Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Toleranz begleitet die Liebe zu Gott»Ein Leben im Dialog: Zum Tod von Ernst Ludwig Ehrlich
Am Sonntag, den 21. Oktober, verstarb in Riehen bei Basel Ernst Ludwig Ehrlich. Der Judaist, Religionsphilosoph und Publizist, der am 27. März 1921 in Berlin-Charlottenburg zur Welt gekommen war, verstand sich als liberaler Jude. Als er Mitte Juli in Berlin von der Union progressiver Juden in Berlin für sein Lebenswerk mit dem Israel-Jacobson-Preis ausgezeichnet wurde, wurde dies zu seinem letzten öffentlichen Auftritt. «Ich persönlich bin dankbar für die letzte Begegnung mit Ernst Ludwig Ehrlich», schreibt Innenminister Wolfgang Schäuble, «als er, der Geehrte, in Berlin, dem Ort seiner Geburt und Vertreibung, an das Zeugnis von Leo Baeck erinnerte, an seine Lehre eines ‚vollen Judentums mit seiner langen Tradition'. Es war in dieser bewegenden Stunde in Berlin für alle spürbar, dass sich auch Ernst Ludwig Ehrlich bis zuletzt in der Pflicht sah, von diesem Erbe Zeugnis abzulegen.» Ein Studentenausweis der Berliner Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, ausgestellt auf Ernst Ludwig «Israel» Ehrlich, markiert seine prägenden Jahre als Schüler von Leo Baeck. Der Beamtensohn, der mit seinen Eltern Eva und Martin die Gottesdienste in der liberalen Synagoge in der Fasanenstraße besucht hatte, musste nach der erzwungenen Schließung der Lehranstalt 1942 Zwangsarbeit leisten. Er hörte noch als Student von der Ermordung der Juden in Polen, damals ein unglaubliches Gerücht. «Aber ich glaubte es, auch wenn es schwer zu glauben war» Er begriff, dass die Deportationen nach Polen den sicheren Tod bedeuteten, und weigerte sich, für die Reichsvereinigung Deportationsbefehle zuzustellen. 1942 absolvierte er noch sein Religionslehrerexamen. Gemeldet war er damals in der Levetzowstraße. Er erinnerte sich an diese Verfolgungszeit so: «Und es folgte der 27. Februar 1943, als die Fabrikaktion war und man die Juden deportierte, darunter auch meine Mutter. Und man ist dann drei Tage später zu mir gekommen, um mich abzuholen. Und unsere ehemalige Wirtschafterin Emma war noch in der Wohnung, zu der sagten sie: Den wollen wir gar nicht holen, den erschießen wir gleich hier.» Ehrlich war damals krankgeschrieben und untergetaucht, also nicht am Arbeitsplatz in der Munitionsfabrik gewesen, als man ihn dort aufgreifen wollte. «Zwischen März und Juni 1943, als ich Berlin verließ, erlebte ich lediglich eine schwierige Woche. Die meiste Zeit hielt ich mich in der Wohnung einer kinderlosen deutschen Familie auf. Durch Doktor Kaufmann von der Bekennenden Kirche erhielt ich falsche Papiere. Kaufmann gab Cioma Schönhaus den Auftrag, den Stempel zu fälschen.». Im Sommer 1943 konnte sich Ehrlich mit diesen gefälschten Papieren in die Schweiz retten. Zusammen mit seinem Studienfreund Herbert A. Strauss gab er sich als Industrie-Inspektor aus. Die beiden behaupteten, auf dem Weg nach Singen in der Nähe der Schweizer Grenze zu sein, um dort eine Aluminium-Fabrik zu inspizieren. «Ich verbrachte drei Monate in einem Arbeitslager und habe nachher ein Stipendium für die Universität Basel erhalten.» Im Oktober 1943 schrieb es sich an der Universität ein; 1950 promovierte er in Bern mit einer Arbeit über den « Traum im Alten Testament». «Jedes Jahr fragte mich die Fremdenpolizei, wann ich das