Deutscher Schriftsteller und deutscher Europäer

Arnold Zweig zum 120. Geburtstag

 

Arnold Zweig Foto: dpa

In der jüdischen Tradition benutzt man bei einem Geburtstag die
Wunschbezeugung für ein langes Leben: «Ad meo we'essrim schana», was so viel bedeutet wie: «Mögest Du 120 Jahre alt werden». (120 Jahre erreichten allerdings der Tradition nach nur vier große Persönlichkeiten Israels: Moses,
Hillel, Jochanan ben Sakkay und Akkiba.) Am 10. November 2007 jährt sich zum 120. Mal der Todestag von Arnold Zweig, einem der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

Noch in den 1960er-Jahren war Arnold Zweig in der Bundesrepublik Deutschland fast ein Unbekannter - zu einem Unbekannten geworden, von der bundesdeutschen Literaturwissenschaft ignoriert und - viel schlimmer - von den Lesern vergessen. Mittlerweile finden sich seine wichtigsten Romane und Essays zwar wieder in den Buchläden, der Aufbau‑Verlag hat vor einigen Jahren mit der Gesamtausgabe seiner Schriften begonnen, doch bekannt, so berühmt, wie er in diesem Land einmal war, ist Arnold Zweig deswegen noch lange nicht. Und noch immer stimmt, was ein Publizist vor vielen Jahren einmal schrieb: «Wer sich mit den Werken Arnold Zweigs befasst, wird oft missverstanden. Wo er unter „Zweig" Arnold Zweig versteht, wird er feststellen können, dass sein Gesprächspartner eher an Stefan Zweig denkt...»

Seine Vita in gebotener Kürze, soweit zum Verständnis dieses Gedenkartikels notwendig: Bereits mit einer seiner Erzählung «Die Sendung Semaels», das zunächst unter dem Titel «Ritualmord in Ungarn» erschienen war, erhielt Zweig 1915 den angesehenen Kleist‑Preis. Das Thema dieses Buches ist in gewissem Sinne programmatisch für Zweig - er definierte sich als deutsch‑jüdischer Schriftsteller mit einer starken Affinität zum Zionismus und profilierte sich als jüdischer Essayist. Sein Essay «Bilanz der deutschen Judenheit», der 1934 erschien, in dem er der Umwelt eindringlich vor Augen hielt, was mit der Machtergreifung des NS-Regimes zerstört worden war, ragt als Analyse heraus. Unter dem Eindruck seiner Freundschaft zu dem Graphiker Hermann Struck entstand 1920 das Buch: «Das ostjüdische Antlitz», in dem er dem «Ostjudentum» ein Denkmal setzt. Er war Mitarbeiter an einer Reihe von Zeitschriften und übt eine rege Vortragstätigkeit zu den bevorzugten Themen «Judentum» und «Antisemitismus» aus.

Im Jahre 1927 erschien in der «Frankfurter Zeitung» als Fortsetzungsdruck ein Text unter dem Titel «Alle gegen einen», der als Roman unter dem Titel «Der Streit um den Sergeanten Grischa» im Kiepenheuer‑Verlag herauskam und seinen Weltruhm als Schriftsteller begründete. Innerhalb weniger Wochen waren 300.000 Exemplare verkauft, viele Übersetzungen folgten.

Im gleichen Jahr begann zwischen ihm und Sigmund Freud eine zwölf Jahre dauernde Freundschaft - persönlich und in Briefen - die erst mit Freuds Tod am 23. September 1939 endete und in Zweigs Bericht Freundschaft mit Freud einen literarischen Nachklang fand. Es war eine Freundschaft zwischen dem ungebetenen Propheten menschlicher Abgründe, der den Schlaf der Welt gestört hat, der literarischste aller Psychoanalytiker, Sigmund Freud und dem größten lebenden Schriftsteller, wie er genannt werden sollte, Arnold Zweig. Zwölf Jahre tauschten diese Männer ihre Gedanken über Themen aus, die für jene dramatische Epoche signifikant waren: zeitgenössische Literatur, Antisemitismus, die sogenannte Judenfrage, ihre Reaktionen und Unruhe angesichts der Bedrohung durch den Faschismus, das Leben im Exil. Es war ein Werkstattgespräch zwischen einem universell gebildeten Schriftsteller, den die Sozialpsychologie faszinierte und einem Gelehrten, der, ausgestattet mit einem Stil makelloser Reinheit, große deutsche Prosa schrieb.

