Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Mehr als tausend WorteZiv Korens Ausstellung zum Israel-Palästina Konflikt
Bilder sprechen lauter als Worte. 77 Farbfotos sollen die «No Win»-Situation - keiner gewinnt - des israelisch-palästinensischen Konfliktes sichtbar machen. «Meine Bilder sind politisch unparteiisch, da ich beide Seiten zeige», erklärt der israelische Fotojournalist Ziv Koren. «Ich möchte dem Betrachter eine Plattform zur eigenen Meinungsbildung geben - schließlich bin ich kein Politiker.» Koren begann seine Karriere als Fotograf in der israelischen Armee. Seine Aufnahmen sind in den populärsten Zeitschriften und Magazinen weltweit veröffentlicht worden: Von «Time» bis zum «Spiegel». Verwundete Soldaten, blutige Opfer der Selbstmordattentate: ein Mädchen mit den Spuren von Brandwunden im Gesicht. Auf palästinensischer Seite kämpferisch aggressive Männer, maskiert und vermummt in Schwaden von Rauch; springende, schreiende, Fahnen schwenkende Jugendliche. Es gibt drei Fotos von betenden Muslimen; auf einem beten Arafat und Abbas 2001 gemeinsam in Ramallah. Auf anderen Bildern von Gefangenen und Verhafteten sind die Gesichter kaum zu erkennen. Zwei Kinder steigen durch einen Spalt in der Mauer in Abu Dis. Ein Auszug aus Korens gleichnamigen Film: «More than 1000 Words», der demnächst als DVD auf den Markt kommt, läuft ununterbrochen. Betäubend laut. Schüsse, Explosionen - da steht man richtig mitten drin! Die Fotos sind technisch perfekt, ästhetisierend. Selbst die Mauer wird ästhetisiert. Koren gelingt es, die Bewegung, die Gebärde im richtigen Augenblick festzuhalten. Blut, Feuer, Rauch - rennende, Steine werfende Jugendliche - fast wie im Ballett. Gerade diese Ästhetik verfälscht die Wirklichkeit: Der eine zerstörte Olivenbaum, von dem der Palästinenser in der Westbank, Fahne schwenkend, herunter springt, als die Mauer gebaut wird, reicht nicht aus, um die Hunderte herausgerissener Olivenbäume zu zeigen, die zerwühlte Erde, die ruinierte Existenz Tausender palästinensischer Familien, ihre zerstörten Häuser und die langsame Vertreibung. Noch das tagtägliche Töten arabischer Menschen, die hier nur mit hasserfüllten, rachesüchtigen Gesichtern gezeigt werden - wenn sie überhaupt «Gesichter» haben dürfen. Nur der Wachposten an einem Checkpoint wird gezeigt. Von den Palästinensern, die dort täglich schikaniert werden, keine Spur. Ziv Korens Buch zur Ausstellung liegt aus. Es enthält über 100 Aufnahmen. Einige Mauerbilder werden allerdings nicht ausgestellt. Einige weitere Fotos sind an den Wänden nicht zu finden, etwa die Aufnahme mit Netzah Yehuda, einem «ultraorthodoxen jüdischen Freiwilligen», der ein palästinensisches Haus in der Westbank durchsucht; oder das Bild eines älteren Palästinensers, der von zwei jungen Soldaten nachts «Besuch» erhält. Die Kinder, die einen Checkpoint passieren müssen, sucht man ebenfalls vergeblich. Hätten die Initiatoren und Organisatoren der Ausstellung wenigstens noch diese Fotos gezeigt, so hätte dies wenigstens den Eindruck von Objektivität retten können. So aber bleibt das Ganze tendenziös. Da offenbar nur Bilder sprechen dürfen, gibt es außer dem zweisprachigen Faltblatt, das dem Besucher am Eingang freundlicherweise in die Hand gedrückt wird, keine Informationen. Nur darin erhält jedes Bild eine Erläuterung: Ein Trost zu erfahren, dass auch von israelischer Seite «Tausende» Geschütze auf den Libanon, gegen die 4.000 Raketen von der Hisbollah auf Nordisrael, abgefeuert