Land verlasse. Ich sagte ihnen, ich wolle zuerst meine Studien beenden.1950 dann, als ich das Gesuch für die Aufenthaltsbewilligung stellte, lehnte das Arbeitsamt das Gesuch ab, die Fremdenpolizei hieß es jedoch gut.» Ernst Ludwig Ehrlich wurde Schweizer Bürger, heiratete 1967 Eleonora Sterc und ließ sich in Riehen bei Basel nieder, nahe der deutschen Grenze. Ernst Ludwig Ehrlich Judentum war quasi auch Religion aus Erfahrung, die er mit dem sozialen Auftrag der Propheten verband. Humanität und Gerechtigkeit galten ihm mehr als bloße Form und leeres Ritual. Er lebte einen Satz von Baeck: «Das Leben wählen und gestalten, das ist die Forderung, die das Judentum an den Menschen richtet.» Lehrer und Schüler kamen nach Baecks Befreiung aus Theresienstadt erneut ins Gespräch und wurden in Briefen und Begegnungen zu Partnern. 1946 lud Leo Baeck Ernst Ludwig Ehrlich zur ersten Nachkriegskonferenz der World Union for Progressive Judaism nach London ein. In ihrer Korrespondenz ging es zunächst um zwei Themen: die Schuld der deutschen Intellektuellen und die aktuelle Entwicklung der Zionistischen Bewegung. Von der Schweiz aus wurde Ernst Ludwig Ehrlich zum Europäer und zum Brückenbauer zwischen den Religionen, den Generationen, zwischen West und Ost. Er unterrichtete ab 1955 in Frankfurt / M. und bald in Berlin Judaistik war der erste jüdische Referent auf einem katholischen Kirchentag in Deutschland. 1956 erschien seine «Geschichte der Juden in Deutschland», das er seinem im KZ Sachsenhausen ermordeten Jugendfreund Georg Israel widmete- 1958 kam die «Geschichte Israels. Von den Anfängen bis zur Zerstörung des Tempels» heraus, und zwar bei de Gruyter, dem Verlag, dem er 50 Jahre lang verbunden blieb. Heute liegen uns zahllose Veröffentlichungen zu Bibel und Midrasch, jüdischer Geschichte und Kultur und zum Verhältnis von Kirche und Synagoge vor; dazu gehören auch die 42 Bände der «Studia Judaica», die Ehrlich herausgab, seit Band 24 zusammen mit dem Wiener Judaisten Günter Stemberger. 1958 wurde der 37-jährige mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland ausgezeichnet. Weitere Würdigungen folgten: das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, die Buber-Rosenzweig-Medaille und der Bischof Hemmerle-Preis, die Honorarprofessur in Bern, Ehrendoktorate in Basel, Berlin und Luzern, zuletzt der schon genannte Israel-Jacobson-Preis der Union progressiver Juden. B'nai B'rith Europa machte ihn schließlich zum Ehrenvizepräsidenten. Von 1958 bis 1996 war Ehrlich als Generalsekretär der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft der Schweiz tätig, von 1961 bis 1994 auch als Direktor des Europäischen Distriktes von B'nai B'rith. Er lehrte an der Universität Bern und machte sich als gefragter Redner und Experte einen Namen. Während des Zweiten Vatikanischen Konzils war er als Berater von Kardinal Bea in Basel und Rom an der Vorbereitung der Erklärung über die Juden, «Nostra aetate» (1965), beteiligt, später engagierte er sich beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Hans Joachim Meyer, der Präsident des Zentralkomitees: «Zu einer Zeit, als viele auf beiden Seiten noch nicht an eine Versöhnung nach den schrecklichen Gewalttaten während der NS-Dikatur glaubten, hat Professor Ehrlich, ermutigt durch die Signale, die das Zweite Vatikanische Konzil ausgesandt hatte, den Kontakt