Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Der Tod in Kfar TaborEin tödlicher Verkehrsunfall wurde wochenlang als mörderischer Anschlag hochgespielt
Wie dünn die Nerven der Menschen in Israel sind und wie schnell sie blank liegen, wenn es um alltägliche Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern geht, zeigt das Beispiel des Dorfes Kfar Tabor. Es ist der Vorabend von Jom Kippur. Dieser Tag gilt als der wichtigste jährliche Feiertag im Judentum. Die achtjährige Tal Sin fährt mit ihrem Fahrrad die Hauptstraße ihres Heimatdorfes Kfar Tabor entlang. Plötzlich rast ein Jugendlicher mit seinem Quad aus einer Querstraße direkt auf das Mädchen zu und erfasst es. Tal Sin ist auf der Stelle tot. Was wie ein gewöhnlicher, dramatischer Verkehrsunfall mit Todesfolge erscheint, entwickelte sich in den darauf folgenden Wochen unter der jüdischen Bevölkerung von Kfar Tabor und in Teilen Israels zu einem vermeintlichen Paradebeispiel für Hass und jugendlichen Terror gegen Juden in Israel. Kfar Tabor liegt im unteren Gallil, am Ostrand der Jesreel-Ebene, unterhalb des malerischen Taborberges. Das Dorf befindet sich in nächster Nachbarschaft zur beduinischen Siedlung Schibli, die nach dem dort ansässigen Familien-Clan benannt ist. Beide Gemeinden haben eine lange gemeinsame Geschichte, das Verhältnis war stets gut. Ali Schibli, der ehemalige Vorsitzende des Gemeinderates von Schibli, weiß zu berichten, dass noch vor der israelischen Unabhängigkeit, also in den frühen 40er Jahren, beide Dörfer sich darüber sogar einig waren, dass im Falle der Errichtung eines jüdischen Staates die Bewohner von Kfar Tabor ihr Nachbardorf Schibli in Schutz nehmen wollten und andersrum, falls die Araber die Regierungshoheit für die Kfar Tabor-Gegend bekommen hätten. Heute sieht die Situation und die Stimmung in dieser Region freilich anders aus. Die Beduinen wohnen nicht mehr in Zelten. Und Kfar Tabor hat sich zu einem regionalen Anziehungspunkt im nördlichen Israel entwickelt. Auch verläuft zwischen den beiden Gemeinden die Schnellstrasse 65, die zu einer der Hauptverkehrsadern in Richtung Norden zählt. Während des Feiertages sollte sie allerdings nicht genutzt werden. Aber einige nicht-jüdische Fahrer tun dies dennoch. Die Statistik verzeichnet für diesen nördlichen Teil Israels ein zahlenmäßig stark unausgeglichenes Verhältnis zwischen arabischer und jüdischer Bevölkerungsdichte. Demgemäß ticken hier die Uhren anders, zumindest aus jüdischer Perspektive. Denn in der Gegend von Kfar Tabor beträgt der jüdische Anteil an der Gesamtbevölkerung gerade mal zehn Prozent. Der Fall der kleinen Tal Sin wurde von den israelischen Medien im Detail verfolgt. Teilweise überschlugen sich die Meldungen. Und als die Staatsanwaltschaft bekannt gab, sie wolle den Täter wegen Mordes anklagen - ein Schritt, der im Falle eines tragischen Verkehrsdelikts als einzigartig in der israelischen Justizgeschichte gilt - wurde umso deutlicher, wie festgefahren und zugespitzt das jüdisch-arabische Zusammenleben in Israel oft verläuft. Zwar ließ die Anwaltschaft einige Tage später verlauten, dass die Beweislage eine derartige Klageschrift nicht zulasse und es bei einem Tötungsdelikt bleibe. Aber für Jossi Dolleh, Vorsitzender des Gemeinderates von Kfar Tabor, ist der Fall eindeutig: «Der Fahrer Assad Schibli ist und bleibt für mich ein Mörder.» Dolleh, der das Geschehen selber mitbekommen hat, berichtet, dass Assad Schibli mit einem weiteren Fahrer auf der Hauptstraße einige gefährliche, übermütige Fahrmanöver machte, bevor