Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Think positive!» 770, Eastern Parkway ist überall.Warum man Chabad Lubawitsch auch lieben kann
Ich kann durchaus nachvollziehen, warum säkulare und religiöse Gegner diese so erfolgreich weltweit agierende und intelligent vernetzte jüdische Sekte namens Chabad Lubawitsch seit 200 Jahren in fast jeder Hinsicht ablehnen. Heutzutage sind moderne Chabad-Wegweiser wie «Wir sind für alle Juden da», «Think positive!», «We want Meshiach now!» zu Projektionsflächen geworden, andererseits fungiert die ultraorthodoxe und entsprechend restriktive Bewegung auch als weltweiter Sozialverein. Für die jüdischen Kranken, Inhaftierten und Armen ist das überlebenswichtig. Sie ehren auch das Alter. Diese Chabadniks sind grandiose Schnorrer und strikte Umverteiler, wenn es um mittellose jüdische Kinder, Lehrhäuser, Betstuben, Lesesäle, Speiseklubs und Ferienlager geht. Bei Bedarf eröffnen sie Kleiderkammern. Ihr traditionelles Männer- und Frauenbild wird durch Kinderreichtum bestätigt. Pausenlos produzieren sie ihre beseelend wärmende Zugehörigkeit. Das ist ihr Konzept, ihr Angebot für unsere unterkühlte, zerrissene und durch die vernichtende Schoa entwurzelte jüdische Welt. Merkwürdigerweise scheinen solche wie ich Chabad als das Synonym einer alternativlosen, altmodischen, romantischen jüdischen «Heymischkeit» zu lieben. Das geht tiefer als jeder noch so treffende ideologie- und religionskritische Exkurs.
Meine erste Begegnung mit chassidischen Schluchim, wie die Gesandten aus der Armee des Rebben auch genannt werden, hatte ich im Dezember 1987 in Ostberlin. In der winzigen Jüdischen Gemeinde traf sich schon seit über einem Jahr eine Gruppe aus vor allem intellektuellen, künstlerisch und politisch engagierten Jüdinnen und Juden, meist aus atheistischen linken Emigranten- und anderen jüdischen Kreisen. Wir wollten alles Jüdische erfassen, und natürlich die uns fremden Traditionen kennen lernen. Unter dem Motto «Wir für uns» fungierte der Kulturraum der Jüdischen Gemeinde Berlin (DDR) in der Oranienburger Straße 29 als Treffpunkt. Kein Wunder also, dass ich im Dezember 1987 am Grenzübergang Friedrichstraße auf den New Yorker Rabbiner wartete, der wegen unseres Chanukka-Treffens angerufen hatte. Aber es erschien kein alter Herr, sondern zwei junge Männer wie aus dem Geschichtsbuch, bärtig, mit steifen Hüten und wehenden schwarzen Mänteln. Sie brachten die Grüße eines Rebben mit und viele kleine Chanukkaleuchter nebst Kerzen. Damals hielten wir ölige Bäcker-Pfannkuchen noch für koscher, die erste Unterweisung lautete daher, dass die Abwesenheit von Schweinefleisch nur eine der vielen Regeln sei. Ich dolmetschte. Nichts, auch nicht die provokant gemeinte Frage nach vorehelichem Geschlechtsverkehr brachte die jungen Männer aus der Ruhe. Ihr Rebbe, ein gewisser Menachem Mendel Schneerson, hatte sie geschickt, direkt zu uns nach Ostberlin. In unserer jüdischen Gruppe sollten sie das helle Licht der «Jiddishkeit» entzünden. Als sie in der Nacht wieder gen Westen aufbrachen, war mir, als hätte ich Außerirdische getroffen.
