Chanukka-Feier in Marbella. Foto: U. Scheele

Die schwierige Rückkehr nach Sepharad

Jüdische Gemeinden in Spanien blicken auf eine lange Geschichte zurück

 

MÁLAGA - Beim ersten Staatsbesuch des spanischen Königs Juan Carlos in Israel kamen Menschen mit uralten Schlüsseln auf ihn zu und sagten: «Unsere Vorfahren hatten ein Haus in Spanien, bekommen wir das jetzt zurück?», erzählt Rabbiner Yossef HaCohen aus Málaga. Es waren Sepharden, Nachfahren jener Juden, die vor mehr als 500 Jahren aus Spanien vertrieben wurden. Wo die Häuser ihrer Vorfahren standen, wusste niemand.

Das goldene Zeitalter

Jüdisches Leben auf der Iberischen Halbinsel, Sepharad auf Hebräisch, hat eine lange Geschichte, die schon vor der Christianisierung begann. Mit der Eroberung der Iberischen Halbinsel durch die Moslems begann ab dem Jahr 711 ein Goldenes Zeitalter für die Juden in Spanien. Die Eroberer zeigten große Toleranz gegenüber Christen und Juden. Mehr als 300 Jahre konnten die Juden in Al-Andalus, so die arabische Bezeichnung für Spanien, nicht nur ihre Religion frei ausüben, sondern stellten die Kalifen und moslemischen Fürsten Minister und Leibärzte, waren einflussreiche Gelehrte und Kaufleute. Aber auch in dem durch christliche Truppen allmählich zurückeroberten Norden der Halbinsel wohnten viele Juden, die oft hoch geachtet waren, da ihre Kenntnisse für den Wiederaufbau des kriegszerstörten Landes gebraucht wurden.

Ab 1002 zerfiel im moslemischen Süden das Kalifat von Córdoba in kleine Fürstentümer, die Situation für Juden wurde in den bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen der Folgezeit schwieriger. Die Almohaden, ein fanatisch-gläubiger Berberstamm aus Nordafrika, verfügten die Islamisierung der Christen und Juden. Viele Juden wanderten aus - so auch die Familie des 1135 in Córdoba geborenen Moses Maimonides, der einer der wichtigsten Philosophen und Rechtsgelehrten des Mittelalters werden sollte.

Andere Juden konvertierten zum Schein, praktizierten jedoch heimlich jüdische Bräuche. Wieder andere gingen in den christlichen Norden, wo die Juden zeitweise freier leben und ihren Glauben ausüben konnten. Doch das Zusammenleben mit den Christen war immer wieder von Pogromen gekennzeichnet, denen selbst einflussreiche Juden zum Opfer fielen. Eine Episode aus dieser Zeit schildert Lion Feuchtwanger in seinem Roman «Die Jüdin von Toledo». Schon vor der endgültigen Vertreibung der Juden kam es auch in Katalonien, wo große jüdische Gemeinden in den «Calls» genannten Judenvierteln ansässig waren, zu pogromartigen Überfällen. Der Call von Barcelona wurde am 5. August 1391 vom Pöbel angegriffen und völlig zerstört.

Die Vertreibung

Der christliche Sieg über das letzte moslemische Fürstentum von Granada besiegelte 1492 das Ende des Zusammenlebens der Juden, Moslems und Christen in Spanien. Auf Betreiben des Großinquisitors Torquemada verfügten die katholischen Könige Ferdinand von Aragonien und Isabel von Kastilien die Vertreibung aller Juden, die nicht zum Christentum konvertierten. Die meisten dieser so genannten Sepharden flüchteten nach Nordafrika, später wurden viele im Osmanischen Reich aufgenommen. Historiker gehen davon aus, dass Hunderttausende vertrieben wurden. Es entstand die bisher größte jüdische Diaspora, die sich ihre kulturellen Wurzeln und eine eigene, dem Spanischen des 15. Jahrhunderts ähnliche Sprache bewahrt hat. Sephardisch hat heute noch weltweit 150.000 Sprecher.

