Ion Holender. Foto: F. Lechner

Ein Paradeösterreicher der Sonderklasse

Ioan Holender ist Wiens erfolgreichster Staatsoperndirektor aller Zeiten

 

WIEN - Eine Ära geht zu Ende. Direktor Ioan Holender kam der neuen Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) zuvor, die den erfolgreichsten Wiener Staatsoperndirektor recht gnädig erst zum 28. Februar empfangen wollte. Zum 21. Februar gab Holender in einer knappen Pressemitteilung bekannt, dass er für eine erneute Verlängerung seiner Amtszeit über das Jahr 2010 hinaus nicht zur Verfügung steht. Holender ist der am längsten amtierende Direktor, der je die Geschicke der Staatsoper geleitet hat. Er wurde 1988 Generalsekretär und 1992 Direktor des Hauses. Sein Vertrag wurde insgesamt vier Mal verlängert.

«Überall geht alles weiter, nur hier nix»: Im Interview nennt Ioan Holender erneut die knappe Zeit für die Saisonplanung als Grund, warum er für eine Vertragsverlängerung nicht zur Verfügung steht. «Ich weiß, dass niemand in Österreich besser beurteilen kann als ich, wie lange man wirklich voraus planen muss», sagt er. Und dass er es kann, das hat er immer wieder gezeigt. Ioan Holender gilt als der letzte Opernimpresario der alten Schule: elegant, kompetent, unterhaltsam. Mit seinen unübertroffenen Auslastungs- und Einnahmenzahlen wurde er zum erfolgreichen Staatsoperndirektor, der sicheres Gespür für junge Sängertalente bewies.

Berufsziel: Ingenieur

Der am 18. Juli 1935 im rumänischen Timisoara (Temesvár) geborene Holender fand auf Umwegen zur Oper. Sein Vater war Essig- und Marmeladenfabrikant, seine Mutter stammte aus einer Familie wohlhabender Textilgroßhändler. Er studierte an der Technischen Universität seiner Heimatstadt Maschinenbau, bis er 1957 aus politischen Gründen vom Studium ausgeschlossen wurde. Drei Jahre später konnte er Rumänien Richtung Österreich verlassen: Ich habe nicht vergessen, dass ich 1959 mit 24 Jahren als ein gestrandeter, seiner Umgebung entrissener und an der Erreichung seiner beruflichen Ziele gewaltsam verhinderter junger Mensch am Wiener Westbahnhof landete.» In Wien arbeitete Holender zunächst als Tennistrainer, als Statist, Regieassistent und Regisseur, bevor er dank eines Stipendiums sein Gesangsstudium am Konservatorium der Stadt aufnehmen konnte. Von 1962 bis 1966 war er als Opernbariton und Konzertsänger tätig.1966 trat Holender als Mitarbeiter in die Theateragentur Starka ein und machte aus der traditionellen Schauspieleragentur die größte Künstler- und Sängeragentur Österreichs. 1988 verkaufte er seine Agentur, um sich einer neuen Aufgabe zu widmen: Eberhard Waechter hatte ihm angeboten, mit ihm als Generalsekretär in die Direktion von Staats- und Volksoper einzutreten, und seit Waechters Tod 1992 hat er die Staatsoper als ihr Direktor auf ihrem Reformkurs weiter geführt; die Leitung der Volksoper gab er auf eigenen Wunsch 1996 ab. Er ist nunmehr der am längsten im Amt befindliche Direktor, den die Wiener Oper je hatte. Seine Erfolge dabei sind so beachtlich gewesen, dass Holender auch als Berater für die Reorganisation der Berliner Opernszene konsultiert worden ist, von seiner engagierten Förderung südosteuropäischer Opernhäuser nicht zu reden.