er das Mädchen zu Tode fuhr. Anzumerken ist, dass am Abend vor dem Versöhnungstag (Jom Kippur) und auch während des Fastentages auf den Straßen spielende und herumlaufende Kinder nichts Ungewöhnliches sind. Denn Autos verkehren an diesem Tag nicht. Die ansonsten zur späten Nachtzeit noch viel befahrene Stadtautobahn von Tel Aviv, der Ayalon Highway, mutiert so für 24 Stunden zur best ausgebauten Radrennbahn der Welt. Für Fahrrad- und Inlineskate-Händler gilt die Woche vor dem Fastentag als die verkaufsstärkste des Jahres. Dollah erzählt, dass das 2.500-Seelendorf Kfar Tabor seit einigen Jahren Zeuge sei, wie den hohen jüdischen Feiertagen zum Trotz verschiedene Quads an der Synagoge vorbeirasen. Ihm zufolge fahren Araber aus der Gegend in den Straßen des Dorfes auf und ab, obwohl sie wissen, dass mit Jom Kippur ein wichtiger Feiertag begangen wird. «Wir sind es zwar gewohnt, dass junge Kerle nach dem Gebet in unseren Straßen fahren, haben aber diesmal nicht damit gerechnet, dass es so früh sein wird. Es war eine wahre Überraschung, als der Fahrer bereits während des Gebets im Dorf war. Ich betrachte es als beabsichtigt und glaube, er wollte seinen Freunden zeigen, dass er in der Lage ist, hier gerade an Jom Kippur vorbeizurasen.» Der Ratsvorsitzende erklärt, dass man sich dieses Jahr an sich gut vorbereitet hatte. Es seien zusätzliche Beamte der Grenzpatrouille angefordert und freiwillige Helfer aufgestellt worden. Die tragische Dimension des Todes von Tal Sin wurde nachträglich verstärkt, weil die Einwohner von Kfar Tabor vor dem Feiertag intern kommuniziert und ihren Kindern eingetrichtert hatten, nicht in der Nähe der Nord-Süd-Achse zu spielen. Das Mädchen Tal hatte sich auch an die Vorgaben ihrer Eltern gehalten. Nur der Fahrer war mit seinem Verhalten zuweit gegangen. Laut Angaben der Polizei, wurde Assad Schibli kurz vor seiner Tat der Führerschein entzogen, da sein Register etliche Verkehrsordnungswidrigkeiten aufweist. Weitere Augenzeugen berichten, dass Assad Schibli in der Straße der Synagoge «wild» auf und ab gefahren sei und sich nicht an die Verkehrsregeln gehalten habe. Und obwohl die Dorfbewohner dem Fahrer zugewinkt hatten, er solle wegen des verkehrsfreien Feiertags die Ortschaft verlassen, habe der darauf noch stärker aufs Gaspedal gedrückt. Beim Unfall wurde der Fahrer selber leicht verletzt und musste von einem der anwesenden Grenzschützer vor den aufgewühlten Fastenden geschützt werden. Erst als ihn ein Rettungswagen ins Krankenhaus brachte, konnten sich die Gemüter wieder beruhigen. Nach dem Vorfall äußerten sich Einwohner, dass es nur eine Frage der Zeit gewesen sei, bis ein solches Unglück geschieht, da eine Gruppe arabischer Jugendlicher aus Schibli seit geraumer Zeit für ihr rabiates Fahrverhalten bekannt ist. Andere meinten, es wäre «ein terroristischer Anschlag mit nationalistischem Hintergrund» - ein Begriff, den die Presse in Israel bei Selbstmordattentaten verwendet. Bei der Vernehmung hatte Assad Schibli erklärt, er wollte lediglich ins Dorf fahren, um Geld abzuheben. Das an jenem Tag Yom Kippur war, wäre ihm entfallen. Für Ali Schibli ist die Angelegenheit eindeutig: «Seit geraumer Zeit beschweren sich die Bewohner von Schibli, als auch von den arabischen Nachbardörfern Umm-Al-Ganem und Daburiah, dass einige Jugendliche grobe Dummheiten mit Quads begehen. Versuche, dies abzustellen, endeten stets in Gewalttaten.» Die tragischen Ereignisse in Kfar Tabor sind seiner Meinung jedoch nicht, was mancher versucht hineinzuinterpretieren: ein Anschlag. |