Genug ist genug!

Gemeindeältester Isaak Behar wendet sich an die Wähler

 

Isaak Behar Foto:privat

Wie lange lassen wir uns das eigentlich schon gefallen? Aus den Repräsentantenversammlungen unserer jüdischen Gemeinde sind allmonatliche Zusammenkünfte geworden, bei denen sich fast jeder gewählte Vertreter der Gemeinde in Beleidigungen und Diffamierungen dem anderen gegenüber ereifert. Wie lange sehen wir eigentlich schon zu, wenn akademische Besserwisserei, gepaart mit ganz ausgesucht süffisanter Arroganz, persönliche Eitelkeiten gepaart mit unglaublicher Dummheit, den «Gegner» zu jedem denkbaren Thema zu verunglimpfen suchen? Wie lange erleben wir schon taktloseste Rücksichtslosigkeiten ohne Gleichen, Stil und Ton - wobei diese Begriffe hier völlig fehl am Platze sind - die jedem Stammtischgeprotze der untersten Schichten alle Ehre machen würden? Und wie lange noch sollen wir diese tumultartigen, entwürdigenden Szenen ertragen, die nicht einmal vor der Androhung von Handgreiflichkeiten zurückschrecken, wo demonstrativ Mitgliedsbücher zerrissen werden und mancher den anderen gern und oft als Nazi beschimpft?

Ich sage Ihnen: Schon viel zu lange - und ich weiß mich darin mit vielen, mit sehr vielen Mitgliedern unserer Gemeinde einig. Nicht nur die Würde unseres Gemeindeparlaments, nein, auch der ganz einfache Respekt vor dem anderen zwingen mich dazu, an- und auszusprechen, was viele von uns denken: Genug ist genug! Unsere Gemeinde kann und darf keine weiteren Belastungen dieser Art ertragen - denn es gibt innerhalb unserer Gemeinschaft und auf der innen- wie außenpolitischen Bühne viel wichtigere Probleme, für deren Bewältigung wir alle unsere Ressourcen und sogar alle unsere Reserven brauchen!

In wenigen Wochen, liebe Gemeindemitglieder, haben wir die Chance, das zu ändern: Unserer Repräsentantenversammlung ihre Würde zurückzugeben und eine wahre Streitkultur einzufordern, die im Sinne der schwerwiegenden Aufgaben, die vor uns stehen, ganz einfach eingefordert werden muss.

Alle werden Ihnen alles versprechen! Und ich will niemandem unterstellen, dass er Sie in seinen Ideen, Anliegen und Zielen belügt. Aber neben den wichtigen inhaltlichen Punkten müssen wir von unseren künftigen Parlamentarier auch ein taktvolles und zugleich ergebnisorientiertes Umgehen miteinander einfordern, egal welchem Wahlbündnis sie angehören!

Bei Würdigung aller großen administrativen, finanziellen und sonstigen Alltagsprobleme, die eine jüdische Gemeinschaft in der Hauptstadt eines deutschen Staates nur haben kann: Im Mittelpunkt, liebe Gemeindemitglieder, muss nach wie vor unsere Religion stehen: Der Umgang mit den Alten, das Heranführen der Jungen, die Gestaltung eines facettenreichen jüdischen Lebens. Dabei ist es mir ganz egal, ob der Zugang zur Religion in Sankt Petersburg oder in Berlin erlebt wurde, ob es die Begüterten oder die sozial Schwachen, ob sie den orthodoxen oder den liberalen Riten zugeneigt sind. Unsere Einheitsgemeinde - wenigstens darin sind sich alle Kandidaten schon immer und noch heute einig gewesen - gebietet eine Fürsorgepflicht gegenüber allen! Es gilt, den Alten das Neue zu vermitteln, das uns aus dem Osten Europas als Geschenk mitgebracht wurde - und den Neuen das Tradierte nahe zu bringen, das sie bisher nicht leben konnten, schlimmer noch: nicht leben durften!

In dieser grundsätzlichen Verantwortung für unsere Gemeinschaft sehe ich die neu zu wählenden Gremien der Gemeinde in der Pflicht: Ein Signal zum Aufbruch muss von ihnen ausgehen, das die jahrelangen und sinnlosen, nervenaufreibenden und kräftezehrenden Machtkämpfe beendet!