wurden. Diese Tatsachen schaffen noch lange keinen Ausgleich, sie verleihen lediglich den Anschein der Objektivität, zumal die Sprache des Faltblatts und des Buches allzu oft auf das Foto ein schräges Licht wirft - es suggestiv interpretiert. Zum Beispiel, infolge der «Handgreiflichkeiten» April 2002 vor der amerikanischen Botschaft in Tel Aviv, wo auf dem Foto fünf Polizisten auf einen unbewaffneten Araber einschlagen - vermutlich einen israelischen Staatsbürger - wurden zwar «über 50 Palästinenser verwundet und / oder verhaftet» - aber die Demonstration an sich, wird angedeutet, war nicht gerechtfertigt, da sie gegen die sogenannten «Verteidigungsoperationen» der israelischen Armee in der Westbank gerichtet war. Das nächtliche Eindringen des israelischen Militärs in die Dörfer und Städte der Westbank erhält in Korens Buch folgende Erklärung: «Israel sagt, dass seine nächtlichen Operationen tief ins Innere der palästinensischen Gebiete zwar terroristische Angriffe verhindern, doch Probleme mit der Zivilbevölkerung verursachen.» Das ist wohl doch ein Euphemismus. Ein palästinensisches Kind hantiert mit einem Gewehr. «Palästinensische Kinder wachsen in einer Welt auf, die von Aggressivität und Waffen beherrscht wird», lautet der Text. Auf dem Foto daneben schwenkt ein israelisches Siedlerkind lediglich eine «Spielzeugpistole». Seit wann werden denn israelische Kinder erzogen, um ihre arabischen Nachbarn zu lieben? Oder Informationen gar weglässt: Anlässlich der Jahresfeier zum 42-jährigen Bestehen der Fatahbewegung in Bil'in, Januar 2007, halten Palästinenser stolz ihre Fahnen hoch. Der Text lautet: «Nach den Feiern in dem Dorf, das für seinen Kampf gegen die Mauer bekannt ist, kam es zu Zusammenstößen zwischen den Palästinensern und der israelischen Armee.» Ausgerechnet hier fehlt eine wichtige Auskunft: Das Dorf Bil'in übt seit zwei Jahren gewaltfreien Widerstand. Und gerade dafür ist es bekannt. Am 5. September 2007 wurde vom Obersten Israelischen Gerichtshof den Dorfbewohnern Recht gegeben: die Mauer müsse verschoben werden, die Palästinenser sollen ihre Ländereien zurückerhalten, lautete das Urteil. In Korens Buch steht ebenfalls zum Foto von Bil'in, dass «die islamistische Gruppe» - gemeint ist wohl Hamas - «Fatah aus dem Gazastreifen verdrängt habe», setzt also den Schwerpunkt ausschließlich auf die Fatah-Partei. In Bil'in hätte Ziv Koren aber erleben können, wie das israelische Militär die friedlichen Demonstranten - unter ihnen auch jüdische Israelis - angreift und verwundet sie oft schwer. «Ich habe angefangen, diese Fotos zu machen, als ich merkte, dass meine Arbeiten immer weniger Abnehmer finden», sagt Koren. «Keiner will es wissen.» Was will man nicht wissen? Über die Selbstmordattentate weiß die Welt bestens Bescheid. Nur von der schleichenden Korrumpierung der israelischen Gesellschaft will keiner etwas wissen, und auch nicht vom Alltag der palästinensischen Männer, Frauen und Kinder in den besetzten Gebieten, nur einige Kilometer weiter entfernt. «Der einsame Jäger», schreibt Ofer Shelah im Vorwort zu Korens Buch: «Menschen, die in ihrer Einsamkeit untergehen.» Auf beiden Seiten soll es heißen. Aber gerade weil die Lage zwischen Israelis und Palästinensern asymmetrisch ist, fehlt auch eine Symmetrie des Leidens. Und diese Ausstellung verstellt den Blick noch mehr.
CiceroGalerie für politische Fotografie, Rosenthaler Straße 38, Berlin Bis 10. November, Dienstag bis Freitag: 12-19 Uhr; Samstag: 11-16 Uhr. |