Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Geschändet und (fast) vergessenNeue Initiative zur Rettung des Währinger Friedhofes
Bis zur Unkenntlichkeit verwitterte Grabsteine, unbegehbar überwachsene Wege, fehlende Ausschilderungen, tonnenweise zerbrochene Grabmale. Das alles ist nicht nur den «Zeichen der Zeit», Regen und Frost, geschuldet, sondern auch rechtsradikalen Schändungen, unbedachtem Vandalismus oder Schäden durch unüberlegte Abräumaktionen. Nicht zuletzt dann die Zerstörungen aus der Zeit des Nationalsozialismus: Der Währinger Jüdische Friedhof in Wien ist in einem beklagenswerten Zustand. Daher hat die Israelitische Kultusgemeinde die Friedhofsmauer mit einbetonierten Glasscherben auf der Umfassungsmauer und Stacheldraht (!) gesichert. Ein Besuch des Friedhofes ist nur nach Unterzeichnung eines Haftungsverzichtes möglich. Als eines der bedeutendsten kulturhistorischen Zeugnisse der Hauptstadt Österreichs hat der Friedhof Bedeutung für das ganze Land. Die Biedermeieranlage wird gern als «das jüdische Pendant» zum bekannten christlichen Friedhof St. Marx bezeichnet, auf dem Wolfgang Amadeus Mozart begraben liegt. Obwohl die Regierung aufgrund des «Washingtoner Abkommens» von 2001 zur Wiederherstellung des Währinger Jüdischen Friedhofs verpflichtet ist und immer wieder von prominenten Stimmen und jüdischen Gemeinschaften weltweit angemahnt wurde, hat sich seit Jahren absolut nichts getan. National wie international hat dies in den letzten Monaten zu einer mehr als kritischen Berichterstattung in den Medien geführt. In diesem Vertrag hatte sich die Regierung von Bundeskanzler Wolfgang Schüssel mit der «International Commission On Holocaust Era Insurance Claims» verständigt, bei der Rekonstruktion jüdischer Begräbnisplätze finanziell zu unterstützen. Allerdings fließen die Staatsmittel, die von der Israelitischen Kultusgemeinde Wiens eigenverantwortlich verwaltet werden, fast ausschließlich in die zwei israelitischen Abteilungen des prestigeträchtigen Wiener Zentralfriedhofes.
Handlungszwang In den letzten Tagen nun musste die Präsidentin des Nationalrates, einer der beiden österreichischen Parlamentskammern, Barbara Prammer, auf Grund des wachsenden Drucks der Öffentlichkeit eine Arbeitsgruppe berufen, die Vorschläge zur langfristigen Sanierung des drittgrößten jüdischen Friedhofs Österreichs erarbeiten wird. Dabei sollte auch die Unterstützung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien eine Rolle spielen, die etwa 40 Friedhöfe mit mehr als 200.000 Grabstellen zu verwalten und vor allem zu erhalten hat - eine nicht nur jüdische, sondern national-kulturgeschichtliche Aufgabe, der die Gemeinde keinesfalls alleine gewachsen ist. Der Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Raimund Fastenbauer, warnte in diesem Zusammenhang davor, es bei der Sanierung dieses einen Friedhofs zu belassen. Er forderte eine Gesamtlösung für den Erhalt aller 65 jüdischen Friedhöfe in Österreich. Prammer will dem Kuratorium des «Nationalfonds für Opfer des Nationalsozialismus» Anfang Dezember ein Vorprojekt präsentieren, in dessen Rahmen zunächst die erforderlichen Sanierungsarbeiten festgelegt und eine Kostenschätzung durchgeführt werden sollen. Ausgeschrieben könne es allerdings erst dann werden, wenn die Finanzierung im Kuratoriums-Budget sichergestellt sei, hieß es aus ihrem Büro. Prammer appellierte in diesem Zusammenhang an das Bundeskanzleramt und das Finanzministerium, sich der Bedeutung des Projekts bewusst zu sein. Die Nachkommen der hier beerdigten Juden sind dem Holocaust zum Opfer gefallen oder leben nach einer geglückten Flucht über die ganze Welt verstreut. So gibt es kaum Angehörige, die sich um die Gräber kümmern könnten, die nach geltendem österreichischem Erbrecht an den Staat fallen. Allein die Kosten für die «Herstellung eines gefahrlosen Zuganges» zur Währinger jüdischen Friedhofsanlage werden vom Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Ariel Muzicant, und dem Wiener Restitutionsbeauftragten, Kurt Scholz, mit bis zu 800.000 Euro beziffert. Die etwa 7.000 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde Wien schätzte Anfang 2007 den gesamten Sanierungsaufwand auf vierzehn Millionen Euro.
