Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Komm’ wie Du willst, aber komm’!»Integration statt Auswanderung: das jüdische Rumänien
Vor der Tür der alten Synagoge in Alba Iulia tummeln sich viele Menschen. Sie warten auf den Bus, der hier seinen Haltepunkt hat. An diesem schwülen Augusttag herrscht reges Treiben in der geschichtsträchtigen Handelsstadt am Fuße der Karpaten. Schon die Römer zogen hier lang, heute sind es dichte Autokolonnen auf dem Weg von Siebenbürgen ins ferne Bukarest. Die Sonne ringt mit dem gewittrig dunklen Himmel, die restaurierte Fassade der Synagoge leuchtet. Schön sieht sie aus, wenn sie nur nicht beinahe zu erdrücken drohte durch den rohen Betonklotz nebenan. Er stammt noch aus Ceauşescu-Zeiten, schmückt sich heute mit einem Werbeplakat der liberal-nationalen Partei PNL, «Zusammen in Europa. Ein neuer Anfang für Rumänien.» Rumäniens Aufbruch nach Europa: Auch ein Signal für die jüdischen Gemeinden? Auf die Frage, wo man diese in Alba Iulia finde, antwortet ein Passant, der letzte Jude sei vor kurzem gestorben. Nun, das stimmt nicht ganz, noch existiert hier eine kleine Gemeinde. Aber es fügt sich in das Bild, welches wohl nicht nur viele Rumänen von der gegenwärtigen Situation der Juden im Lande haben. Jahr für Jahr werden es weniger, die Gemeinden sterben aus. Vielerorts erinnern nur mehr Synagogen und Friedhöfe an eine schillernde Vergangenheit. Vor dem Krieg lebten auf dem Gebiet des damaligen Rumänien mehr als 800.000 Juden. Eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinschaften in Europa. Ob in Czernowitz, Iassy, Klausenburg oder Bukarest - Juden haben das kulturelle und wissenschaftliche Leben an vielen Orten geprägt. Man denke an den Lyriker Paul Celan, den Schriftsteller Elie Wiesel oder den Pianisten Radu Lupu, aber auch an die große Tradition der Chassidim. Nur knapp die Hälfte der rumänischen Juden hat die Schoa überlebt. Das ganze Ausmaß dieses Verbrechens blieb lange Zeit im Dunkeln. Bis heute hält sich in Rumänien hartnäckig die Meinung, man sei für die Verbrechen nicht verantwortlich. Dabei ist seit langem bewiesen, dass man den SS-Einsatzgruppen nicht nur zuschaute. Rumänische Einheiten beteiligten sich im Rahmen des «Barbarossa» genannten Feldzugs gegen die Sowjetunion aktiv und aus eigenem Antrieb am Judenmord. Sie gingen weniger organisiert vor, als die SS es forderte, aber nicht minder grausam. In oft fürchterlichen Exzessen entluden sich lang angestaute antisemitische Gefühle. Die meisten Opfer kamen aus der damals zu Rumänien gehörenden Bukowina und aus Bessarabien, Gebiete mit einst großen jüdischen Gemeinden. Sie wurden nach Transnistrien, einem Gebiet hinter dem Dnejstr, deportiert. Wer nicht schon auf diesen Transporten zugrunde ging, starb in einem der vielen Lager, wurde zur Zwangsarbeit verpflichtet oder irgendwo in der Weite erschossen. Doch Rumäniens Diktator Antonescu, eben noch enger Verbündeter Hitlers, hatte nach der Niederlage in Stalingrad 1943 die Seiten gewechselt. Plötzlich besaßen die noch lebenden Juden im Kernland Rumäniens eine echte Überlebenschance. Mit einer traurigen Ausnahme: Die Juden Nordsiebenbürgens, 1940 Ungarn zugeschlagen, wurden 1944 nach Auschwitz deportiert. Von diesen Todestransporten kehrte fast niemand zurück. Die massive Auswanderung, vor allem nach Israel, der nach dem Krieg noch etwa 400.000 Juden im neu zugeschnittenen rumänischen Staat setzte schon bald nach der Etablierung des kommunistischen Regimes ein. Später verstärkt durch die politisch wie ökonomisch katastrophale Lage unter Ceauşescu. Aber auch die schwierige postkommunistische Phase mit einem zum Teil offen gezeigten