Multikulturelles Temesvár

«Ioan Holender ist die zu Fleisch gewordene Multikulturalität und ein Beispiel dafür, wie aus rumänischen, jüdischen und ungarischen Wurzeln ein Paradeösterreicher der Sonderklasse wird», hat Paul Lendvai befunden. Spricht man mit Holender über seinen Werdegang, so kommt die Rede bald auf Temesvár. «Damals in der Zwischenkriegszeit gab es noch kein Nationalitätenproblem. Es war selbstverständlich, dass Deutsch, Ungarisch und Rumänisch mit- und nebeneinander existierten. Temesvár verkörperte quasi die heute so viel gepriesene Multikulturalität. Die Identitätssuche und Spaltung meiner Identität als Heranwachsender, das tägliche Leben im Rahmen von drei Identitäten waren wesentlich und prägend für meine Entwicklung. Eine dieser Identitäten war bestimmt durch die Verbundenheit mit den Eltern meiner Mutter. Meine Großeltern galten als großbürgerlich, wohlhabend und in der sozialen Hierarchie höher stehend als mein Vater, dessen Eltern ich nicht erlebt habe. Jeden Freitag und die großen jüdischen Feiertage verbrachte ich bei den Großeltern, es war immer etwas Besonderes. Was die gespaltene Identität betrifft, repräsentierte mein Großvater für mich auch das Judentum, zu dem ich mich weder innerlich und schon gar nicht äußerlich bekannte oder hingezogen fühlte. Hingezogen fühlte ich mich hingegen zum Rumänentum, auch was meine Freunde betraf. Ich galt in der Familie als „der Rumäne", mit mir sprach der Großvater Rumänisch, das er schlecht konnte, immer mit einer leichten ironischen Verachtung dafür. Mein Großvater war in Bratislava geboren, gesprochen wurde Deutsch, dies war auch die Geschäftssprache, und Ungarisch. Die ungarische Literatur war beherrschend. Geschichtlich bekannte er sich zum Ungarntum, das in der österreichisch-ungarischen Monarchie herrschte, und nicht zum nationalen Ungarntum. Die zweite Identität war bestimmt durch meine Eltern. Die dritte, prägende und wichtigste Identität, die geblieben ist und alles überlebt hat, ist die rumänische Identität. Sie ist bis heute bestimmend.»

Rumänien trat 1941 an der Seite Deutschlands in den Krieg ein, und unter dem Regime von Antonescu wurden auch schwerwiegende Gesetze gegen die jüdische Bevölkerung erlassen. «Die Verordnungen wurden nicht gänzlich übernommen. Wir mussten zum Beispiel keine Judensterne tragen, doch wir waren auf dem besten Wege dorthin. Man hat den Antisemitismus in Rumänien zweifach gespürt, erst durch den Faschismus, dann durch den Kommunismus. Im Falle unserer Fabrik wurde die «Rumänisierung durchgeführt, die Verstaatlichung, doch das war nicht mit den Arisierungen im Deutschen Reich gleichzusetzen. Mein Vater konnte die Fabrik unter einem Verwalter behalten, der sich verständnisvoller benahm als die Ariseure in Österreich. Dass man Juden aus dem Land jagt und sie ermordet, das war bei uns im Banat kein Thema. Wir Juden durften aber per Gesetz vieles nicht mehr haben: kein Radio, keine Schreibmaschine, kein Telefon. Und dies alles haben die Kommunisten dann auf ihre Weise übernommen, allerdings in einer ganz anderen Dimension. Da gehörten wir Bürgerlichen plötzlich zur «Ausbeuterklasse» und wurden wieder verfolgt. Die Fabrik meines Vaters wurde verstaatlicht, und wir standen vor dem Nichts» Und die Deutschen hatten dem Jungen anfangs sogar imponiert, bis er eines Tages von einem Schüler der deutschen Schule furchtbar zusammengeschlagen wurde. «Mein Vater musste immer wieder für ein paar Wochen in ein Arbeitslager, aber das ließ sich nicht vergleichen mit Konzentrationslagern. Er musste Steine klopfen. Auch Transporte haben nicht stattgefunden, mit dem Argument, man hätte keine Kohle. Im Vergleich zu Ungarn oder Polen ist in Rumänien wenig passiert. Von meinen Verwandten in Ungarn hat niemand überlebt.» In anderen Teilen Rumäniens verlief die Schoa weit grausamer. So wurden 10.000 Juden aus Bessarabien und der Bukowina deportiert und ermordet wurden, und das Konzentrationslager Transnistrien war ebenfalls Teil der Todesmaschinerie in Rumänien.

