Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Deutschstunde in Tel AvivDie Magdeburger Teenie-Band «Tokio Hotel» beflügelt israelische Mädchen zum Deutschlernen
Die Magdeburger Popband «Tokio Hotel» hat in den vergangenen Monaten den ersten Platz in den Hitlisten israelischer Radiosender erreicht. Die Botschaft des Staates Israel in Berlin hatte die Bandmitglieder vor geraumer Zeit über eine Petition informiert, mit der etwa 6.000 israelische Jugendliche um ein Konzert in ihrem Land baten. Dann war es soweit. Im Messezentrum von Tel Aviv stürmten «Tokio Hotel» vor etwa 3.000 zumeist weiblichen Jugendlichen die Bühne. Überschattet wurde das knapp anderthalbstündige Konzert durch einen Zwischenfall im Eingangsbereich der Halle, bei dem acht Mädchen verletzt wurden, nachdem eine Glastür dem Ansturm der Massen nicht mehr standgehalten hatte. Die 15-jährige Irit wie auch die meisten anderen Konzertbesucher bemerkten davon nichts. Irit ging es nur darum, so weit wie möglich vor die Bühne zu kommen, um «Tokio Hotel»-Sänger Bill möglichst nah zu sein. «Er sieht so sexy aus», kichert sie. Ihre Freundin Adi (14) hatte es Stunden gekostet, um ihre Mutter davon zu überzeugen, dass sie unbedingt das Konzert der vier Jungs aus Deutschland sehen müsse. Nur in Begleitung von drei Freundinnen und einer anderen Mutter wurde es ihr schließlich erlaubt. «Was singt er? Was sagt er?», will Dana, eines der Mädchen, immer wieder wissen. «Ich muss unbedingt auch Deutsch lernen.» Neuerdings ist Adi ein Star unter ihren Freundinnen. Denn Adi kann die Band verstehen. Bisher interessierte sich niemand für ihre Deutschkenntnisse. Doch plötzlich wollen ihre Freundinnen mit ihr Deutsch lernen. Endlich einmal kann Adi davon profitieren, dass ihre Großmutter immer Deutsch mit ihr spricht. Adis Großmutter nämlich ist in Deutschland geboren und wurde mit einem der Kindertransporte aus dem nationalsozialistischen Deutschland gerettet, während ihre Eltern und die ältere Schwester ermordet wurden. Doch Geschichten, wie Adis Großmutter sie erlebt hat, spielen in den Liedern der Band keine Rolle, hier geht es um Liebe, Freundschaft, Trennungsschmerz und das Leben. «Die deutsche Sprache klingt so wunderbar», schwärmt auch die 18-jährige Liat, die schon zu den älteren Besucherinnen des Konzertes gehört. Sie hat sich vorgenommen, eines Tages in Berlin zu studieren. «Ich habe mir die Deutschen immer ganz anders vorgestellt», sagt sie, doch durch «Tokio Hotel» und ihre Texte habe sie erkannt, dass Deutsche «so voller Gefühl sind». Ob die deutsche Geschichte und die Schoa für sie eine Rolle spielen? «Natürlich», sagt sie bestimmt und wirkt doch etwas unsicher. «Viele von uns haben Großeltern, die aus Deutschland stammen.» Viele Angehörige von Familien seien in der Schoa ermordet worden. «Aber wir wollen doch hier und heute leben, leben wie alle Jugendlichen.» Sie schaut fast trotzig. Ihre Aussage klingt wie eine Frage. Dieses spezifische, vergangenheitsbelastete Verhältnis insbesondere von jungen Israelis mit Deutschland ist als wesentlicher Unterschied beim Blick auf einen weiteren «Boom» zu beachten. Gerade erst wurde nämlich für Frankreich in einer Studie festgestellt, dass «Tokio Hotel» auch dort einen «Boom der Deutschkurse auslöst», wie der «Spiegel» in seiner Ausgabe Nr. 43 vermerkt. Im Interview derselben Ausgabe mit dem Leiter der Sprachabteilung des Goethe-Instituts in Paris, Günter Kipfmüller, bemerkt dieser mit Blick auf jugendliche Franzosen: «Früher oder später stellen sie sich und ihren Lehrern die Frage: Was bedeutet das eigentlich, was ich hier singe?» Weiter heißt es: «Wobei die Begeisterung auch hier vorwiegend die Altersstufe von 10 bis 14 Jahren erfasst». «Achschaf be germanit» - jetzt auf Deutsch - schreien Mädchen nach der ersten Strophe der englischen Version des Radiohits «Durch den Monsun». Die jungen Fans in Israel wollen die englische Version «Monsoon» eigentlich sowieso nicht hören. Viel lieber ist den Tausenden von Teenie-Girls der deutschsprachige Songtext. Denn den haben sie auswendig gelernt. Deutsche Sprache, schwere Sprache? Ja, schon. Doch die Jungenband «Tokio Hotel» wurde mit ihrem Radiohit sozusagen ungewollt zu Nachhilfelehrern für Deutsch. Viele von Adis Freundinnen wollen nach dem «Tokio Hotel»-Konzert ernsthaft Deutsch lernen. Merkwürdig klingt es schon, wenn israelische Teenager Popsongs auf Deutsch singen. In der Schule lernen sie andere Fremdsprachen. Dieses Konzert ist daher beinahe «historisch» zu nennen. Es ist das erste Mal, dass eine deutsche Band auf Betreiben ihrer Fans ein Konzert in Israel gibt - in Begleitung eines Abgeordneten der israelischen Botschaft in Deutschland. Für «Tokio Hotel» scheint die deutsche Geschichte und die Schoa während ihres Aufenthaltes in Israel nicht der Rede wert zu sein. In einem Interview im israelischen Teenie-Magazin «Rosch Achad» war alles, was Bill und Gitarrist Tom über die Reise nach Israel sagen konnten, dass sie kaum etwas über das Land wüssten. Immerhin: Sie seien neugierig, es kennenzulernen. Ob ihnen das auf ihrem Zwei-Tages-Trip gelungen ist? Übrigens: «Rosch Achad» ist das erste israelische Magazin, das eine deutsche Popband auf ihrem Cover zeigt - auf Betreiben der Fans. Danas Mutter, ihre erwachsene Begleitung, schüttelt nur verständnislos den Kopf. Sie ist froh, als es endlich vorüber ist. Dass es heißt, Bill habe während des Konzertes gerufen: «Heute ist es scheißegal, was euch passiert ist», hat Adi nicht gehört. Und wenn er es gesagt hat? «Nein», meint Adi vehement. Da habe ihn jemand wohl falsch verstanden. Ob Adi denn ihrer deutschstämmigen Großmutter von dem Konzert der deutschen Band erzählen wird? Adi stutzt. Darauf fällt ihr so schnell dann doch keine Antwort ein. Eines wurde indes deutlich: «Tokio Hotel»-Songs «made in Germany» machen Israels Mädchen willig, Deutsch zu lernen und deutschsprachige Songs auswendig zu singen. Und wenn diese Mädchen neuerdings an Deutschland denken, dann bestimmt nicht mehr ausschließlich mit Vorstellungen vom «Land der Täter», da ist sich Adi sicher. Wenn «Tokio Hotel» wieder mal einen Hit in Israel landen, dann werden ganz bestimmt einige hundert israelische Mädchen noch besser vorbereitet sein und die deutschsprachige Version mitsingen und verstehen können. |