Antisemitismus trug zur anhaltenden Auswanderung bei. Heute zählt die jüdische Gemeinschaft Rumäniens noch etwa 10.000 Mitglieder. Landesweit. Bukarest, Erew Schabbat. Während sich die Metropole, stickig und laut, ins Abendfieber stürzt, erklingen in der prächtigen Synagoge Templul Coral die Stimmen eines Chores. Viele sind es nicht, die sich hier zum Gebet versammeln, doch immer noch mehr als in den meisten anderen Gemeinden des Landes. Aus dem Kreis der überwiegend Älteren sticht ein Gesicht hervor. Neben dem Toraschrein, der Gemeinde zugewandt, sitzt Sorin Rosen, der neue Rabbiner von Bukarest. Seine Augen strahlen. Mit gerade mal 29 Jahren steht Sorin Rosen für die junge jüdische Generation. Er spricht fließend Englisch, hat drei Jahre in New York studiert. Allerdings musste er erst konvertieren, da seine Mutter keine Jüdin ist. Bei weitem kein Einzelfall. Sorin Rosen weiß um die äußerst prekäre Situation. Er will dennoch Mut machen, verweist auf die vielen Aktivitäten vor Ort, die Bemühungen gerade um die jungen Gemeindemitglieder. Stolz berichtet er vom gerade neu entstehenden Gemeindezentrum. «Man muss sich allerdings klar von anderen Angeboten unterscheiden», fordert er, «sonst wird es beliebig». Religion spiele daher eine wichtige Rolle. Und doch müsse man pragmatisch denken, die Realitäten einer um die Existenz ringenden Gemeinschaft akzeptieren. «Kann ich zum Schabbat mit dem Bus kommen?», habe ihn jemand einmal gefragt. Und die Antwort? «Komm' wie Du willst, aber komm'!» Sorin Rosen übernimmt sicher keine leichte Aufgabe. Mit ihren knapp 4.000 Mitgliedern ist die Bukarester Jüdische Gemeinde die mit Abstand größte des Landes. Hinzu kommen viele Israelis, die sich meist geschäftlich hier aufhalten. Da es in Israel eine große rumänische Diaspora-Gemeinde gibt, sind die Kontakte ohnehin gut. Auch eine kleine Gemeinde von Chabad Lubawitsch gibt es hier. Man kann in Bukarest noch von einer intakten Gemeindestruktur und einer lebendigen jüdischen Kultur sprechen. Getragen beispielsweise vom dem legendären Jüdischen Staatstheater, indem nach wie vor ausschließlich auf Jiddisch gespielt wird. Allerdings ist inzwischen auch hier der dramatische Wandel zu spüren. Schon längst gehören zu den Schauspielern und Tänzern mehrheitlich Nichtjuden. Neben zahlreichen kulturellen Veranstaltungen spielen hier noch Klezmerformationen, es gibt Leseabende eines jiddischen Literaturkreises und die Möglichkeit, in Talmud-Tora-Schulen zu lernen. Nur wenige Bauten des alten Jüdischen Viertels haben die gigantische Umgestaltung Bukarests in den 1980-er Jahren überlebt. Wie etwa die ehemalige Schneidersynagoge, in der sich heute das Museum zur Geschichte und Kultur der rumänischen Juden befindet. Der legendäre Oberrabbiner Moses Rosen (1912-1994) hatte unter Ceauşescu den Erhalt des Gebäudes erstritten. Indes wurde die Synagoge auf der anderen Straßenseite abgerissen. So mancher Kirche erging es nicht anders, die Gotteshäuser passten einfach nicht in die Hauptstadtherrlichkeit des Diktators. Die ehemalige Sinagoga Mare, in der inzwischen das Holocaust-Museum seinen Platz gefunden hat, wurde gleich von so hohen Plattenbauten hufeisenförmig umbaut, dass man sie auch heute nur schwer findet. Gerade frisch restauriert, steht die Sinagoga Mare in augenfälligem Kontrast zu der tristen Hinterlassenschaft des Diktators. Aristide Streja ist über 80, doch noch voller Energie. In bestem Französisch führt er durch die kleine Ausstellung und erzählt von den Verbrechen in Transnistrien, den berüchtigten «trenurile morţii» (Todeszügen), in denen so viele qualvoll starben. Ein Kapitel, das beim Anblick des kunstvoll