Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Privates im BlickDer Schwerpunkt beim Internationalen Filmfestival in Haifa lag auf den privaten Nuancen des Lebens
Eine Frau wischt sich die Tränen ab: «Ich bin immer noch ganz gerührt». Sie hat eben «Disengagement» gesehen, den Eröffnungsfilm des 23. Internationalen Filmfestivals in Haifa. Nun schickt sie ihren Mann eine Portion Sushi holen. Sie ist umringt von Essbuden und fröhlichen Menschen mit Crêpes, Donuts, Pizza und gebrannten Mandeln in der Hand. Im Rahmen des Festivals, das im Oktober in Haifa zuende ging, wurden Spielfilme und Dokumentationen an fünf verschiedenen Orten der Stadt gezeigt: in der «Kriger Hall» des «Gaston Deferre Centers», im «Tikotin Museum», im «Panorama Kino», im Park «Gan HaEm» sowie natürlich in der «Cinemateque». Hier lag auch das eigentliche Zentrum des Festivals. Hier bot eine Konzertbühne musikalische Erholung zwischen den Filmen, sorgten ein Jahrmarkt, Cafés und Pizzastände auch für das leibliche Wohl. Wenn an sonnigen Nachmittagen das Publikum aus den halbvollen Kinosälen trat, schien es oft, als besäße dieser Markt mit seinen Kleider-, Spielzeug-, Seife-, Kosmetik-, Taschen- und Kerzenständen eine erheblich höhere Anziehungskraft als die dunklen Kinosäle. Obwohl das Programm sich sehen lassen konnte. Neben Ländern, die für ihr Filmschaffen bereits bekannt sind, wie Frankreich, Spanien, Argentinien, die USA, Türkei, Russland, Indien oder auch Deutschland, waren Länder repräsentiert wie Irland, Kroatien, Polen, Georgien, die Ukraine, Rumänien und Kasachstan, deren Filme bislang kaum für Furore sorgten. Außerdem bot das Programm Filme aus Argentinien, Brasilien sowie einige Produktionen aus China. Den Auftakt des Festivals bildete «Disengagement» des israelischen Regisseurs Amos Gitai - eine Koproduktion der vier Staaten Israel, Italien, Deutschland und Frankreich, mit Juliette Binoche in der Hauptrolle. Der Film erzählt die Geschichte der Französin Ana, die einst in einem Kibbutz in Israel lebte, wo sie ein Kind zur Welt brachte, das sie seither nicht mehr sah. Nach dem Tod des Vaters kehrt sie mit ihrem Halbbruder nach Israel zurück. Während er als Polizist bei der Evakuierung der Siedlungen im Gazastreifen eingesetzt wird, will sie ihrer Tochter die Nachricht überbringen, dass sie die einzige Erbin des verstorbenen Großvaters ist. Die Tochter lebt nun in einer der zu evakuierenden Siedlungen. Anhand einer Familiengeschichte eröffnet Gitai somit in beeindruckender Weise den Blick auf die Evakuierung aus dem Gaza-Streifen aus verschiedenen und sehr persönlichen Perspektiven. In ihrer Art der Verknüpfung von Privatem und Politischem stellten die Filme beim diesjährigen Festival eine Besonderheit dar. Tatsächlich scheint sich der israelische Film eher von der Politik zu distanzieren und sich auf das Privatleben zu konzentrieren. Mit der Liebesgeschichte «When Shall We Kiss», der Familiengeschichte «Mishmoret» oder dem Film «Winter», der die Geschichte einer Hausfrau erzählt, die zum ersten Mal in ihrem Leben ihre Phantasien und Wünsche auslebt, nehmen israelische Regisseure verstärkt das Privatleben in den Blick. Bei den Dokumentationsfilmen wie «Jerusalem Day» oder «Flipping Out» spielen der religiöse Alltag und die Erfahrungen in der Armee eine Rolle. Doch auch in diesem Genre richtet sich der Blick oftmals auf persönliche Erfahrungen der Vergangenheit. Einer der Höhepunkte des Festivals