1929 wurde Zweig Vorsitzender des Schutzverbandes Deutscher Schriftsteller. 1931 erschien sein Roman «Junge Frau von 1914»; 1932 erste Palästina‑Reise, unter deren Eindruck er den Roman «De Vriendt kehrt heim» schreibt.

Am 14. März 1933 verließ Zweig Berlin. Seine Emigration führte ihn über Prag, Wien, die Schweiz nach Sanary‑sur‑Mer, wo er mit seinem engen Freund Lion Feuchtwanger, aber auch Thomas und Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Ernst Toller und anderen zusammentraf. Seine Frau Beatrice und die Kinder Michael und Adam reisten im September 1933 nach Palästina, Arnold folgte im Dezember. Die Familie nahm auf dem Berg Carmel in Haifa Quartier.

Im Jahre 1936 wurde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen. 1941 war er Mitbegründer der «Liga V» («League for Aid of Soviet Russia») zur Unterstützung der von der Wehrmacht überfallenen Sowjetunion. Er gab die antifaschistische deutschsprachige Wochenschrift «Orient» heraus. Das Blatt stieß auf erbitterte Gegnerschaft nationalistischer Juden, die sein Erscheinen behinderten, und musste 1943 nach einem Bombenattentat eingestellt werden. Im gleichen Jahr erschien sein Buch «Das Beil von Wandsbek», das als einziges seiner Bücher unter dem Tite «Hakardom schel Wansbek» auch in Hebräisch erschien.

Der «preußische Jude», wie Marcel Reich‑Ranicki Arnold Zweig genannt hat, hätte einen Sprachwechsel in Palästina literarisch nicht verkraftet. Entsprechend existenziell war es für ihn, sich auch gegen den jüdischen Nationalismus zu wenden. 1944 entwarf er den Plan für sein Erinnerungsbuch «Freundschaft mit Freud», ein Essay, der gleichwohl erst 28 Jahre nach seinem Tod erscheinen sollte. 1948 übersiedelte Zweig nach Ost‑Berlin wurde 1949 Abgeordneter der Volkskammer; 1950 Präsident der Deutschen Akademie der Künste in Berlin, ein Amt, das er für den zuvor verstorbenen Heinrich Mann antrat. 1957 wurde er - als Nachfolger Brechts - Präsident des deutschen PEN‑Zentrums Ost und West.

Beim hebräischen Leserpublikum war Arnold Zweig teils unbekannt, teils hegte man gegen ihn ein Vorurteil, das sich auf seinen im Jahre 1932 erschienenen Schlüsselroman «De Vriendt kehrt heim» bezog. Thema dieses Buches ist die Ermordung des holländisch-jüdischen Dichters Jacob Israel de Haan in Jerusalem im Jahre 1924. De Haan war Politiker der Agudath Israel. Von de Haan hieß es, er falle den Zionisten bei jeder Gelegenheit in den Rücken und unterhalte homosexuelle Beziehungen zu einem arabischen Knaben. Zweig entwarf den Stoff der Novelle im März 1932 auf einer Hotelterrasse in Jerusalem. Vielleicht war sich Zweig damals nicht darüber im Klaren, wie sehr man ihm im Lande verübeln würde, dass er diese Sache, über die schon Gras gewachsen war, literarisch verwertet hatte und dadurch aller Welt bekannt machte.

Zweig kam in Haifa aus seinen Geldsorgen nicht heraus. Die 1.000 englischen Pfund, mit denen er am 21. Dezember 1933 - auf «Kapitalistenzertifikat» - nach Palästina gekommen war, schmolzen schnell dahin. Als der Krieg begann, war er bereits ohne geringste finanzielle Reserve, zumal auch die Tantiemen aus dem Ausland ausblieben. Ein gewisses Leser-Echo fand er nur bei den deutschsprachigen Juden, den «Jekkes», die wussten, wer Arnold Zweig war. Hier und da gab einer von ihnen einen privaten Gesellschaftsabend, bei dem Zweig einen Vortrag hielt. Das Eintrittsgeld der Gäste benötigte er zum Lebensunterhalt. Die Ernüchterung kam schnell: In dem Maße, in dem die Lebens- und Arbeitsbedingungen unzulänglicher wurden, schwand bei Arnold Zweig jegliche zionistische Begeisterung.

