Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Ein Schiff mit neuen GenossenMit dem deutsch-jüdisch-russischen Shuttle über die Frankfurter Buchmesse
«Wenn die Erinnerung kommt» hieß der autobiografische Text, mit dem der diesjährige Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, Saul Friedländer, seinen Weg als Historiker begann. Der Band erschien zwei Jahrzehnte vor seinem Hauptwerk «Das Dritte Reich und die Juden». Mit seiner Dankesrede in der Frankfurter Paulskirche, in der er aus ergreifenden Familiendokumenten zitierte, kehrte der Autor gewissermaßen zu seinen Anfängen zurück. Ganz ähnlich wie Friedländer betrachtet auch sein Kollege Fritz Stern in seinem vielbeachteten Erinnerungsband «Fünf Deutschland und ein Leben» die deutsche und nationalsozialistische Geschichte durch ein persönliches Prisma. Die Lesungen und Auftritte dieser beiden großen jüdischen Autoren dürfte dem jeweiligen Publikum verdeutlicht haben, dass hier selten gewordene Repräsentanten der «Erlebnisgeneration» sprechen. Aber nicht wenige derjenigen, die heute Saul Friedländer und Fritz Stern applaudieren, haben auch einem Martin Walser applaudiert, als der für einen Schlussstrich im deutschen Auschwitzgedenken plädierte. Dass vor dem Hintergrund unterschiedlicher Erinnerungs-, Gedächtnis- und Erfahrungshorizonte traumatische Orte der Geschichte kaum in Symbole einer eindeutigen Trauerbotschaft verwandelt werden können hat uns bereits Primo Levi mitgeteilt. Von ihm stammt die Erkenntnis, dass es für die Erzählungen der Überlebenden keine wahrhafte Rezeption, kaum noch ein «menschlich zugewandtes Publikum» geben könne. Diese Erkenntnis ist umso eindeutiger, je mehr das Anwachsen einer Erinnerungsliteratur aus zweiter Hand zu konstatieren ist. Das Auschwitz-Thema wurde zum frei verhandelbaren Stoff, zum Gegenstand für Kunst wie auch für Kommerz. In früheren Jahrhunderten stand es außer Zweifel, dass «guter» literarischer Geschmack nicht von moralischen Überlegungen zu trennen sei. Von dieser Überzeugung ist wenig übrig geblieben. Heute existiert mehr denn je eine deutliche Abneigung gegen jede Art des Moralisierens, sowohl in der Literatur als auch in der Literaturkritik. Bis zu einem gewissen Grad gilt das selbst für die «neue Generation» der jüdischen Autoren, die sich seit den 80er-Jahren in der deutschsprachigen Literatur zu etablieren versuchten. Für diese Generation stehen (standen) Namen wie Maxim Biller, Esther Dischereit, Lea Fleischmann, Barbara Honigmann, Robert Menasse, Chaim (Hans) Noll, Robert Schindel oder Rafael Seligmann. Es sind die Kinder und Enkel der Überlebenden, die mit ihrem Werk aus dem Schatten der Schoa heraustreten wollten. Einigen ging es nicht nur um Kritik an der deutschen Mentalität (in der ein neuer Philosemitismus als Kehrseite des alten Antisemitismus erscheint), sondern auch darum, provokativ jüdische Tabus zu brechen. Andere beschrieben bekennerhaft ihren Lebensweg und ihre (Wieder-) Annäherung an die jüdische Religion. Inzwischen sind die meisten dieser Autoren und Autorinnen um die sechzig - und die «zweite» Generation ist nicht mehr die jüngere, sondern die ältere. Sie haben sich verändert - und mit ihnen ihre Themen. Rafael Seligmann, der noch vor zehn Jahren mit seinem «Musterjuden» provozierte, veröffentlichte in diesem Jahr im Auftrag der Ruhrkohle AG eine Firmenfestschrift, von der 80.000 Exemplare als «Tatsachenroman aus dem Revier» nicht verkauft, sondern verschenkt wurden. Und Robert Menasse schrieb einen jener Roman, die man schreibt, wenn man in die Jahre gekommen ist. Immerhin heißt der Held seines Don Juan-Romans Nathan und bewegt sich im vertrauten Wiener Milieu. Er ist Frauensammler und Ritter von der traurigen Gestalt in einem. Er kämpft so lange gegen Windmühlen, wie der Wind ihn lässt. Aber auch Esther Dischereit, die einst mit selbstquälerischen Texten wie «Joemis Tisch - eine jüdische Geschichte» in Erscheinung trat, präsentiert sich mit ihrem