«Die Übergangsphase der trügerischen Ruhe bis zur kommunistisch-sowjetischen Terrordiktatur dauerte nur knapp drei Jahre. Ab 1948 kam es verstärkt zu Auswanderungen von Rumänien nach Israel. Bei uns in der Familie stand das aber nicht zur Debatte, man wollte nicht nach Afrika, in die Wüste. Es blieb jedoch ein Streitthema, ob man Rumänien verlassen soll. Mein Großvater und mein Onkel mussten in ein Arbeitslager, wurden 1958 freigelassen und verließen dann Rumänien sofort zusammen mit meiner Muter Richtung Wien. Als ich schon von der Hochschule exmatrikuliert war, erfuhr ich, dass man sich für die Ausreise nach Israel anmelden konnte. Das war die Ausreisemöglichkeit für Juden. Am 14. Jänner 1959 war es soweit: mein Vater und ich stiegen in den Zug. Wir durften 20 Kilo Gepäck mitnehmen. Die Genehmigung war für Israel erteilt, doch da meine Mutter in Wien lebte, konnten wir dahin. Die Ausreise bedeutete meine Rettung, aber ich fühlte mich, als ob meine Wurzeln abgeschnitten würden.»

Ein Haus gedenkt

Am 27. April 1995 fand der Abend statt, der für Ioan Holdender bis heute zu den wichtigsten der Staatsoper gehört. «Ich hatte das Gefühl, man muss die Tatsachen und Wahrheiten aussprechen, um sich sauberer zu fühlen. Man darf sich auch nicht scheuen, Dinge auszusprechen, die die Menschen nur ungerne hören, weil es um Schuld geht.» Anlässlich des 50. Jahrestages der Wiedererlangung der Selbständigkeit Österreichs erinnerte er mit einem Abend verfemter und verbotener Musik an die Zeit der Staatsoper im Nationalsozialismus: «Ein Haus gedenk.» Unter den Künstlern war der Bassist Karel Berman, der Theresienstadt und Auschwitz überlebt hatte und in Theresienstadt Mitwirkender der Aufführung von Ullmanns «Der Kaiser von Atlantis» gewesen war. Berman sang zwei Lieder von Pavel Haas und endete mit den tschechischen Worten «doma, doma», also «Heima, Heimat». Manch einer hatte sich zum Abschluss dieses offiziellen Tages der Befreiung Österreichs lieber die Bundeshymne gewünscht. In seiner viel beachteten Rede sagte Holender unter anderem: «Wir gedenken somit heute auch des nicht wieder gutzumachenden Schadens, den dieses Land, den dieses Haus in ideeller und materieller Hinsicht während der nationalsozialistischen Herrschaft zwischen 1938 und 1945 erlitten hat, und vor allem der Menschen, die mit uns lebten und mit uns arbeiteten, bevor sie dieser Herrschaft zum Opfer fielen Manchen nahm man „nur" ihre Heimat samt hab und Gut, manchen nahm man ihre geistigen und schöpferischen Kräfte, manchen nahm man auch das Leben.» In Folge dieses Gedenktages wurde der Gobelin-Saal der Oper in Gustav-Mahler-Saal umbenannt. Dort hängt jetzt ein Mahler-Porträt von Ron Kitaj, dem jüdischen Verfasser des Diaspora-Manifests. Auch dies ein Zeichen. Zu den Profiteuren der NS-Zeit und zur Restitution hat Holender eine dezidierte Meinung: «Die Profiteure sind immer noch da. Irgendeinen Teppich, irgendeine Vase, irgendeine Lampe haben in Österreich viele noch zu Hause. Irgendetwas Belastetes. Und daher kommt die Aggression. Die Lebenden leben besser, weil andere getötet worden sind. Es sind so viele Profiteure von damals noch immer da, wie soll man das in Ordnung bringen?»