Historisches Der zwischen 1784 und 1880 betriebene Friedhof ist als Begräbnisstätte für alle Mitglieder der damals entstandenen jüdischen Gemeinde Wiens eingerichtet worden. Beeinflusst von aufklärerischen französischen Ideen hatte Kaiser Joseph II. im Oktober 1781 ein «Toleranzpatent» erlassen, in dem er einer beschränkten Anzahl ausgewählter Juden, vor allem aus Ungarn, Böhmen und Mähren, Leben und Arbeit in Wien gestattete. Ihr Friedhof ist ein einmaliges Spiegelbild jenes vielfach völlig unbekannten jüdischen Bürgertums der Stadt, das seinerzeit die industrielle Revolution, das moderne politische System und die Künste der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn sowie ganz Mittel- und Südosteuropas entscheidend mitgestaltet hatte. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die Juden zudem die bestimmenden Vertreter des europäischen Orienthandels. Auf Grund einer Sanitätsverordnung des Kaisers mussten alle Friedhöfe innerhalb des «Linienwalls», einer Zollbegrenzung, die Wien von den Vororten abtrennte, geschlossen werden. Davon war auch der alte jüdische Friedhof in der Seegasse betroffen. So erwarb die Gemeinde das zwei Hektar große Grundstück im damaligen Vorort Währingen direkt neben dem neu errichteten Allgemeinen Währinger Friedhof. Zweimal wurde durch den Zukauf von Grundstücken nach Osten erweitert. Bis zur Fertigstellung der israelitischen Abteilung auf dem legendären Wiener Zentralfriedhof im Jahre 1879 wurden hier etwa 9.000 Grabstellen angelegt, rund 30.000 Juden sind hier bestattet worden. Im Gegensatz zu vielen anderen jüdischen Friedhöfen, wo ausschließlich hebräische Inschriften vorhanden sind, finden sich in Währing Grabsteine in hebräischer und deutscher Schrift. Während der Allgemeine Friedhof in den 1920ger Jahren geschlossen und in einen Park umgewandelt wurde, blieb der jüdische auf Grund der Religionsgesetze erhalten, wenn auch dort schon in den 1880ger Jahren die letzten Bestattungen erfolgt sind. Auf dem Währinger Jüdischen Friedhof liegt unter anderem die Grabstätte der Familie von Arnstein, Hofjuweliere, Bankiers und Diplomaten. Fanny von Arnstein richtete den ersten literarisch-politischen Salon Wiens aus, während des «Wiener Kongresses» trafen sich bei ihr die führenden Staatsmänner Europas. Sie unterstützte leidenschaftlich den Freiheitskampf der Tiroler gegen Napoleon. In ihrem Salon soll der erste Weihnachtsbaum in ganz Wien gestanden haben, mitgebracht aus ihrer Heimatstadt Berlin, eine Tradition, die alsbald bei vielen jüdischen Familien der Stadt Einzug gehalten hatte. Auch die Epstein-Teixeira de Mattos, Bankiers, die an der Finanzierung der Eisenbahnverbindung zwischen Wien und den Kohleabraumgebieten um das oberschlesische Krakau beteiligt waren, haben hier ihre letzte Ruhe gefunden, ebenso die Familie Königswarter, Josefine Königswarter war Präsidentin des Israelitischen Frauenvereins, oder die Familie des Dramatikers und Librettisten Salomon Hermann Mosenthal. Auch Isaak Löw Hofmann, Edler von Hofmannsthal, ist hier bestattet, der das Seidenmonopol Ungarns für Österreich übernahm und hier ein halbes Jahrhundert innehatte, übrigens der Urgroßvater von Hugo von Hofmannsthal, einem der wichtigsten Repräsentanten der «Wiener Moderne» und Mitbegründer der Salzburger Festspiele. Auch Bernhard Freiherr von Eskeles ist hier begraben, Gründer der Österreichischen Nationalbank und der österreichischen «Spar-Casse». In seinem Palais ist heute das Jüdische Museum Wien untergebracht. «Hier liegen die Väter jener kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Elite, welche die Donaumetropole in ihrer Glanzzeit des „Fin de siècle" prägte», so die Wiener Historikerin Tina Walzer.