aktuellem Erzählband «Der Morgen an dem der Zeitungsträger» nicht mehr als sarkastisch-engagierte Schriftstellerin, sondern eher als neutral-distanzierte Sprachkünstlerin. Und Maxim Billers neue Liebesgeschichten unterstreichen demonstrativ durch ihren Untertitel «Shortstories», dass der Autor sich mehr einer amerikanischen Erzählweise verbunden fühlt als der deutsch-jüdischen Tradition. Doch worin besteht diese Tradition? Endlich ist die große Moses-Mendelssohn-Biographie von Dominique Bourel auch in deutscher Sprache erschienen. Hier wird uns der Ahnherr der deutsch-jüdischen Beziehung als avantgardistische und zugleich problematische Schwellenfigur vorgestellt, als eine Figur, die sich in Übergängen bewegte, zugleich aber auch Grenzen erkannte zwischen der deutschen, europäischen und jüdischen Aufklärung. Problematisch war die deutsch-jüdische Literatur- und Kulturbeziehung schon immer. Marcel Reich-Ranicki hatte frühzeitig davor gewarnt, eine ausgewählte Schar von Autoren und Autorinnen der «zweiten Generation» zu «Wegbereitern» einer neuen deutsch-jüdischen Literatur zu (v)erklären: «Weil die Frage nach der jüdischen Komponente im Werk vieler Schriftsteller so ungeheuerlich belastet ist wie wohl noch nie ein Problem in der Geschichte der deutschen Literatur, eben deshalb ist hier nichts notwendiger als maximale Sachlichkeit und Nüchternheit.» Das heißt, man sollte keine Auswahl der «Zugehörigkeit» treffen, ohne das Selbstverständnis der Betroffenen zu berücksichtigen. Die 37-jährige Julia Franck zum Beispiel, die in Frankfurt den «Deutschen Buchpreis 2007» erhielt, hat zwar andeutungsweise biografische Elemente ihrer eigenen jüdischen Familiengeschichte in den wunderbaren Roman «Die Mittagsfrau» eingewoben, möchte selbst aber nicht als «jüdische Autorin» gelten. Marktorientierte «Folklore» lehnt sie ab. Sie habe das assimilierte bürgerliche Judentum in Breslau und in der Lausitz einfach entsprechend den historischen Fakten darstellen wollen. Das sei ein Teilaspekt, mehr nicht. Ganz anders positioniert sich Rada Biller, die jüdische Mamme von Maxim. Mit ihrem neuen Roman «Lina und die anderen» fährt sie wie «ein Linienbus durch die Geschichte» (Neue Zürcher Zeitung). Sie berichtet von der Zeitreise einer jüdisch-russisch-armenisch-aserbeidschanischen Familie mit Zwischenstopps in Baku, Moskau, Grosny, Frankfurt und Haifa. Die Mitglieder der Romanfamilie werden von verschiedenen Identitätsansprüchen und Zeitzonen auseinandergerissen und finden aber am Schluss zu einer transnationalen Einheit. «Transnationalismus» und russisch-jüdisch-deutsche Familiengeschichte ist auch das Thema der 26-jährigen Lena Gorelik, die als Kind mit ihrer Familie aus St. Petersburg nach Deutschland übergesiedelt ist und mit «Hochzeit in Jerusalem» bereits ihren dritten Roman in deutscher Sprache vorgelegt hat. Sie teilt mit Autoren wie Wladimir Kaminer oder Vladimir Vertlib das Problem einer dreigeteilten Identität. Will man das Selbstverständnis einer neuen jüdischen Literatur in Deutschland ausloten, darf man die dramatische sozialkulturelle Veränderung des aktuellen jüdischen Lebens in Deutschland nicht ignorieren, die durch die Masseneinwanderung «russischer» Juden entstanden ist. Schon jetzt sind die Texte russisch-jüdischer Autoren ein großer Gewinn für die deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Lena Gorelik hat sich vorgenommen, diese Problematik nicht nur literarisch, sondern auch wissenschaftlich zu verarbeiten. Vielleicht erfahren wir bald von ihr mehr über den Literatur- und Kulturbegriff eines neuen europäisch-jüdischen Projekts der Moderne. Heinrich Heine scheint immer noch aktuell zu sein, denn er hat schon 1843 erklärt: «Ich habe eine neues Schiff bestiegen/Mit neuen Genossen...»
Willi Jasper ist Professor für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Potsdam. Zuletzt ist sein Buch «Auf der Jagd nach Liebe. Heinrich Mann und die Frauen» bei S. Fischer erschienen. |