Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Zigeuner in die Donau» und «Drecksjuden»Offener Antisemitismus in Ungarn
«Der Antisemitismus in Ungarn nimmt beängstigende Ausmaße an.» Zu diesem Ergebnis gelangt eine kürzlich veröffentlichte Studie der «Anti-Defamation League», einer US-amerikanisch-jüdischen Organisation. Für die Erhebung wurden 500 Personen aus sechs europäischen Ländern befragt: Ungarn, Österreich, der Schweiz, Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien. Bei drei von vier Fragen zeigten die Ungarn die höchste Neigung zu antisemitischen Einstellungen. Die ungarische Regierung spielt indes den zunehmenden Antisemitismus herunter. In einem Interview des Journalisten Adam LeBor für die britische Zeitungen «The Times» bestätigte Ungarns linksliberaler Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány von der sozialistischen MSZP zwar, dass in der Donaurepublik «eine noch nie da gewesene Antisemitismuswelle zu beobachten» sei, die sich allerdings «vor allem in den konservativen bis rechtsextremen Medien» widerspiegele. Dem Beitrag war zu entnehmen, das dies dem Regierungschef wohl Sorge bereite, dennoch sei glücklicherweise, etwa im Gegensatz zu Polen, keine rechtsradikale Partei im Parlament vertreten, «offen ausgelebter Antisemitismus» sei «in politischen Diskussionen nicht zu entdecken». Premier Gyurcsány ist offensichtlich einer Parlamentsdebatte im September dieses Jahres ferngeblieben, als der Abgeordnete Zsolt Semjén, Vorsitzender der christlich-demokratischen KDNP, erklärte: «Ich bitte meine Mitbürger, die von der Konfession her Israeliten und jüdischer Abstammung sind darum, sich zu überlegen, ob es für das Judentum in Ungarn gut ist, wenn eine schlechte Politik „Onkel Schwarz" und „Tante Weisz" quasi als Geiseln vor sich herschiebt.» Laut der ADL-Erhebung meinen 85% der Ungarn, dass die «Juden zu viel darüber reden, was ihnen im Holocaust widerfahren ist». Die Bevölkerung habe es in der Mehrheit «satt, vom Holocaust zu hören». In der ADL-Studie hatte es weiter geheißen, 61% der ungarischen Bevölkerung stimme der Aussage zu, dass «Juden zu viel Macht auf dem internationalen Finanzmarkt» hätten. Semjén erklärt in derselben Parlamentsdebatte: «Es gibt eine alte Geschichte [...] um Herrn Oberrabbiner Sándor Scheiber [...]. Er sagte, dass der Ewige das ungarische Judentum vor jener Mentalität bewahren möge [...] dass es bei Konjunktur einen Pajes gibt, wenn es aber keine Konjunktur gibt, dann gibt es auch keinen Pajes. Ich darf unsere israelitischen Mitbürger [...] darum bitten, sich das zu überlegen.» Die ungarische Presse berichtete von «Aufruhr in den Sitzreihen der Regierungskoalition» und «Applaus aus den Sitzreihen der Opposition». Die Fraktion der SZDSZ, der liberalen Mitte, lies erklären, Semjéns Bemerkungen seinen «die widerlichsten, die seit der Wende 1990 im Parlament zu hören waren». Verschiedene SZDSZ-Politiker forderten den Rücktritt Semjén aus dem gesamten öffentlichen Leben. Hingegen erklärte Zsuzsa Halász, Sprecherin der Christdemokraten, die KDNP-Parlamentsfraktion stehe voll hinter ihrem Vorsitzenden und werde den Parlamentsberichterstatter Péter Szakonyi, der den Politiker auf «Hír TV» als Antisemiten bezeichnet hatte, verklagen. Aber, so nochmals Ungarns Ministerpräsident, «ausgelebter Antisemitismus in politischen Diskussionen [sei] nicht zu entdecken». LeBor konfrontierte den Politiker mit einer ganzen Reihe aggressiver Handlungen insbesondere gegen Kollegen, etwa einen jüdischen Reporter von «Club Radio», der im nordostungarischen Debrecen verbal angegriffen und «nach Israel zurückgeschickt» worden sei. Auch die Gründung der «Ungarischen Garde», auf die wir auf Seite 12 dieser Ausgabe näher eingehen, lässt die Blindheit des Regierungschefs offensichtlich werden. Erst Ende Oktober, im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag, war es in Budapest zu massiven antisemitischen Provokationen gekommen: Dabei hatten rechtsradikale Randalierer unweit des Opernhauses im Zentrum der Hauptstadt die offiziellen Feierlichkeiten mit Rufen wie «Zigeuner in die Donau» und «Drecksjuden» gestört. [Anm. der Redaktion: Im Dezember 1944 wurden Hunderte Juden am Flussufer zwischen Parlament und Kettenbrücke erschossen und in den Donau geworfen. Heute erinnern durch den ungarischen Bildhauers Gyula Pauer aus Eisen gefertigte 60 Paar «ausgezogene» Schuhe im Stil der 1940er Jahre an die hier ermordeten Juden.] Dennoch kritisiert LeBor die Ergebnisse der ADL-Studie und behauptet nach einer Reise durch das Land, dass die «Einstellung [der Bevölkerung] zu den Juden wesentlich vielschichtiger [sei], als die Untersuchung andeutet. Wahrscheinlich hat der Großteil der Befragten noch nie einen Juden getroffen. Wenn sie einen träfen, würden sich die Einstellungen wahrscheinlich schlagartig ändern.» Auch Journalisten können sehr naiv sein: Die Studie zeigt auf, dass die Hälfte der Ungarn mindestens drei von vier negativen Klischees über Juden auch tatsächlich glauben. In den anderen Staaten waren es hingegen durchschnittlich «nur» 28%. So geben etwa 60% der in Ungarn Befragten an, dass es «wahrscheinlich wahr» sei, dass Juden «zu viel Macht auf der Welt haben». |