Zweig besaß ein gründliches jüdisches Wissen, das sich seit Beginn seiner ersten literarischen Produktionen zunächst noch schwach, später aber immer deutlicher ausprägte. Er war zwar als überzeugter Zionist und keineswegs als «eingewanderter Flüchtling» ins Land gekommen, doch zunehmend distanzierte er sich vom jüdischen Nationalismus. Obwohl mehr als ein Drittel seiner Bücher von jüdischen Themen handelt, hatte er sich gleich nach seiner Ankunft innerhalb des Jischuw eine gewisse Gegnerschaft zugezogen, indem er frank und frei erklärte, er gedenke auch weiterhin, deutsch zu schreiben. So stellte er Ende 1935 resigniert fest, dass seine Wirkung in Palästina politisch und kulturell «gleich Null» sei. Moritz Goldstein hatte bereits im Jahre 1922 eine bestimmte Ahnung Arnold Zweig betreffend, als er auf ihn gemünzt meinte: «Wer aus der nationaljüdischen Literatur in die nationaljüdische Wirklichkeit gehen will, wird manches von seinen Ansprüchen und Ehrgeizen aufgeben müssen».

Hebräisch lernen, sich mit den schwer entzifferbaren Iwrith-Buchstaben abmühen, das war den schwachen Augen des fünfzigjährigen Zweig nicht zuzumuten. «Die Leute verlangen ihr Hebräisch und ich kann es ihnen nicht liefern, denn ich bin ein deutscher Schriftsteller und ein deutscher Europäer [...]. Aber wo leben, wenn nicht hier?» So Zweig am 22. November 1935 an Sigmund Freud. Im Briefwechsel mit Sigmund Freud kommt immer wieder Zweigs Enttäuschung zum Ausdruck, dass er im Lande Palästina nicht richtig platziert sei. Ihm gestand er «ohne Affekt» auch als erstem seinen Abstand vom Zionismus, und dass er nicht nach Palästina gehöre. Ganze vier Wochen reichten Zweig aus, um festzustellen, dass er die jüdische Heimstätte Palästina nicht als seine Heimat betrachtete und sich als «Emigrant» fühlte. Intellektuelle Schriftsteller, die dezidiert deutsche Kultur verkörperten, waren in den 1930er- und den folgenden Jahren eher störend. Zweig verstand sich Zeit seines Lebens als areligiöser, emanzipierter deutscher Jude, der sein europäisch-rationalistisches Erbe nicht verleugnen konnte und wollte.

Das von den Jekkes hartnäckig gepflegte Deutsch war als die Sprache Hitlers mehr als verpönt. Es ist bekannt, wie Arnold Zweig bei einer in deutsch gehaltenen Rede in Jerusalem vor der Liga V von radikalen revisionistischen Zionisten vom Rednerpult gestoßen und dabei so verletzt wurde, dass er im Krankenhaus behandelt werden musste.

Am 1. Juni 1948 teilte Zweig seiner Sekretärin Ruth Klinger mit, die letzten Tage hätten die Chance abgeschwächt, in diesem Juni noch per Schiff Palästina zu verlassen. Dass er sein Großgepäck, sein Arbeitsgepäck, im Flugzeug nicht mitnehmen könne, sei evident, dennoch brauche er es im Sommer. Und dann ein merkwürdiger Satz: «Man sollte eben nie seinen Idealen nachgeben, z.B. nach Palästina emigrieren, wenn man Zionist ist. Aber man handelt eben immer dem Herzen nach, und das geht unpraktisch, bald vor, bald nach [...]».

Nach seiner Remigration erreichte Zweig in Prag Nachrichten aus Deutschland. Der Aufbau-Verlag in Ostberlin erklärte sich bereit, alle Werke Zweigs sofort neu zu drucken, bot gute Bedingungen, drängte auf sein Einverständnis und seinen baldigen Besuch. Zweig zögerte, sich nach Ostberlin zu begeben, und formulierte seine Bedenken so: «Sobald ich als Autor der Sowjetzone abgestempelt bin, wird niemand im Westen meine Bücher drucken, niemand wird sie zu lesen bekommen».

Sigmund Freud und die Psychoanalyse, womit er sich intensiv beschäftigte, wurden von den Kommunisten als «dekadentes Überbleibsel der absterbenden Bourgeoisie» verdammt. Ganz Deutschland, die Sowjetische Besatzungszone inbegriffen, war ein Trümmerhaufen, es fehlte dort an den wichtigsten Nahrungsmitteln und an Kohle, und schließlich hatte Beatrice Zweig einen zu einer gefährlichen Depression gesteigerten Widerwillen davor, sich mit Deutschen an einem Tisch zu setzen.

