey, scharfe indische Curries und gepflegte Konversation». Der britische Polizeioffizier führt die Journalisten zu einer «typischen Polizeistation»: ein verkommenes einhundert Jahre altes Haus mit zerbrochenen Fensterscheiben, wo der Putz von der Decke fällt. In der Gefängniszelle mitsamt Hakenkreuzen und Graffiti an den grauen Wänden, sagt er ernsthaft: «Die Menschen leben zuhause unter ähnlichen Bedingungen». Ruinen als dienstliches Zuhause? Colin Smith erweist sich als Bittsteller. Er beklagt mangelndes Geld, mangelnde Ausrüstung und schlechte Ausbildung. Dabei stelle doch die palästinensische Polizei die «Grundlage für Recht und Ordnung» dar. Die Europäische Union habe Faxgeräte und Kneifzangen der Marke «Kraftkant» gestiftet, doch die Polizei verfüge nicht mal über eine Werkstatt für ihre Streifenwagen. Die Frage, wieso die Polizei in einer Ruine mit zerbrochenen Fensterscheiben säße, während die «Akademie für Sicherheitswissenschaften» in Jericho ihren Sitz in einem hochmodernen Gebäude in bestem Zustand habe, beantwortet Comissioner Smith diplomatisch ausweichend. Es sei auf jeden Fall «die Pflicht der EU», der palästinensischen Polizei neue Gebäude zu bauen und sie besser auszurüsten. Doch das habe die EU zu entscheiden. Somit dürften die «Euro-Bullen» wohl noch eine ganze Weile von ihren dienstlichen «Ruinen» aus operieren. |