Keine Frage: Es wird immer persönliche Animositäten geben - aber sie haben nichts in der Gemeindearbeit zu suchen!

Ganz klar: Niemand wird etwas dagegen haben, wenn einer dem anderen hilft. Aber eine missbräuchliche Vetternwirtschaft ist in allen wirtschaftlichen Fragen der Gemeinde auszuschließen!

Selbstverständlich: Verschiedene Ansichten zu einer Idee, einem Weg oder einem Ziel sind legitim. Aber sie sind in Abwägung aller Argumente zuhörend einerseits und sachlich argumentierend andererseits auszutauschen - und da hat ein «gut gebrüllt, Löwe» keinen Platz!

Die Bereitschaft zum Erkennen von Problemen, zur Suche nach Lösungswegen und schließlich zur Konfliktlösung selbst muss im Vordergrund stehen. Aus dem Gegeneinander hat nicht nur ein Nebeneinander, sondern ein Miteinander zu werden!

Dann können sich alle neu Gewählten meiner und der Unterstützung vieler Gemeindemitglieder sicher sein, all jene, die eine ordentliche und nachvollziehbare Sacharbeit leisten oder zumindest zu beginnen versuchen - ohne uns jedoch instrumentalisieren zu lassen, wie dies immer wieder versucht wurde. Unüberhörbar aber werde ich mich immer wieder vehement zu Wort melden, um Missstände aufzuzeigen und an das Gewissen der gewählten Vertrauenspersonen der Gemeinde zu erinnern und zu appellieren!

Lassen Sie mich eines feststellen: Der heutige Zustand unserer Gemeinde, der im Inneren wie in der Öffentlichkeit viel zu oft und zu Recht als «katastrophal» bezeichnet wird, ist nicht erst seit dem Amtsantritt des gegenwärtigen Parlaments festzustellen. Auch gewählte Gremien aus den vorangegangenen Legislaturperioden haben daran ihren Anteil. Mein ausdrücklicher Dank gilt an dieser Stelle all jenen Gemeindemitarbeitern, die trotz des allgemein beklagten desolaten Zustandes unserer Gemeinde ihre Arbeit im Sinne unserer Mitglieder geleistet haben. Nun gibt uns die Wahl eine neue Chance, das Ansehen der Hauptstadtgemeinde - bis hin zum Zentralrat der Juden in Deutschland - wiederherzustellen.

Auch wenn mehr oder weniger dieselben Kandidaten zur Wahl stehen, wie jene, die jetzt Verantwortung tragen, ist es unsere Aufgabe als Wähler, sie mit unserer Stimme auch an ihre Verantwortung dafür zu erinnern, verloren gegangenes Vertrauen wiederzuerlangen und sich aus einer unverantwortlich handelnden und zerstrittenen Führungsmannschaft zu einem kollegialen Gremium zu entwickeln, das die anstehenden Aufgaben effizient, zeitnah und rechtssicher lösen kann - und will!

Gehen Sie also zur Wahl, liebe Gemeindemitglieder, doch erinnern sie die Kandidaten schon bei den Vorstellungsrunden an genau diese Verantwortung. Keiner darf sich hinterher über das Wahlergebnis beschweren, der daran nicht aktiv mitgewirkt hat: Auch die Nicht-Wähler werden «gewählt» haben. An anderer Stelle habe ich einmal gesagt - und das gilt heute mehr denn je: «Jeder Einzelne trägt dafür Verantwortung, die wir als kollektive Verantwortung zu verstehen haben und die wir zur fortwährenden Manifestierung der Gemeinde brauchen!»

 

Am Freitag, dem 9. November, wird Isaak Behar das Totengebet «Kaddisch» im Rahmen einer Schüler-Gedenkveranstaltung am Mahnmal «Gleis 17» am S-Bahnhof Berlin-Grunewald sprechen. Beginn: 16.30 Uhr. Innensenator Ehrhart Körting wird gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Gottfried-Keller-Gymnasiums, der Hugo-Gaudig-Realschule und Auszubildenden der Landespolizeischule Berlin der Deportationen Berliner Juden in die Vernichtungslager, darunter auch der Familie Behars, gedenken.

 

 

«Jüdische Zeitung», November 2007