Alle Juden, die in Spanien blieben, mussten zum Katholizismus übertreten. Diese so genannten Konvertiten wurden von ihren Mitbürgern misstrauisch beäugt und verdächtigt, heimlich weiterhin jüdische Bräuche zu praktizieren. Bis ins 17. Jahrhundert wurden die jüdischen Konvertiten und ihre Nachfahren als «Marranen» bezeichnet, abgeleitet vom arabischen Ausdruck für das verbotene Schwein. Die Bezeichnung war denn auch als Beleidigung gemeint. Tatsächlich hielten sich jüdische Bräuche unter den Nachfahren der Neuchristen in Spanien bis in unsere Zeit. «Mir haben Menschen erzählt, dass in ihrer Familie immer freitagabends eine Kerze angezündet wurde, ohne dass jemand wusste warum», schildert Rabbiner Yossef HaCohen aus Málaga. «In anderen Familien wurde zu Ostern alles Geschirr in den Kamin gestellt.»

Das Vertreibungsedikt von 1492 blieb praktisch mehr als 400 Jahre in Kraft und verhinderte über Jahrhunderte die Ansiedlung von Juden in Spanien. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts ließen sich jüdische Familien im Baskenland, in Madrid und Barcelona nieder. Ihre rechtliche Situation war nach wie vor unsicher. Das Vertreibungsedikt war weiter in Kraft, wurde 1808 sogar offiziell bestätigt.

Foto:U.S.

Die Rückkehr

Ende des 19. Jahrhunderts ändert sich die Situation in Spanien allmählich: 1881 bringt König Alfons XII. seine Sorge über die Lage der Juden in Russland zum Ausdruck und erklärt, dass man «die aus Russland stammenden Hebräer aufnehmen und ihnen damit die Türen ihrer alten Heimat öffnen werde». Während des Ersten Weltkriegs kommen etliche Nachfahren der spanischen Sepharden aus dem Balkan und der Türkei als Flüchtlinge nach Spanien. Viele siedeln sich in Barcelona an, wo sich 1918 wieder eine jüdische Gemeinde gründet. Ein Jahr zuvor wird in Madrid die erste Synagoge eröffnet. Bis zum spanischen Bürgerkrieg 1936-1939 konsolidieren sich in mehreren spanischen Städten jüdische Gemeinden. Nach dem Sieg der nationalen Truppen unter General Franco kommt es zu Repressionen gegen Juden. 1938 wird die Synagoge von Madrid geschlossen, Sakralobjekte werden verschleppt, die Jüdische Gemeinde wird aufgelöst. Ein ähnliches Schicksal erleidet die Jüdische Gemeinde in Barcelona, als faschistische Gruppen das Gemeindezentrum plündern und die Synagoge profanieren. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs sind die jüdischen Gemeinden auf dem spanischen Festland verboten, die Synagogen bleiben geschlossen.

Aber es gab auch mutige Spanier, die sich trotz der ideologischen Ausrichtung des neuen Regimes für die Juden in Europa einsetzten. So rettete der Diplomat Ángel Sanz Briz, seit 1943 Francos Botschafter in Budapest, 5.200 ungarische Juden vor den Nazis, indem er ihnen spanische Pässe ausstellte. Offiziell war diese Maßnahme nur für 200 Nachfahren der Sepharden vorgesehen, doch Sanz Briz stellte immer mehr Juden Schutzbriefe seiner Regierung aus und brachte sie in angemieteten Häusern unter, bis sie das Land verlassen konnten. Der Diplomat blieb nach der aus Madrid angeordneten Schließung der Botschaft im Dezember 1944 noch drei Wochen in der von Nazitruppen und Roter Armee umkämpften Stadt, um weitere Juden zu retten. 1991 verlieh ihm die israelische Regierung den Titel «Gerechter unter den Völkern».