Helfer in Not Zwei spektakuläre Aktionen haben den Friedhof in der Zeit des Holocaust geschändet und gerettet zugleich. Als die Nationalsozialisten etwa 2.000 Grabstätten und damit zehn Prozent des Areals bei Aushubarbeiten für einen nie errichteten und völlig sinnlosen Feuerlöschteich vernichten wollten, haben Mitglieder der Jüdischen Gemeinde und unzählige nichtjüdische Helfer Lastwagen herbeigeschafft, Benzin organisiert, die Gräber exhumiert und die Gebeine in der israelitischen Abteilung des berühmten Wiener Zentralfriedhofes beerdigt. Allein das Beschaffen der Fahrzeuge und des Sprit, noch dazu für den Transport jüdischer Leichname, war eine für damalige Verhältnisse fast undenkbare Aktion. Nachdem das Areal schließlich 1942 an die Stadt Wien zwangsverkauft werden musste, wobei die Eichmann-Behörde alleinig Zugriff auf den «Erlös» hatte, fand sich ein mutiger Beamter des Magistrats: er konnte das verbliebene Areal retten, in dem er es schlicht und einfach zum Vogelschutzgebiet erklärte. Dennoch gelang es den Nazis etwa 200 sterbliche Überreste zu «rassenkundlichen Untersuchungen» für pseudowissenschaftliche Knochenvermessungen in das seiner wirklichen Funktion beraubte Naturhistorische Museum in den so genannten «Rassensaal», den berüchtigten Saal XVII, abzutransportieren. Darunter soll sich auch die Leiche von Fanny von Arnstein befunden haben. Erst Mitte der 1990iger Jahre (!) wurde der Saal geschlossen, viele der Gebeine sollen allerdings schon Jahre zuvor, nach der Befreiung Wiens, auf dem Zentralfriedhof bestattet worden sein, andere Quellen berichten, dass sich das Museum bis heute weigere, die sterblichen Überreste herauszugeben. 1955 hatte die Gemeinde den Friedhof zurückbekommen. Den Teil des geplanten Feuerlöschteiches überlies sie der Gemeinde Wien, nachdem diese sich ausdrücklich verpflichtet hatte, das Gelände nur als Grünanlage zu erhalten und nicht zu überbauen, was den jüdischen Religionsgesetzten widerspricht. Dennoch wurde an dieser Stelle von der Gemeinde ein Hochhaus errichtet, der Sozialbau erhielt ausgerechnet den Namen des jüdischen Schriftstellers Arthur Schnitzler.