«Was aber in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg unterlassen wurde, nämlich all jene zwischen 1933 und 1945 mit menschenverachtender Brutalität ausradierten Kulturtraditionen wiederaufzunehmen und dem freien Wettstreit der Künste zuzuführen, soll zumindest heute seine Realisierung finden», sagte Holender 2005 .«Das bedeutet zwar keineswegs, dass alle Formen der Musik deshalb, weil sie verboten waren, für uns automatisch künstlerisch wertvoll sein müssen - die freie Urteilsbildung mit allen vorhandenen unterschiedlichen Wertungen muss gewährleistet bleiben -, aber es bedeutet, den Anstand zu haben, sich mit diesen Werken ernsthaft auseinanderzusetzen. Wir wissen, dass die Historie nicht stehenbleibt und sich den einzelnen Schicksalen gegenüber genauso unbarmherzig verhält wie jene, die sie gestalten. Die Geschichte kennt keine Wiedergutmachung für geschehenes Unrecht, auch wenn wir Menschen uns diese noch so sehr herbeisehnen, auch wenn in den letzten Jahren vor allem eine jüngere Generation von Musikwissenschaftlern, Musikschriftstellern und Künstlern in lobenswerter Weise versucht, die bisherigen Lücken in der Darstellung dieses dunkelsten Kapitels unserer Kulturgeschichte zuschließen.» Doch Wiedergutmachung kann es nicht geben: «Abgesehen davon, dass man sowieso nichts wieder gutmachen kann, weil man Geschehenes nicht ungeschehen machen und die verlorene oder vergangene Zeit nicht zurückholen kann, ist es auch der falsche Weg, aus welchen Gründen auch immer, außer rein künstlerischen, Komponisten aufzuführen oder Künstler auftreten zu lassen. Damit wird nur jetzt etwas schlecht gemacht und nichts korrigiert, was in der Vergangenheit geschehen ist, da das ja nicht möglich ist.» Dafür dass die rechte Regierung Schüssel endlich die Restitution vollzogen hat, findet Holenders Respekt: «Als ehemaliges Opfer kann man sich nicht aussuchen, von wem die Zahlungen letztendlich kommen. Hauptsache, man bekommt sie. Ich habe jedenfalls gelernt, Menschen von Parteien doch zu unterscheiden.»

Judentum als Fundament

«Jom Kippur halte ich heute genau so wie zu Hause. Zu Jom Kippur gehe ich in den Stadttempel in der Seitenstettengasse, und ich faste dann auch. Der Vater meiner Mutter hat den Schabbat gehalten, und eine Weile haben wir mit ihm die Freitagabende gefeiert. Pessach auch. Mein „Ma Nischtana?" weiß ich noch bis heute! Ein wenig Hebräisch konnte ich, und ich hatte meine Bar Mitzwa.. Wir waren gemäßigt, würde ich sagen. In der Josefstadt gab es die Synagoge, in die die Orthodoxen gingen. Sie wurden von uns eigentlich mehr als die Zigeuner gemieden. Dort ging niemand von uns hin. Die Trennung zwischen den so genannten Neologen und den Orthodoxen war fast unüberbrückbar, man wollte mit einander nichts zu tun haben. Das Judentum hat meine Kindheit und Jugend nicht wirklich geprägt. Man ging eben in die Synagoge und nicht in die Kirche. Gerne gehört ja niemand zu einer Minorität, auch wenn es oft anders gesagt wird.» Und heute? «Ich fühle mich hier als Staatsoperndirektor nach 14 Jahren nicht beliebter, weil ich jüdischer Abstammung bin, aber auch nicht unbedingt ungeliebter. Nichtjüdischen Vorgängern in meiner Position ging es schon schlechter als mir», resümierte Holender letztes Jahr in einem Interview mit Daniella Spera.

Ioan Holender ist Mitglied der jüdischen Gemeinde von Temesvár, eines von gerade mal noch 500 Mitgliedern , und 2005 hat sein Sohn Liviu dort in der 200 Jahre alten Synagoge seine Barmitzwa gefeiert. Ganz wie zu Holenders Zeiten fand die Feier in der mehrsprachig statt, auf Rumänisch, Ungarisch und Deutsch. Für die jüdische Gemeinschaft in Rumänien sieht Ioan Holender dennoch keine Zukunft: «Die Zukunft für Rumäniens Juden liegt in Israel.» Oder in Deutschland, wo er sich unter anderem in der Leo Baeck Foundation engagiert.«Ich habe mir innerlich die Zuwendung zum Judentum erhalten, und in den wirklich entscheidenden Momenten, die ja meistens eher tragisch sind, wende ich mich zu diesen Wurzeln hin.»