Erstmals Religionsfreiheit

Allerdings handele es sich um einen Einzelfall, das Franco-Regime sei besonders in seiner Anfangszeit deutlich antisemitisch gewesen, erklärt Claudia Rodríguez Molina aus Marbella, die ihre Doktorarbeit an der Universität Granada über die Wiederansiedlung jüdischer Familien in Spanien ab dem 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart schreibt. «Die Rettung der Juden im Spanien Francos ist ein Mythos», sagt sie, «es konnten lediglich einige wenige über Spanien in andere Länder, meist in die USA oder nach Südamerika, auswandern». Ende der 40er Jahre entspannt sich die Lage. 1949 wird in Madrid eine neue Synagoge eröffnet, die jüdischen Gemeinden wachsen in den 50er und 60er Jahren besonders aufgrund des Zuzugs aus dem ehemaligen spanischen Protektorat in Marokko. Neue Gemeinden entstehen in Málaga, Torremolinos und Marbella, obwohl die religiösen Aktivitäten weiter im privaten Rahmen stattfinden müssen. 1968 verabschiedet das Franco-Regime das erste Gesetz zur Religionsfreiheit, in der Folge entsteht der spanische Rat der israelitischen Gemeinschaften, ein Vorläufer des heutigen Verbands der jüdischen Gemeinden in Spanien, unter dessen Dach sich 13 Gemeinden zusammengeschlossen haben. Nach dem Militärputsch 1975 in Argentinien sorgt der Zuzug von argentinischen Juden für ein Anwachsen der jüdischen Gemeinden in Spanien. Seit 1980 - die Demokratie ist in Spanien wieder hergestellt - ist die volle Religionsfreiheit per Gesetz garantiert. Anlässlich des 500. Jahrestags der Vertreibung der Juden aus Spanien verabschiedet das spanische Parlament 1992 ein Kooperationsabkommen mit dem Verband der jüdischen Gemeinden in Spanien, das die Beziehungen zwischen dem spanischen Staat und den Angehörigen der jüdischen Konfession regelt.

Derzeit leben in Spanien nach Auskunft des Verbands etwa 48.000 Juden, die größten Gemeinden befinden sich in Madrid, Barcelona und Málaga. Im ganzen Land gibt es 30 Synagogen, in Madrid und Barcelona auch weiterführende jüdische Schulen. Drei Gemeinden bestehen in der Provinz Málaga: in der Provinzhauptstadt, in Marbella und Torremolinos. Etwa 900 Mitglieder hat die Israelitische Gemeinde Málaga. Sie wurde 1975 gegründet, drei Jahre später kam Rabbiner Yossef HaCohen wie viele andalusische Juden aus dem ehemaligen spanischen Protektorat in Nordmarokko - Nachfahren der aus Spanien vertriebenen Sepharden.

Viele kamen aus Marokko

«Eigentlich kam ich nur aushilfsweise aus Tanger, weil die Gemeinde in Málaga gerade keinen Rabbiner hatte», erzählt HaCohen. «Ich war von Beruf Juwelier, aber dann wurde ich mehr und mehr in Málaga gebraucht und ließ mich hier nieder.» Gemeindezentrum und Synagoge befinden sich in einem Innenstadtviertel, in dem heute auch viele marokkanische Einwanderer leben, eine Moschee und arabische Restaurants an die Zeiten von Al-Andalus erinnern. «In diesem Jahr beginnen wir mit dem Bau eines neuen Zentrums in der historischen Altstadt», erläutert HaCohen. «Die Stadt hat uns ein Grundstück zur Verfügung gestellt, im Gebäude soll auch ein Museum zur sephardischen Kultur eröffnet werden.» Das neue jüdische Zentrum wird an der Stelle entstehen, wo sich vor 500 Jahren das Judenviertel von Málaga befand. Auch eine bedeutende Synagoge soll hier gestanden haben. Heute ist das Viertel durch die Eröffnung des Picasso-Museums vor drei Jahren zum touristischen Zentrum der Stadt geworden. In der Nachbarschaft befinden sich eine Moschee sowie die Kathedrale.