Behördenkrieg Etwa seit dem Jahre 2006 tobt nun ein erbitterter Kampf der Behörden für - oder müssen wir sagen: gegen - eine finanzielle Verantwortung für die Sanierung des unter Denkmalschutz stehenden Währinger Jüdischen Friedhofes. Nachdem die «Grünen» Ende Februar 2006 die Sanierung auf die stadtparlamentarische Agenda gesetzt hatten, forderte der damalige Finanzstadtrat Sepp Rieder eine Stiftung an der sich Bund, Stadt und private Geldgeber beteiligen sollten. Bürgermeister Michael Häupl hingegen mahnte im Juni gleichen Jahres eine Verantwortung des Bundes an, die Bundesländer sollten sich höchstens mit einem «freiwilligen Beitrag» beteiligen. Indes verfällt der Friedhof weiter, Orkan «Kyrill» richtete im Januar 2007 gewaltige Verwüstungen am Baumbestand an. Schließlich einigte sich der Wiener Gemeinderat im März dieses Jahres die «ärgsten Schäden und Gefahren» durch das Stadtgartenamt beseitigen zu lassen. Die ersten 100.000 Euro sind für Rodungsarbeiten bereits ausgegeben. Das bereits erwähnte «Washingtoner Abkommen» legt indes eindeutig die Verantwortung des Bundes fest, der Wiener Gemeinderat forderte diesen vor acht Monaten einstimmig auf, seinen Erhaltungspflichten auch nachzukommen. Nun die eindeutigen Worte der Parlamentspräsidentin: Prammer versprach, den Friedhof in den «Brennpunkt unserer Aufmerksamkeit» zu stellen. Das tun auch andere. Das EDUCULT - Institut für die Vermittlung von Kunst und Wissenschaft Wien hat eine Initiative «mit dem Ziel gestartet, Referenzaktivitäten und -projekte zu realisieren, um den Blick der Öffentlichkeit auf dieses einzigartige Kulturdenkmal zu lenken und dessen Existenz zu sichern». Es gibt monatliche Führungen auf dem Friedhof oder Projekte an Schulen und Lehrerfortbildungen als «Museum unter freiem Himmel», das «zu einem vertieften Verständnis für Integration und Toleranz» beitragen kann und als «Lösungsmuster für Minderheitenfragen» nützlich ist. Eine Dokumentation der Historikerin Tina Walzer, die im Herbst 2008 im Verlag Christian Brandstätter erscheinen wird, ein Buch zur Geschichte des Friedhofes, im Frühjahr 2008 im Verlag «Der Apfel» geplant, und eine ständige Ausstellung sind in Arbeit. Vor wenigen Tagen ist ein «interkonfessionellen Fotokalender» im A3-Format für das Jahr 2008 der Öffentlichkeit vorgestellt worden. «Eine ganze Reihe herausragender Fotografen haben zum Entstehen des Kalenders beigetragen, unter ihnen der jüngst verstorbene Harry Weber, dessen Fotos für den Kalender zu seinen letzten Arbeiten zählen sowie Isolde Ohlbaum, Michaela Theurl, Claudio Alessandri, Peter Bauer, Edward Serotta, Erich Lessing, Elfi Semotan und Sepp Dreissinger. Der Kalender ist in Deutsch, Englisch und Hebräisch verfasst und berücksichtigt sowohl das gregorianische als auch das jüdische Kalendarium. Geleitworte von Nationalratspräsidentin Prammer und Bundespräsident Heinz Fischer sowie eine Einführung von Tina Walzer zu Geschichte, Bedeutung und aktueller Situation des Friedhofs runden den Kalender ab. Die Fotos, die mit Zitaten der Fotografen und Fotografinnen [sowie] Grabsteininschriften unterlegt sind, zeigen ganz unterschiedliche Blickwinkel und Herangehensweisen der beteiligten Künstler und Künstlerinnen an das Projekt und erzählen in ihrer Vielfalt eine ganz eigene Geschichte des Friedhofs», erklärte Fritz Niemann von EDUCULT. Im «Europäischen Jahres des interkulturellen Dialogs 2008» soll sogar ein grenzüberschreitendes Projekt zum Thema Erhaltung von jüdischen Friedhöfen im Rahmen gemeinsamer politischer Lösung für die zukünftige Instandhaltung aller europäischen jüdischen Friedhöfe initiiert werden. Wiens Restitutionsbeauftragter Scholz lässt hingegen erst einmal die Synagoge im Dorf: Er erinnerte Mitte November gegenüber der Austria Presse Agentur APA an den 70. Jahrestag des «Anschlusses» Österreichs an Nazi-Deutschland im kommenden Jahr. «Man sollte dieses Gedenkjahr nicht mit einer Blamage beginnen», betonte er im Hinblick auf den Währinger Jüdischen Friedhof. |