Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Bibliographie und KulturtransferInternationales Kolloquium zum 100. Todestag von Moritz Steinschneider
«Steinschneider ist der universellste jüdische Gelehrte», heißt es in der Einleitung zu seinen Gesammelten Schriften von 1925. «In der Vielseitigkeit seiner wissenschaftlichen Forschungen, in der Mannigfaltigkeit seiner literarischen Interessen, in der Beherrschung fremder Sprachen steht er unvergleichlich da; an Reichtum des Wissens und Schaffenskraft überragt er alle jüdischen Gelehrten des 19. Jahrhunderts. » Berlin ist eng mit dem Leben und Werk von Moritz Steinschneider (1816-1907) verbunden, und es liegt nahe, dass die Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz (SBB) den Gelehrten jetzt mit einer internationalen Tagung würdigt: Der Aufbau und vor allem die Katalogisierung der Hebraica-Sammlung der SBB, eine der bedeutendsten der Welt, geht im Wesentlichen auf Steinschneider zurück. Hier befindet sich ein einzigartiges Zeugnis der jüdischen Geschichte des Mittelalters, die größte bekannte hebräische Pergamentbibel überhaupt, nach ihrer Herkunft «Erfurt 1» genannt. Außerdem birgt die Sammlung eine der ältesten, größten und best erhaltenen Torarollen sowie viele andere Pracht- und Texthandschriften, die als Quellen für die jüdische Geschichte unschätzbaren Wert besitzen. 1816 im mährischen Prossnitz geboren, studierte Steinschneider neben seiner Ausbildung zum Rabbiner in Prag, Wien, Leipzig und Berlin orientalische Sprachen mit besonderem Schwerpunkt der arabischen Literatur und Philologie. Er wirkte er als Lehrer an der Veitel-Heine-Ephraimschen Lehranstalt und als Leiter der Mädchenschule der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, in welcher Funktion er das intellektuelle und religiöse Leben der Berliner Judenschaft im Sinne einer aufgeklärten, traditionsbewussten Spiritualität mitbestimmte. Der Königlichen Bibliothek (heute Staatsbibliothek zu Berlin) war Steinschneider eng verbunden: ab 1846 als Leser, später als Mitarbeiter und hochgeschätzter Berater. Er begründete die hebräische Bibliographie; dabei katalogisierte er nicht allein die Berliner Sammlung, sondern überdies auch die von Hamburg, München, Leiden und Oxford. Sein lateinisch abgefasster Katalog der berühmten Bodleiana in Oxford ist ein Meisterwerk der Bibliographie und bis auf den heutigen Tag - trotz Datenbanken und Internet - als Standardwerk maßgebend und unverzichtbar. Als Wissenschaftler befasste er sich vor allem mit der jüdischen Kulturgeschichte des Mittelalters, wobei ihm besonders daran gelegen war, den Anteil jüdischer Gelehrter an der Entwicklung der Wissenschaften zu erforschen. Für sein 1893 in Berlin erschienenes Hauptwerk «Die hebräischen Übersetzungen des Mittelalters und die Juden als Dolmetscher. Ein Beitrag zur Literaturgeschichte des Mittelalters meist nach handschriftlichen Quellen» erhielt er den Preis der Pariser Akademie. Insgesamt umfasst sein Oeuvre mehr als 1.400 Veröffentlichungen in sechs Sprachen. Die Bedeutung von Steinschneiders umfangreichem Briefwechsel mit Leopold Zunz ist längst erkannt, doch man trifft immer wieder auf weniger bekannte Briefe, etwa die von Zunz und Steinschneider im Wiener Nachlass von Ludwig August Frankl. Vor hundert Jahren, am 23. Januar 1907, starb Steinschneider kurz vor seinem 91. Geburtstag in Berlin; er wurde auf dem Friedhof der Jüdischen Gemeinde in Weißensee bestattet. Vom 20. bis zum 22. November wird nun in der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz ein internationales Gedenkkolloquium zu seinen Ehren veranstalt, «Bibliographie und Kulturtransfer». Den Auftakt machen am 20.11. Vorträge von Ismar Schorsch (New York) über «Moritz Steinschneider: Toward an Intellectual Biography» und Gerhard Endreß (Ruhr-Universität Bochum) zu «Kulturtransfer als Lehrüberlieferung: Moritz Steinschneider und „Die Juden als Dolmetscher"».
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