Die Israelitische Gemeinde Málaga beteiligt sich aktiv am interreligiösen Dialog, veranstaltet zusammen mit der Stadt Informationstage über die sephardische Kultur, nimmt an Diskussionsveranstaltungen teil. «Der Imam von Marbella ist ein guter Freund von mir, wir treten häufig gemeinsam in der Öffentlichkeit auf», erklärt Rabbi Yossef HaCohen. Mit dem Imam aus dem benachbarten Fuengirola und einem katholischen Priester habe er in der Synagoge für Frieden gebetet.

Während die jüdischen Gemeinden von Málaga und Torremolinos hauptsächlich aus Sephardim bestehen, sind in der jüdischen Gemeinde Marbella auch viele Aschkenasim anzutreffen. An wichtigen Feiertagen werden Gottesdienste für beide Gruppen abgehalten. Die Gemeinde hat nach Auskunft ihres Vorsitzenden Raphael Cohen zwischen 700 und 3.000 Mitglieder, abhängig von den Urlauberströmen. «Unsere Synagoge, die vor 35 Jahren als erste Synagoge in Andalusien seit der Vertreibung von 1492 errichtet wurde, ist orthodox, aber wir sind offen für alle», erklärt Cohen. Als Teil des kosmopoliten Marbella ist auch die Jüdische Gemeinde sehr international. «Meine Ansprachen halte ich mindestens in zwei Sprachen», erklärt der Vorsitzende. Die Website der Gemeinde ist auf Spanisch, Englisch und Französisch abzurufen, die eigene Zeitschrift Focus erscheint vierteljährlich ebenfalls dreisprachig.

Doch die Jüdische Gemeinde in Marbella ist nicht nur eine Urlaubergemeinde. Es gibt einen Kern von aktiven Mitgliedern, die vor 35 Jahren die Gemeinde gründeten und die Arbeit des Gemeindezentrums an der Strandpromenade von Marbella organisieren. Hier findet auch der Religionsunterricht statt, den die Rabbiner Meir O'Hayon und Leon Yehuda Benguigui für Kinder und Erwachsene geben. Mit der lokalen Fernsehstation in Marbella verhandelt man derzeit über die Ausstrahlung eines monatlichen Programms.

Spanienweit gibt es schon seit 1985 eine jüdische Fernsehsendung: Im zweiten Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens TVE gestaltet der Verband jüdischer Gemeinden jede Woche eine zehnminütige Sendung. Ausschließlich über Internet strahlt Radio Sefarad seit 2003 täglich eine Stunde Programm aus - ein anspruchsvolles Projekt, das unterschiedliche Themen des jüdischen Lebens in Spanien und in der Welt behandelt. 2006 ging Sefarad TV im Internet auf Sendung, kurz darauf die Internet-Zeitung Diario Sefarad. Alle drei Medienprojekte werden vom Verband der jüdischen Gemeinden in Spanien verantwortet und sollen den Austausch untereinander fördern, aber auch die gesamte spanischsprachige Welt über das jüdische Gemeindeleben in Spanien informieren. Denn das Interesse an der sephardischen Kultur wächst.

Uwe Scheele

 

Information:

www.radiosefarad.com
Radio im Internet

 

www.fcje.org
Website des Dachverbands der jüdischen Gemeinden in Spanien

 

www.legadosefardi.net
Geschichte der Sepharden in Spanien

 

www.calldebarcelona.org
Kulturstiftung zur Wiedererrichtung der alten Synagoge von Barcelona

 

www.redjuderias.org
Historische Judenviertel in Spanien mit virtuellen Rundgängen

«Jüdische Zeitung», März 2007