zur katholischen Kirche gesucht, um das Gespräch mit ihr aufzunehmen. [...] Daraus entstand der Gesprächskreis ‚Christen und Juden' beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken.» Seine Bedeutung für den jüdisch-christlichen Dialog brachte kürzlich auch Kardinal Walter Kasper, im Vatikan für die religiösen Beziehungen zum Judentum verantwortlich, so zum Ausdruck: «Sie gehören zu den Pionieren und Brückenbauern dieses Dialogs, der nach einer schwierigen und komplexen Geschichte hoffentlich auf Dauer in eine gute Partnerschaft zum Wohl des Friedens in der Welt einmündet.» Von den vielen Kondolenzschreiben, darunter auch ein Brief vom SPD-Parteivorsitzenden Kurt Beck, sei hier nur aus dem von Kardinal Karl Lehmann im Namen der Deutschen Bischofskonferenz zitiert: «Professor Ehrlich hat sich in den vergangenen Jahrzehnten über alle Maßen große Verdienste und Anerkennung erworben, gehörte er doch zu den wichtigsten Gesprächspartnern im christlich-jüdischen Dialog. [...] Mit seinem Tod ist nun die mahnende Stimme des glaubwürdigen Zeugen verstummt, die nicht müde wurde - gerade auch wegen seiner persönlichen schmerzlichen Erfahrungen -, zur Versöhnung zwischen Juden und Deutschen und zu einem respektvollen Miteinander aufzurufen. Unvergesslich werden mir auch die persönlichen Begegnungen und Gespräche mit ihm bleiben.» Ehrlich selbst beharrte stets darauf, dem «Anderen in seiner geistigen und spirituellen Existenz zu begegnen». Auf der Wiener Tagung „Die religiösen Wurzeln der Toleranz" beschloss er seinen Vortrag 2002 mit diesen Worten: «Die Theologie kann uns trotz vieler Gemeinsamkeiten nicht zusammen bringen; Religion jedoch vermag es, denn Religion in ihrer höchsten Erscheinung ist mehr als Theologie. Sie ist der Versuch des Menschen, der Liebe Gottes nachzueifern. Toleranz begleitet die Liebe zu Gott.» Nicht dass Ernst Ludwig Ehrlich ein Dialogiker gewesen wäre, der sein Judentum im Gespräch um des lieben Friedens willen und in falscher Harmonie veräußert hätte. Sein Engagement für B'nai B'rith zeugt vom Festhalten an der Tradition. Rabbiner Bent Melchior, der frühere Oberrabbiner von Dänemark, zum Tod seines Logenbruders: «1961 wurde Lutz zum Direktor des B'nai B'rith-Bezirk Kontinentaleuropa ernannt. Sein Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1991 bedeutete noch lange nicht das Ende seiner Tätigkeit; als Spendensammler war er unersetzlich. Sein Wissensreichtum, sein Takt und seine persönlichen Beziehungen in allen Lebensbereichen Deutschlands waren herausragend. Wenigen Persönlichkeiten wurde soviel Respekt und Bewunderung zuteil wie Lutz Ehrlich. Egal welche Partei regierte, Lutz wurde von Bundeskanzlern, Ministern, Bürgermeistern und anderen Amtsinhabern als hoher Würdenträger empfangen. Wir können uns glücklich schätzen, von seinem Status profitiert zu haben. Ohne die Unterstützung von Lutz wäre es uns nicht möglich gewesen, in diesem Umfang Seminare und Ausstellungen zu organisieren, Publikationen zu veröffentlichen, in den ‚neuen' Gebieten in Ost- und Mitteleuropa zu arbeiten und andere kulturelle Aktivitäten zu veranstalten. Gleichzeitig war sein Verständnis der politischen Landschaft nicht nur für uns Europäer von großer Bedeutung. Auch bei den bedeutendsten Experten von B'nai B'rith International genoss sein Beitrag höchstes Ansehen. All dies ist nun Geschichte. Aber