Ein Jahr später in glühender Hitze kam ein alter Herr mit langem weißem Bart auf eine dortige jüdische Tagung. Das war Rabbiner Abraham Glick sel. A. aus London, vor den Nazis aus Wien geflohen, der seinerzeit für Europa zuständige Gesandte des Rebben. Wie jene in Berlin gab auch er dessen Botschaft weiter. Zwischen Purim und Pessach 1989 war ich schließlich in meiner Geburtstadt New York. Bob, ein Textilfabrikant, den ich im November 1988 am Rande des Pogromnacht-Gedenkens in Ostberlin kennen gelernt hatte, schlug mir einen Ausflug nach Brooklyn vor. Ich müsste den Rebben treffen. Bob führte mich also am Sonntagvormittag zum separaten Eingang des kleinen Hauses Nummer 770 am Eastern Parkway, vorbei an Menschenmassen, die als Männer- und Frauenschlangen vor den zwei anderen Türen warteten. Höchst unpassend strahlte mein knallroter Mantel in der schwarzen Menge. Die Chanukkarabbiner von damals warteten schon und wir schoben uns durch menschenvolle Räume zu einem kleinen, weißbärtigen alten Mann, der hinter einem Tisch stand. Freundlich fragte er nach meinem Wohlergehen und reichte mir zwei Scheine reichte - einen Dollar für mich, einen für die «Kehilla». So nannte er die jüdische Gemeinde Ostberlin. Er wusste offenbar alles, lobte unsere jüdische Gruppe und meine Initiative und gab mir den dringenden Rat, Herrn Galinski um Unterstützung zu bitten. Dass jener in West-, ich hingegen in Ostberlin lebte, war ihm unwichtig. Bald, so der Rebbe, würde sich das geändert haben. Der Satz war damals nicht zu verstehen. Wieder auf der Straße ließen mich die jungen Rabbiner das Erlebte wieder und wieder repetieren: «And what did the Rebbe say?» Zweimal hatte er mich angelächelt. Dann sollte ich einem Bettler einen Dollar schenken, im Kreislauf der Wohltätigkeit. Auch so können Bräuche tradiert werden.
Bevor ich begriffen hatte, was mir geschehen war, fiel die Berliner Mauer. Jetzt machte der Satz des Rebben Sinn. Herr Galinski half zwar nicht, aber aus Brooklyn kamen Chabadniks nach Berlin, auch zum Jüdischen Kulturverein. Wir erlebten nun, wie Juden mit Juden verbunden sein können, auch ohne einer organisierten Gemeinde anzugehören. Die Shluchim und die lernenden Bocherim kamen zu Pessach, zu Chanukka und an manchem Schabbat. Rabbiner Glück junior schickte den Londoner Maschgiach David Marlow, mit dem wir die Küche pessachrein zu putzen lernten. Und riesige Pakete mit handgefertigter Schmure Mazze. Plötzlich feierten wir gesetzestreu, «kosher LePessach» und in großer Gesellschaft. Das Akronym «ChaBaD» war lebendig geworden. Chochma (Weisheit), Bina (Verständnis) und Da'at (Wissen) machten jetzt Sinn, die drei Bestandteile, die im dialektischen Verhältnis die Philosophie der Bewegung beschreiben und Verstand zu Gefühl ordnen. Ich lernte, dass Rabbi Schneur Zalman (1754 - 1812) aus Liady der Begründer der Bewegung war, genannt «Alter Rebbe», und dass dieser den Dienst an und das Wissen über «Haschem» (so der Gottesname bei Chabad) aus der Lehre des Baal Shem Tov erklärt habe. Damals war diese Art des Denkens und Lebens wie eine Ahnung von ausgelöschter Zeit. Warum wollte ich immer mehr wissen? Vielleicht, weil es mich an die große politische Sehnsucht erinnerte? Hier wie dort ging es um soziale Gerechtigkeit im Diesseits, aber dort auch um messianische Hoffnung. Die tägliche Anstrengung für Tikkun Olam, für die kommende, bessere Welt, dieser Gedanke war mir sehr vertraut.
Auf Auslandsreisen begann ich, nach Chabad-Häusern zu suchen. Es war unkompliziert. Ich wurde stets herzlich zum Schabbat-Gottesdienst eingeladen, immer folgte der Kiddusch, und ich saß mit fremden Reisenden an frisch gedeckten Tischen. Immer waren die Gesandten des Rebben als Beter, Lehrer, Väter und Ratgeber zwischen uns. Immer beeindruckten mich deren Frauen. Jede Rebbezin glühte für ihr erfülltes Leben im Glauben, war Vielfachmutter, Lehrerin, Managerin, Beraterin und nicht zuletzt begabte Köchin. Im armen ukrainischen Simferopol half ich später der Rebbezin Leah in der Küche, als sie wie an jedem Freitag den Hefeteig für Berge riesiger Challot knetete, denn am Schabbat versorgt sie Hunderte von Bedürftigen. Die örtlichen jüdischen Gemeinden hingegen zeigten selten Interesse an durchreisenden Juden wie mir. In Montevideo war es daher wieder ein Chabad-Rabbiner, der meine Cousine besorgt fragte, ob ich am Schabbes wirklich versorgt sei.