war nicht zuletzt die Preisverleihung. Eine internationale Jury unter dem Vorsitz des bekannten dänischen Regisseurs Bille August zeichnete als besten israelischen Spielfilm Yuval Granots «Julia Mia» aus. Es handelt sich um die israelische Version von «Pretty Woman», die der erfolglose Regisseur Jonny beschließt zu drehen, als ihm in Tel Aviv eine Frau begegnet, die Julia Roberts enorm ähnelt. Da Jonny verheiratet ist und seine Frau ein Kind erwartet, beginnen die Komplikationen, als er sich, wie zu erwarten, in Mia verliebt, seine «Julia Roberts». Den Preis für die beste israelische Dokumentation verlieh die Jury Tamar Yaroms «No Place for a Lady». Der Film setzt sich mit Soldatinnen in der israelischen Armee auseinander, die ihren Militärdienst in der West Bank ableisten. Der Regisseurin Tamar Yarom wurde bereits 2002 beim Filmfestival in Haifa die Auszeichnung für den besten dramatischen Film zugesprochen. Ebenfalls geehrt wurde der Film «Arabs at Work», die Geschichte einer arabischen Familie, von Ron Ninio, in der Kategorie «bestes Fernsehdrama». Humorvoll blickt die Fernsehserie auf die privaten und alltäglichen Aspekte arabischen Lebens in Israel, ohne schwerwiegende politische Fragen zu thematisieren. Mit Diskussionen um Liebe und Partnerschaft, Arbeit und Urlaub sowie Konflikte zwischen Eltern und Kindern öffnet Ninio einen unterhaltsam-interessanten Blick auf ein (fast) ganz normales, alltägliches Familienleben, dessen Normalität manchmal zu wenig Beachtung erhält. Dennoch zeigt sich auch an dieser Preisverleihung, wie sich der Fokus auf den privaten Raum verschiebt. Außerdem wurden die Filme «Luz» von Yael Kaniel als bester dokumentarischer Kurzfilm und «My Love My Love" von Yigal Pe'eri als bester Kurzfilm der Kategorie Spielfilm ausgezeichnet. Die mit 80.000 Schekel dotierte Auszeichnung «Goldener Anker» als bester Film aus einem Mittelmeer-Staat verlieh die Jury dem kroatischen Film «The Melon Route», der auf eine wahre Begebenheit zurückgeht. Im Jahre 2000 ertranken 12 illegale iranische Einwanderer im Grenzfluss Sava zwischen Bosnien und Kroatien bei dem Versuch, nach Kroatien zu gelangen. In dem Film verwandelt der Regisseur Branko Schmidt sie in chinesische Einwanderer, von denen eine junge Frau überlebt, die der Kapitän des Schiffes, das aufgrund der überschrittenen Kapazität sank, heiratet. Als besten Nachwuchsregisseur erkor die Jury im «Fipresci»-Nachwuchswettbewerb schließlich Ivan Vyrypaev aus Russland für seinen Film «Euphoria», eine ungewöhnliche Liebesgeschichte. Nicht zuletzt enthielt das Festival eine besondere Kategorie: «Neuer deutscher Film». Auch wenn hier nicht die Generation der Regisseure gemeint war, die 1962 das «Oberhausener Manifest» verfassten und sich selbst als Vertreter des Neuen Deutschen Films verstanden, so enthielt diese Kategorie doch Produktionen der vergangenen zwei Jahre wie «Nachmittag» (2007) von Angela Schanelec, «Vier Minuten» (2007) von Chris Kraus, «Jagdhunde» (2007) von Ann-Kristin Reyels, «Vivere» von Angelina Maccarone, «Schau mir in die Augen, Kleiner» von Andre Schäfer, «Madonnen» von Maria Speth, «Das Fräulein» von Andrea Staka und schließlich mit «Ulzhan» einen Film von Volker Schlöndorff, der tatsächlich als Regisseur des Neuen Deutschen Films gilt. Obwohl viele dieser Filme bereits auf anderen Festivals ausgezeichnet wurden, gingen sie hier leer aus. Trotzdem sorgten viele von ihnen für gefüllte Kinosäle. |