in der jüdischen Welt bauen wir die Zukunft auf der Geschichte unseres Volkes, und daher wird Lutz Ehrlich weiterhin mit uns leben. Ich persönlich habe einen Freund und Bruder verloren, dessen Zukunftsversion des Judentums in hohem Maße der meinigen entsprach, falls ich mir diesen Gedankengang anmaßen darf. Obwohl wir unterschiedlichen Zweigen des Judentums angehörten, hatten wir keinerlei Probleme, einander instinktiv zu verstehen. Und ist es nicht das, wofür B'nai B'rith steht?» Der andere Zweig des Judentums: «Er war die Brücke zum jüdischen Erbe vor dem Holocaust. Ein bedeutender liberaler Denker, ein Mensch mit weitem Herzen», sagt Rabbiner Walter Homolka. Ernst Ludwig Ehrlich predigte bis in die 90-er Jahre in Berlin regelmäßig in den liberalen Gottesdiensten zu den Hohen Feiertagen. Was es mit diesem liberalen Judentum auf sich hat, erläuterte Ernst Ludwig Ehrlich anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Israel-Jacobson-Preis im Juli im Berliner Centrum Judaicum: « Die religiös-liberale Richtung unterschied zwischen dem Wesen der jüdischen Religion und den Erscheinungsformen, die im Laufe der Zeit sich mehr oder weniger wandelten.» Und mit Bezug auf Leo Baeck: « Glaube an Gott, an den Menschen und an die Menschheit und das daraus folgende Gebot der Tat, war für ihn das religiös-liberale Judentum.» Als Ehrensenator des Abraham Geiger Kollegs und Mitglied im Stiftungsrat der Leo Baeck Foundation lag ihm die Rabbinerausbildung in Deutschland besonders am Herzen:« Als letzter aktiver Schüler der letzten Generation der Lehranstalt spüre ich die tiefe Verpflichtung zu helfen, dass das Abraham Geiger Kolleg sich in einer Weise entwickeln kann, dass es in der Geschichte einmal als eine direkte Fortsetzung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums verstanden wird. Nur so wird es gelingen, den Tausenden von Juden, die in den letzten Jahrzehnten nach Deutschland gekommen sind, eine geistige jüdische Identität zu vermitteln, die ihnen bisher verwehrt war.» «Verlass mich nicht in der Zeit des Alters, wenn meine Kräfte schwinden, lass mich nicht allein», heißt es im 71. Psalm, der bei der Trauerfeier für Ernst Ludwig Ehrlich in der Liberalen Jüdischen Gemeinde Or Chadasch in Zürich zitiert wurde. Das galt auch für die letzten Wochen, in denen er sich seiner schweren Krankheit ausgeliefert sah. Ein besonderes Glück war dabei das Miteinander mit seiner Ehefrau Sylvia. Er freute sich an vielen Zeichen der Verbundenheit, etwa von alten Weggefährten wie Berthold Beitz und Ernst Cramer, von Monika Schoeller, von seinen Partnern beim Verlag de Gruyter oder auch bei der Konrad Adenauer Stiftung, Kardinal Kasper nicht zu vergessen. Enge Freunde wie die Theologen Hanspeter Heinz Stegemann waren an seiner Seite, ebenso die Rabbiner Walter Homolka und Tovia Ben-Chorin. Ben-Chorin amtierte auch bei der Bestattung von «Lutz», wie er im Familien- und Freundeskreis heißt. Die Trauerfeier wurde vom 73. Psalm begleitet, der für das Gottvertrauen von Lutz Ehrlich s. A. spricht: «Und doch bleibe ich stets bei Dir, meine rechte Hand hast Du erfasst.» Das besondere Mitgefühl der vielen Freunde gilt in diesen Tagen seiner Ehefrau Sylvia und seiner Adoptivtochter aus erster Ehe, Blanka Wild-Ehrlich. Am 18. November findet im Centrum Judaicum in Berlin eine Gedenkfeier für Ernst Ludwig Ehrlich statt. |