Ein Gemeinschaftswerk

 

Die Zahl der Mitglieder im Trägerverein hat sich in zehn Jahren noch einmal verdoppelt. Im abgelaufenen Jahr kamen 15.000 Besucher in das Museum. Vor allem Schulen besuchen begeistert das Lehrhaus der jüdischen Geschichte in Westfalen als Lernort für ein tolerantes Miteinander der Religionen. Neben Christen und Juden zählen auch Muslime zu den häufigen Gästen. Die Hochschulen in Münster und Duisburg schicken Dozenten und Studierende, die hier hervorragendes Anschauungsmaterial für ihre Blockseminare vorfinden. Anders als in vor der Zeit vor der Jahrhundertwende, die den jüdischen Gemeinden eine hohe Integrationsleistung für die Zuwanderer aus Russland abverlangte, fahren im Jüdischen Museum Westfalen jetzt auch große Reisebusse aus den Kultusgemeinden ganz Deutschlands vor. Dank intensiver Beteiligung an der Präsentation der Ruhr-Stadt an den Kulturhauptstadtprojekten des Jahres 2010 ist «JMW» ein europaweit anerkanntes Gütesiegel. Im neuen Jahresprogramm 2017 sind mehr Forschungsprojekte und Wanderausstellungen als je zuvor angekündigt. Klar ist, das sich jetzt auszahlt, dass seit einigen Jahren nicht nur Spenden, sondern auch die Erträge einer Stiftung das finanzielle Rückgrat des Hauses bilden und eine angemessene Bezahlung des engagierten Personals in Wissenschaft und Verwaltung erlaubt. Wie das alles gekommen ist, kann im Zweiten Band der Memoiren von Schwester Johanna nachgelesen werden.

Halt, da stimmt doch was nicht. Die stolze Bilanz des Jüdischen Museums Westfalen, die der Vorsitzende Norbert Reichling anlässlich der 15-Jahr-Feier vorträgt, ist ein rhetorischer Trick, eine Beschreibung der Zukunftsperpektive für die kommenden Jahre, sozusagen das Rede-Manuskript für das silberne Jubiläum im Jahr 2017. Jetzt, zehn Jahre früher, liegt die Zahl der Besucher erst bei 7.000. Die mehr als 30 Mitarbeiter sind fast ausschließlich unbezahlte Praktikanten, Freiwillige und Vereinsmitglieder.

Was auffällt am Abend des 13. Oktober 2007: Dieses Museum lebt von der ansteckenden Kraft der Initiative. Schwester Johanna, eine katholische Ordensschwester, die als Jüdin geboren ist und bei Christen versteckt die Nazizeit überlebte, hatte die Idee zu diesem Museum und hat einige hundert Menschen ermuntert, es mit ihr zu realisieren. Die Bilderschau, die zu Beginn der Veranstaltung in Dorsten einen Rückblick in die Entstehungszeit bietet, wird beklatscht, belacht, vielstimmig kommentiert, wie man das nur von lebendigen Vereinen kennt. Jeder kennt jeden. Selbstbewusstsein und Stolz passieren Revue. Wer von außen Unterstützung lieferte, zum Beispiel Ministerpräsident Rau, mehrere Bundestagspräsidenten.

Am 28. Juni 1992 war ein leer stehendes, bescheidenes Jugendstilhaus zwischen Bahnhof und Stadtmitte der Ort, die Sammlung der Dokumente und Kultgegenstände zu beginnen, neun Jahre später konnte schon ein moderner Erweiterungsbau eröffnet werden. Gewiss kann sich das Ensemble nicht mit den großen Museen in Berlin oder München messen. Aber weil (noch) jeder jeden kennt, können der Vorsitzende, die Geschäftsführerin Gisela Brückner oder der wissenschaftliche Mitarbeiter Thomas Ridder ohne Umschweife angesprochen werden, wenn ein neues Stück Geschichte gefunden ist, eine der vielen Reisen zu historischen Orten des jüdischen Lebens und Leidens geplant wird oder eine Recherche für eine religionswissenschaftliche Seminararbeit angereichert werden soll.

Als Wolf Biermann gefragt wurde, warum er denn hier in diesem Haus in tiefer Provinz auftrete, schrieb er ins Gästebuch, was als keineswegs provinzieller Geist des Hauses überall spürbar ist: «Du bist a Mensch und a Mensch find' immer a Menschen!»

Biografische Skizzen gehören zum Kern und Konzept der Dauerausstellungen in diesem Museum. 14 Familien-Chroniken zeigen, wie einfache Leute, etwa ein Viehhändler, aber auch Juden mit Rang und Namen in dieser Region ihre jüdische Kultur und Religion gelebt haben. Das gibt kein komplettes Bild, hat aber exemplarischen Charakter. «Jüdische Religion und Tradition» sind das andere große Thema der Dauerausstellung. Der erste Bereich führt in die Bedeutung der Tora und der Synagoge für das jüdische Gemeindeleben ein. Der zweite Bereich beleuchtet das Haus sowie die Familie und Individuen im Wandel der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Der dritte Bereich richtet den Focus auf die Verbrechen der Nazi-Zeit, die Schoa und den Neuanfang in Deutschland hin. Im Wechsel präsentiert das Museum Besonderes, zurzeit die «Szenen aus der Bibel» des aus den USA stammenden Künstlers David Bennett.

Klang und Glitzerlicht trugen zum Jubiläum die Dortmunder Sängerin Tirzah Haase und die Pianistin Armine Ghuloyan bei, die mit dem Titel «Das Lied ist aus» ein fröhlich-verruchtes und auch gestrenges Flair der 20er-Jahre grandios zu Aug und Ohr brachten. Nach den Finsternissen der Folgezeit kann es heute neu anklingen. KC

Jüdisches Museum Westfalen
Julius-Ambrunn-Straße 1
46282 Dorsten

Telefon: 0 23 62 / 4 527 9
Fax: 0 23 62 / 4 53 86
E-Mail: info@jmw-dorsten.de
www.jmw-dorsten.de

 

«Jüdische Zeitung», November 2007