«Er war eben ein ‚zoon politikon’»

Auszüge aus der Zürcher Trauerrede von Ekkehard W. Stegemann am 25. Oktober

 

« ‚Verlass uns nicht, wenn unsere Kräfte schwinden' - unter diesem Vers aus Psalm 71 hat Rabbiner Leo Baeck, wie Ernst Ludwig Ehrlich bezeugt hat, seine letzte Predigt am Jom Kippur in Berlin 1938 gehalten. Lutz hat das selbst so kommentiert: ‚Es war gewissermaßen ein Aufschrei einer untergehenden Gemeinschaft. Nicht mehr der Ausdruck einer Hoffnung ...., sondern nur noch eine letzte Bitte vor der bereits eingeleiteten Katastrophe.' Lutz Ehrlich war damals ein junger Mann von 17 Jahren, geboren zwar in einem bürgerlichen Elternhaus, aber seit Jahren schon erfahren in der Verfemung und Verachtung und der unerbittlichen Entrechtlichung als Jude. Sein Vater Martin war schon 1936 gestorben. Der Jugendliche hatte den Tod seines Vaters im Zusammenhang von dessen beruflicher Zurücksetzung als Reichsbahnbeamter aufgrund des sogenannten Arierparagraphens sehen müssen. Er, Lutz selbst, war persönlich Schmähungen ausgesetzt. Aber die zynisch sogenannte Reichskristallnacht, das Novemberpogrom von 1938, veränderte sein Leben grundlegend. Illusionen hatte er jetzt nicht mehr. Und weil er wusste, dass er nichts mehr zu verlieren hatte, hat er etwas Überlebenswichtiges geübt, nämlich: keine Angst zu haben. Doch setzte er alles daran, sich und seine Mutter zu retten. Er sah für sich eine Zukunft, wie ungewiss sie auch erschien. Er machte Abitur am Jüdischen Gymnasium (noch 1940) und nahm dann ein Studium an der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums auf. Leo Baeck wurde dort sein Lehrer. Aber auch Eugen Täubler, der bedeutende Altertumswissenschaftler, lehrte dort bis zu seiner Emigration 1941. [...]

Wenn wir heute, 64 Jahre nach der Flucht von Ernst Ludwig Ehrlich, hier in der Schweiz Abschied nehmen müssen, blicken wir auf eine außergewöhnlich erfolgreiche Laufbahn und auf ein außerordentliches, bewunderungswürdiges Lebenswerk zurück. Der Verfemte, der Verfolgte, der mit dem Tod Bedrohte wurde zu einem der angesehensten Vertreter des Judentums in Europa, zum gesuchten Gesprächspartner von Kirche und Politik. Er wurde - mit Recht - als Wissenschaftler mit drei Ehrendoktoren und einer Honorarprofessur ausgezeichnet. Er hat Orden und bedeutende Preise erhalten. Man brachte ihm Ehrerbietung, ja Verehrung entgegen. Sehr mit Recht. Und er hat das auch genossen. Die zahlreichen Nachrufe, die bereits erschienen oder gesendet worden sind, reflektieren etwas von diesem Glanz, der von seiner Person und Lebensarbeit untrennbar ist und auch in der Erinnerung mit ihr verbunden bleiben wird.

Mir kommt es darauf an hier als enger Freund von Ernst Ludwig Ehrlich seit Jahrzehnten auszudrücken, dass all dies letztlich nicht von den Erfahrungen, die der 22-Jährige in dieses gerettete Leben, in dieses Überleben eingebracht hat, losgelöst werden kann. Warum? Da ist wohl zu allererst der Wille zum Leben und der Mut zum Leben, der Mut zum Dasein, trotz all dieser Verluste, trotz all dieser Morde, dieser abgründig monströsen Verbrechen, trotz all dieser alltäglichen Gemeinheiten. Er kannte den Alptraum der Geschichte nicht nur aus Büchern. Er wusste und auch wir wissen es, dass es zwar illusionär ist, von der Stabilität einer menschlichen Gesellschaft und einer fraglos tragenden Ordnung des Rechts und der Humanität auszugehen. Aber gerade deswegen hat er seine Lebenskraft nach der Schoa dafür eingesetzt, gegen die Zerstörung der ethischen und humanen Werte den Glauben an ihre heilvollen Kräfte zu stärken. Er, dem zugedacht war, in dem Menschheitsverbrechen, der ungeheueren Vernichtung, der Schoa, selbst individuell unterzugehen, hat auf den ,tikkun olam', auf die Heilung der Welt gesetzt. Er hat nicht darauf gesetzt, dass man Edom, dass man Amalek humanisieren kann. Zum ‚Sachor et ascher assah lecha Amalek' musste man ihn nicht mahnen. Denn zu seiner Erinnerung gehörte für ihn fast täglich die an die ermordete Mutter. Er hat aber darauf gesetzt, dass es Menschen gibt, die wie die, die seiner Rettung Hilfe leisteten, nach der Schoa vermehrt angesprochen und an deren Verantwortung appelliert werden könnte - gerade in der Erinnerung an das nahezu totale Versagen vorher. Noch einmal: Was ihm, wie ich meine aus der Nähe zu ihm erkannt zu haben, am Herzen lag, das war: diejenigen Menschen zu gewinnen, die aus dem Erschrecken, aus der Erschütterung und aus der Scham über dieses Menschheitsverbrechen gelernt haben, was es heißt, nach der Schoa für eine humane, eine solidarische, eine Gesellschaft ja sogar Menschheit einzutreten, die sich nicht noch einmal schämen muss für ungeheure Freveltaten, die sie nicht verhindert, gegen die sie nicht Widerstand in ausreichendem Masse geleistet hätte, bei denen sie nicht indifferent zu- oder weggesehen hätte.

Aber das hiess für ihn nun auch, dass ein kritisches und ein selbstkritisches Bewusstsein zu bilden war über die Ursachen dieser Menschheitskatastrophe. Dass gesellschaftliche, kirchliche, theologische, institutionelle Überprüfungen, Erneuerungen und eben Teschuwa, Umkehr in Gedanken, Worten und Werken, stattfinden mussten. Nie wieder Auschwitz - wenn er sich denn zu diesem Pathos hinreissen liess, bedeutete für ihn: intellektuell, ethisch und politisch institutionelle, tragfähige Grundlagen zu schaffen, Verbindungen zwischen der Gesellschaft, den christlichen Kirchen und den Juden herzustellen, die halten. Er war eben auch und vielleicht zuvorderst ein Politiker oder besser ein ‚zoon politikon'. »

 

«Jüdische Zeitung», November 2007