verzierten Bethauses um so mehr schmerzt. Ist es nicht ein wenig bedrückend, von den Betonbauten so umschlossen zu sein? Der alte Herr lächelt. Naja, wenigstens schütze das vor antisemitischen Schmierereien. Man spürt, wie wichtig ihm die Vermittlung von Wissen über das Judentum ist. Diesem Gedanken folgt auch ein Herzensprojekt der Israelin Tova Ben Nun, die nach dem Ende des Ceauşescu-Regimes als Vertreterin der Jewish Agency nach Rumänien kam. Ihre vordringlichste Aufgabe war damals die Organisation der Auswanderung junger Juden nach Israel. Im Laufe der Zeit entwickelte sich jedoch eine Idee, die eigentlich in die gegenteilige Richtung zielt. So fordert sie heute junge Juden zum Bleiben auf. Unterstützt und getragen von der Ronald S. Lauder Foundation gründete sie 1997 eine jüdische Schule in Bukarest. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Jüdischen Staatstheater gelegen, ist die Ganztagsschule mit einer Primar- und Gymnasialstufe eine allseits anerkannte Institution. Zurzeit lernen hier fast 300 Schüler, darunter mittlerweile auch viele nichtjüdische Rumänen. Mit 250 Dollar Studiengebühr pro Monat ist der Kreis derer, die auf diese renommierte Schule gehen wollen, gleichwohl beschränkt. Paul Schwartz, Vizepräsident der Förderation Jüdischer Gemeinden Rumäniens (FCER), blickt, wohl auch beeindruckt von der Situation vor Ort, recht optimistisch in die Zukunft. Natürlich sei die Lage ernst. Doch der spürbare Aufschwung an jüdischer Kultur seit dem Ende Ceauşescus zeige, wie lebendig das Judentum in Rumänien noch ist. Bei anderen Gemeinden herrscht hingegen tiefe Verunsicherung. «Woher sollen die Jungen denn kommen?», fragt etwa Mihail Ronai, der neue Gemeindevorsitzende im siebenbürgischen Cluj-Napoca (Klausenburg) und wirkt dabei ziemlich resigniert. Mit etwa 500 Mitgliedern, davon allerdings knapp die Hälfte aus gemischten Familien stammend, gehört sie neben Oradea (Großwardein), Iaşi (Iassy)und Timisoara (Temeschburg) eigentlich noch zu den größeren des Landes. Und doch reicht es auch in Cluj nur selten zum Minjan. «Die beiden Paare, die in den letzten 15 Jahren hier geheiratet haben, sind anschließend ausgewandert. Eigentlich kümmern wir uns nur noch um Beerdigungen.», erzählt Ronai. Andernorts sieht die Lage noch dramatischer aus. So zählt die Gemeinde in Sibiu (Hermannstadt), als europäische Kulturhauptstadt gerade im Fokus der Öffentlichkeit, derzeit noch 24 Mitglieder. Im nicht weit entfernten Sighişoara (Schäßburg) lebt noch ein einziger Jude. Er ist über 90. Wie soll da jüdisches Leben aufrechterhalten werden? Zumal ein akuter Rabbinermangel herrscht. Momentan betreuen lediglich vier, aus Israel kommende Rabbiner die 38 Gemeinden («comunitati») und 22 Gemeinschaften («obsti») des Landes. Im Rahmen des europäischen Kulturhauptstadtjahres wurde in Sibiu im Juni ein mehrtägiges jüdisches Kulturfestival veranstaltet, mit zahlreichen Gästen aus dem In- und Ausland. «Euroiudaica» - ein schönes und sicherlich wichtiges Fest, das gleichwohl über die äußerst schwierige Lage vor Ort kaum hinwegtäuschen kann. Wen wird die Gemeinde nach all dem Wirbel interessieren? Ilona Petres, eine ältere Ungarin, betreut die Synagoge am Fuße der Altstadt, wo sich einst das unter Ceauşescu niedergerissene Jüdische Viertel befand. Für «Sibiu 2007» wurde die Synagoge eilends restauriert. Allerdings nur die Straßenfront der Fassade. An den Seiten blättert weiter die Farbe ab. Die Gottesdienste finden inzwischen meist im kleinen Gemeinderaum im Rücken der Synagoge statt, erzählt Ilona Petres. Immerhin wird die Synagoge wie in vielen anderen Städten für kulturelle Zwecke genutzt. Man