So verschieden die Gebäude, so ähnlich das Verhalten ihrer Bewohner. Seit 1951 fahren die jungen, schnell kinderreichen, enthusiastischen Ehepaare im Auftrag des Rebben in die jüdische Welt. Die Brooklyner Zentrale hilft ihnen nur kurze Zeit, dann müssen sie ihre eigenen regionalen und überregionalen Sponsoren und Volunteers gefunden haben. Weltweit gibt es über 3..000 Chabadhäuser, 14 davon in Deutschland. Wer die jüdische «Familie» verloren hat, ist überall willkommen. Mich fasziniert die disziplinierte Methode, mit der der Traum des Baal Schem Tow von vor 300 Jahren zum Programm werden konnte. Ihm träumte, wie es heißt, der Messias werde kommen, aber erst, wenn eines unbestimmten Tages die ganze Judenheit erneut im alten Glauben vereint sei. Dafür arbeitet die Armee des Rebben. Alle Fäden laufen in 770, Eastern Parkway zusammen, wo der 1994 verstorbene 7. Rebbe Menachem Mendel Schneerson wirkte, der in der Erbdynastie seinem Schwiegervater nach dessen Tod gefolgt war, so wie dieser seinem Vater, jener dem seinen usw. Der 7. Rebbe war neben allem anderen ein grandioser Schachspieler, ein Stratege und begnadeter Ingenieur. Mit festem Glauben, seinem unbeugsamen Willen und technischem Sachverstand modernisierte er systematisch die ihm übergebene Bewegung. Er, ein Überlebender, ein Geflohener, begann kurz nach der Schoa an dieser Vision der Kontinuität, an der gesetzestreuen jüdischen Zukunft zu bauen. Er programmierte die Bewegung der Chabadchassiden für die gesamte jüdische Welt. Mit ihm verließen sie das althergebrachte Schtetl, und blieben ihm dennoch treu. «America is no different», sagte auch der 6. Rebbe, als er forderte, sich die Peijes nicht abzuschneiden und wie im alten Europa den dunklen Anzug zu tragen.
Irgendwann hatte ich das verstanden, bald danach wusste ich auch um das Geheimnis des Pessachtees und was zu tun ist, wenn Schabbes in Jonteff übergeht. Wir aus dem früheren Ostberlin waren nicht mehr das unbeschriebene fünfte, das noch herumirrende jüdische Kind der Pessachgeschichte, das der Rebbe in die Hagada eingebracht hat. Viele von uns hatten an der Sedertafel einen Platz gefunden, auch ohne Einkehr in den Glauben. Oj weh! Ich merke es schon. Am Ende hat sich diese irrationale Liebe zu Chabad natürlich nicht schlüssig begründen lassen. Es ist aber, wie es ist. Das fundamentale Leben der Frommen schreckt mich nicht, der theologische und politische Streit um die Richtigkeit ihrer Lehre lässt mich kalt, hin und wieder fahre ich in Rabbiner Teichtals schönes Berliner Bildungszentrum, erfahre Neues über die Schule, den Kindergarten, gehe in die Synagoge, lese Kursangebote und sitze mit Anderen am langen Kidduschtisch. Jetzt haben sie auch ein Restaurant «Lechaim», das «kosher l'mehahadrin» ist, gerade kamen zehn Bocherim aus New York, um ein Jahr lang in Berlin zu lernen und zu lehren. Die Logik der Chabad-Bewegung ist die Expansion. Und so sehe ich mich am Schabbat in einer noch nicht bestehenden Ostberliner Chabadfiliale den Männern durch die Trennwand beim Gebet zusehen und mit Bekannten und Fremden an weiß gedeckten Tischen sitzend den lautstarken rabbinischen Tischreden folgen. Ich höre mich Segenssprüche sagen, Lieder singen, mich unterhalten, essen - und das «L'Chaim» nicht vergessen. |