«Österreich»

«Ohne Frage ist die Präsenz der Wiener Staatsoper außerhalb des Hauses kulturpolitisch und als Werbung für Österreich von großer Wichtigkeit», resümierte Holender bereits 2001 in seiner Biographie. «Es ist nun einmal so, dass die Wiener Staatsoper zu den bedeutendsten, weltweit anerkannten und Identität stiftenden Institutionen Österreichs gehört. Ihre Geschichte von Gustav Mahler bis heute ist ein unverzichtbarer und wesentlicher Teil unserer Kulturgeschichte.» Und weiter: «Der Anspruch des Hauses auf Qualität und Anerkennung steht für mich über allem anderen. Die nach außen wirkende starke Identität und die Identifikation mit diesem wiederzugeben und zu erhalten, ist mein höchstes Anliegen. Das, was heute gültig ist, ist es morgen vielleicht schon nicht mehr. Es darf keine Routine, kein „das war schon immer so" geben, weil Oper von Menschen für Menschen gemacht wird - und Menschen ändern sich ständig. Nur wenn man unter diesen Menschen ist, sie spürt, liebt und zu verstehen versucht, kann man diese und mit ihnen andere zum Guten und Besseren bewegen.» Welchen Weg wird Holender nun nach seinem Vertragsende einschlagen? Der Ehemann und Vater dreier Kinder ist nicht nur ein gesuchter Berater und Dozent, sondern hat sich inzwischen auch als Kolumnist einen Namen gemacht. In der Tageszeitung «Österreich» nimmt er regelmäßig zu gesellschaftlichen Fragen Stellung, und das immer wieder aus ganz persönlicher Sicht. Letzten November etwa schrieb er über «die Länder der Diebe und der Nazis»: «Die 20 Millionen Einwohner umfassenden Bevölkerung Rumäniens wird öfters und mit Vorliebe in unseren Medien als Land der Vampire und der Diebe apostrophiert. Sicherlich gibt es bei 20 Millionen Einwohnern in Rumänien mehr Diebe als bei 8 Millionen in Österreich. Doch genauso sicher gab es bei den 6 Millionen in Österreich lebenden Menschen im Jahr 1938 mehr Nazis als bei den damals 22 Millionen in Rumänien lebenden Bürgern. Trotzdem wurde unser Land in Rumänien weder damals noch jetzt ein Land der Nazis genannt.» Oder mit Blick auf die Straßendemos gegen die sozialdemokratische Regierung in Budapest im vergangenen Herbst: «Jenes Ungarn, welches als ungeliebter Teil der Habsburg-Monarchie gleich nach deren Zerfall zuerst in die autokratische Dikatur des meereslosen Admirals Horthy und anschließend in die faschistische, Nazi-Deutschland orientierte Blutherrschaft von Szálasis Pfeilkreuzler verfallen ist, konnte sich erstmals nach Jahrzehnten der kommunistischen Diktatur daran gewöhnen, was ein Leben in Freiheit und Demokratie ist. Doch Extremismus, Nationalismus, Intoleranz und das Beschwören einer verklärten Vergangenheit, die von der Geschichte längst überholt wurde, versucht sich durch Straßendemonstrationen gewaltsam durchzusetzen.»

Ioan Holender wird auch in Zukunft kein Blatt vor den Mund nehmen, wenn es um Österreichs Kultur geht. Der Traum der österreichischen Künstler, unter einer SPÖ-Regierung endlich mehr Mittel und Möglichkeiten zu erlangen, scheint sich nicht zu bewahrheiten. Sie haben nun zwar eine eigene Ministerin, doch die frisch angelobte Claudia Schmied hat in den ersten Budgetverhandlungen so glücklos agiert, dass sich den Bundestheatern samt Staatsoper für dieses und für das kommende Jahr keine neuen Perspektiven auftun. Auf den angekündigten Rückzug von Holender reagierte die Kulturministerin pragmatisch: «Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ioan Holender bis 2010», erklärte sie in einer Presseaussendung und sagte gleichzeitig, die Ausschreibung für die Nachfolge der künstlerischen «Ausnahmeperson» werde bis März stehen. Laut österreichischen Presseberichten favorisiert Holender selber den Dirigenten Franz Welser-Möst als Nachfolger. Im Gespräch ist auch der Tenor Neil Shicoff, der aber keine Management-Erfahrung hat. Als Kandidat für den Co-Direktors-posten bietet sich der Chef der Bundestheaterholding, Georg Springer, an.

Hartmut Bomhoff

«Jüdische Zeitung», März 2007