kann sie etwa für Konzerte mieten. So bleiben wenigstens die Gebäude mit ihrer wertvollen Ausstattung erhalten. Und damit auch die Erinnerung an jüdisches Leben. Wie schnell dies verblassen kann, zeigt sich gleich nebenan: Auf dem Gelände befand sich einst auch die jüdische Schule. Heute ein normales Wohnhaus, erinnern nur mehr eine schmiedeeiserne Menora über der Eingangstür und verzierte Geländer daran, dass hier vor gar nicht allzu langer Zeit Schüler durch das Treppenhaus lärmten. Auf der anderen Straßenseite ruft ein graues Haus allein durch seinen Kubus in Erinnerung, dass hier vor noch 20 Jahren die orthodoxen Juden ihre Synagoge hatten. Heute gehört das Gebäude einem Arzt, der darin Fenster produzieren lässt. Business auf Rumänisch. Beispiele für die Umnutzung von Synagogen und anderen jüdischen Einrichtungen gibt es viele. In Cluj fand sogar der private Fernsehsender Antena 1 Platz in einer alten Synagoge. Doch es gibt auch Projekte mit einem ganz anderen Anliegen: Vor zehn Jahren bot die FCER die seit Mitte der 70er Jahre nicht mehr genutzte «Synagoge der Handwerker» zur Versteigerung an. Das Gebäude am Rande der Klausenburger Altstadt drohte zu verfallen. Inzwischen ist hier eines der am besten besuchten kulturellen Zentren der Stadt entstanden. Dank der Initiative von Csilla Kőnczei wurde aus der Synagoge «Poalei Tzedek» das «Tranzit-Haus». Mit zahlreichen Workshops, Ausstellungen, Konzerten und thematischen Veranstaltungen ist hier eine Kultur- und Begegnungsstätte entstanden. Eine Stiftung wurde gegründet, im Kuratorium engagieren sich Persönlichkeiten des kulturellen Lebens der Stadt und neben einigen Festangestellten gibt es auch eine Reihe von Volontären. Man lege dabei großen Wert darauf, Menschen unterschiedlicher ethnischer und kultureller Hintergründe zusammenzuführen. Dieser vergessene Ort zwinge förmlich dazu, so Csilla Kőnczei, die Erinnerung an jüdische Geschichte und damit an eine Klausenburg prägende kosmopolitische Stimmung zu bewahren und ins Bewusstsein der Stadt zu tragen. Immerhin lebten hier lange Zeit, neben einer ungarischen Mehrheit, Deutsche, Rumänen und Juden zusammen. Mihail Ronai freut sich über das aufrichtige Engagement, der Draht zum Tranzit-Haus ist gut. Ab und zu gibt es auch Veranstaltungen zu jüdischen Themen oder Klezmerabende. Aber viele Gemeindemitglieder seien inzwischen zu alt, um daran aktiv teilzunehmen. Sie werden dafür gern als Zeitzeugen von Studenten des Instituts für Jüdische Studien befragt, das sich in einer anderen ehemaligen Synagoge befindet. Den Studenten, so erzählt Ronai, gehe es dabei nicht nur um den Blick in die Vergangenheit. Vielmehr suchten sie den Kontakt zur Gemeinde, zu der auch ihr Direktor Ladislau Gyémant gehört, nähmen gern an Gottesdiensten teil. Es sei wichtig für sie, authentische jüdische Tradition zu erfahren. Es sind die Widersprüche und Kontraste, die das Bild vom gegenwärtigen jüdischen Leben in Rumänien prägen. Man blickt auf eine reiche Geschichte zurück, wie etwa in Braşov (Kronstadt), wo die Gemeinde mit einer wunderbar restaurierten Synagoge gerade ihr 200-jähriges Bestehen feiert. Aber auch sie ist wie so viele im Schwinden begriffen und an eine Renaissance, etwa durch eine starke Einwanderung, ist momentan wohl kaum zu denken. Mit Ausnahme von Bukarest und einigen größeren Städten wird sich die Pflege jüdischer Kultur im Wesentlichen auf den Erhalt der Friedhöfe und Synagogen beschränken. Schon das ist eine gewaltige Aufgabe. Projekte wie das Tranzit-Haus in Cluj zeigen indes, dass man sich verstärkt mit dem jüdischen Erbe auseinandersetzt. Und damit ein wichtiges Stück Erinnerung bewahrt. |