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Seit mehr als zehn Jahren ist Rabbiner Yehuda Teichtal so etwas wie «das Gesicht» von Chabad Lubawitsch in Berlin. 1996 wurde der heute Mitte Dreißigjährige als Rabbiner der orthodoxen jüdischen Gemeinschaft Chabad Lubawitsch aus New York nach Berlin entsandt. Mit seiner drei Jahre jüngeren Frau Leah lebt er nun in Berlin-Wilmersdorf, ganz in der Nähe des in diesem Frühherbst eröffneten Chabad-Lubawitsch Bildungszentrums in der Münsterschen Strasse 6. Es ist das größte unseres Landes und das modernste zugleich. Im Mittelpunkt des ehemaligen Umspannwerkes findet man die Synagoge als religiöses Zentrum, in den umliegenden Etagen Seminarräume, eine Bibliothek und ein Multimediazentrum für die umfangreichen Bildungs- und Kursangebote, den Veranstaltungs- und Festsaal, ein koscheres Restaurant und den Judaica-Laden, die Jugend-Lounge und die Mikwe sowie einen Informationscounter für Berlin-Besucher im Empfangsbereich zu allem Jüdischen in der Hauptstadt. Acht Jahre lange haben die Vorbereitungen zur Eröffnung des Zentrums gedauert, das komplett aus privaten Spenden und Zuwendungen finanziert wurde. Jede freie Minute im Leben des dienstältesten Rabbiners der Hauptstadt ist dafür in Anspruch genommen worden, der «nebenbei» noch seine Gemeinde als religiöses wie als Verwaltungszentrum aufzubauen hat, die Mitarbeiter des Bildungszentrums anleitet, jüdische Feste am Ku'damm organisiert, von denen die ganze Stadt spricht, Feriencamps ausrichtet oder an der Sonntagsschule unterrichtet. Stets hat Teichtal auch Zeit für die Menschen, die zu ihm kommen, in religiösen wie in Alltagsfragen. Sein soziales Engagement ist ein Markenzeichen von Chabad Lubawitsch. Die Bewegung ist im 18. Jahrhundert in Osteuropa als Teil des volkstümlichen Chassidismus entstanden. Ihre Mitglieder nennen sich Lubawitscher, nach ihrem Gründungszentrum, das sich bis zum Holocaust im weißrussischen Lubawitsch befand. Der Name Chabad ist so etwas wie ein Konglomerat der drei hebräischen Worte «Weisheit, Einsicht und Wissen». Doch Zeit bleibt auch für die Familie, zu der inzwischen die fünf Kinder David, Chana, Mussia, Deborah und Rachel gehören. Der Älteste ist neun, die Jüngste ein gutes Jahr alt. Vor allem am Schabbat zwischen Freitag- und Samstagabend, «da haben wir Ruhe vor dem Handy meines Mannes», erzählt Leah, «reden, essen und erholen uns. Wir haben dann immer Gäste und ich stehe in der Küche. Doch sobald ich umgezogen bin, ist der anstrengende Teil vorbei.» Yehuda und Leah haben einander in New York kennengelernt. «Als wir uns in Brooklyn vorgestellt wurden, habe ich mich sofort in sie verliebt», erzählte der Rabbiner der Zeitschrift «Woman» über die erste Begegnung mit der damals 19-jährigen Lehrerstudentin. Heute leitet Leah in Berlin die Schule von Chabad Lubawitsch und die Frauengruppen. Ihr Alltagsleben und das ihrer Familie hat sie auf die streng religiösen Vorschriften orthodoxer Juden ausgerichtet. In der Hochzeitsnacht schor sie sich die Haare kurz und trägt seitdem eine täuschend echte Perücke. Frauenhaar gilt den Orthodoxen als sexuelles Symbol, allein der Ehemann hat einen Anspruch darauf. Sie darf keine Hosen mehr tragen und keine geschlitzten Röcke, keine tiefen Ausschnitte und ihre Schultern müssen stets bedeckt bleiben. «Das heißt aber nicht, dass ich nicht modisch sein kann. Ich ziehe an, worauf ich Lust habe - vom Jeansrock bis zu High Heels», verrät sie der «Woman» verschmitzt. In Leah Teichtals Küche gibt es alles doppelt, um den strengen Speisegeboten des Talmud gerecht werden zu können: die getrennten Kühlschänke für Milchiges und Fleischiges, zwei Backöfen, zwei Spülbecken, zwei komplette Porzellansets stehen im Schrank. «Für Nichtgläubige klingt das alles sehr kompliziert, aber für mich ist das reine Routine.» Den jüdischen Gesetzen folgend «koche nie ein Böcklein in der Milch seiner Mutter» aus dem zweiten Buch Moses trennt Leah Fleisch- und Milchprodukte streng, Lebensmittel werden nur dann verwandt, wenn sie unter Aufsicht eines Rabbiners hergestellt wurden. Dennoch bedeutet koschere Küche nicht, sich einschränken zu müssen: Von Cornflakes bis zu Gummibärchen gibt es alles. «Wenn ich einen Kaffee mit Milch getrunken habe, warte ich sechs Stunden, bis ich eine Pizza mit Salami esse», erklärt die Rebezzin, so die Bezeichnung der Ehefrau eines Rabbiners, die Regeln. Noch vor zehn Jahren, als die Teichtals nach Berlin kamen, war es fast unmöglich, hier koscher einzukaufen, es gab keinen einzigen koscheren Laden. Leah musste ihre Lebensmittel in Paris bestellten, die Süßigkeiten für die Kinder wurden aus den Urlauben in Israel mitgebracht, wo Leahs Familie wohnt. Einfach war der Umzug nach Berlin für die Teichtals nicht, aus einem ganz anderen Grund. «Hier wurde die Familie meines Großvaters ermordet», so der Rabbiner. Doch dann habe er sich dennoch entschlossen hierher zu kommen, weil es wichtig sei, «dass wir Juden wieder hier sind». Er ist nicht nur religiöses Oberhaupt seiner orthodoxen Gemeinschaft für Berlin, mit Vollbart und Hut, sondern zugleich auch PR-Manager und Sponsoringbeauftragter in schwarzem Anzug und mit Krawatte. Denn nur für kurze Zeit unterstützt die Zentrale die Aktivitäten ihrer weltweiten Niederlassungen - dann müssen die Rabbiner selbst für die Finanzierung ihrer Gemeinde- und Bildungszentren sorgen. «Bestimmt gibt es manchmal Kritiker, so what, ist doch gut. [...] Mit Gottes Hilfe wird noch viel mehr von jüdischem Wissen, von jüdischem Stolz wachsen in dieser Stadt», macht Rabbiner Teichtal neugierig. Red. |