Im Berlin des Ostens glaubte Zweig, am Aufbau eines neuen demokratisch-sozialistischen Deutschland aktiv teilnehmen zu können, schließlich war er von einem ausgeprägten sozialistischen Impuls durchdrungen, bekannte sich seit Jahrzehnten zum Sozialismus. Zweigs Sozialismus der frühen 1920er-Jahre war nicht marxistisch oder «wissenschaftlich» motiviert, er war von der Wesensnähe von Sozialismus und Judentum überzeugt. Die Begründung seiner These, dass der Sozialismus gar aus dem Judentum abzuleiten sei, nahm er aus dem Ethos der Propheten. Die «bejahenden Kräfte», schreibt er im Ostjüdischen Antlitz, münden für den Juden im Sozialismus. Marxist ist er dennoch nicht geworden, allenfalls nahm er als «sympathisierender Dilettant» den Marxismus auf. Oder war er doch Marxist geworden - «deutscher Marxist», wie er gegenüber Erich Weinert einmal bekannte? In Haifa, zwischen den Bürgerkriegsfronten sitzend und seine Abreise nach Europa vorbereitend, hatte Zweig in Palästina vierzehn Jahre auf «Schritt und Tritt» die Marxsche Erkenntnis erfahren, dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimme. Auf jeden Fall hatte er lange Zeit an eine Übereinstimmung von Zionismus und Sozialismus geglaubt und sich ab den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, seiner ersten zionistischen Phase - unter den kulturzionistischen Einflüssen Martin Bubers und Gustav Landauers einerseits und dem zunehmenden Antisemitismus im Heer («Judenzählung») und seine Begegnung mit dem Ostjudentum, - auf seine zionistische Identität besinnend zum «proletarischen» Zionisten radikalisiert.

Am 18. Oktober 1948 setzte sich Arnold Zweig in den Zug, um sich besuchsweise einige Tage in Ost-Berlin umzusehen - und kehrte nicht mehr von dort zurück. Mit seiner Vermutung, als Schriftsteller im Westen ignoriert zu werden, sollte er recht behalten: Die Wahl, seinen Wohnsitz in der Hauptstadt der späteren DDR zu nehmen, führte dazu, dass Zweig in der Bundesrepublik Deutschland lange Zeit in Vergessenheit, während der Zeit des sogenannten Kalten Kriegs sogar in Verruf geriet.

Bei seiner Ankunft im zerbombten Anhalter Bahnhof wurde er von Vertretern des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands willkommen geheißen und ins Hotel Adlon gefahren. Bei der einberufenen Festveranstaltung des Kulturbundes am Tage darauf nannte man ihn «den größten lebenden Schriftsteller» -, und es traf sich gut, dass Zweig Jude war und aus Israel kam, da konnte man gleich beweisen, dass so etwas wie Antisemitismus nicht mehr existierte. Zweig wurde propagandistisch instrumentalisiert, und ihm war die Aufgabe zugedacht, den Deutschen in der DDR zu einer Art «praktischen Koscher-Erklärung» - insofern sie innerhalb der «richtigen» Grenzen lebten - zu verhelfen. Konnte die DDR bzw. die damalige Sowjetzone einen besseren Kronzeugen haben als Arnold Zweig, der ihnen das Testat «antisemitismusfrei» ausstellte?

Zweigs Entschluss, sich in Ostberlin niederzulassen, löste die unterschiedlichsten Reaktionen aus. Jüdischerseits reagierte man zumeist mit großem Befremden. Am deutlichsten drückte dies Alfred Döblin aus, der, selbst nach jahrelanger Odyssee nach (West-) Deutschland zurückgekehrt - um aus Enttäuschung über die politische Entwicklung 1953 zum zweitenmal (nach Paris) zu emigrieren -, Arnold Zweig prophezeite, in Ostdeutschland nichts ausrichten zu können. Er hätte besser in Haifa bleiben, dort genau die Sache, die er jetzt vertrete, dort vertreten sollen. In Palästina wäre er ein lebendiges und aktives Element, in Deutschland hingegen, so Döblin, mache man Zweig, «zu Schutt und Asche». Das waren Worte, wie sie zu diesem Zeitpunkt auch aus dem Munde Beatrice Zweigs hätten kommen können.

Wie sehr Arnold Zweig, auch noch ein Jahr nachdem er wieder europäischen Boden betreten hatte, hin- und hergerissen war, lässt sich aus einer Eintragung in seinem Taschenkalender herauslesen. Als sein Name auf der Wahlliste zum Dritten Deutschen Volkskongress erscheinen sollte, wurden bei ihm wieder Vorbehalte wach. Am 9. Juli 1949 notierte er: «Ich kläre meinen Standpunkt, auf beiden Seiten daheim zu sein, Deutschland und Israel, wie früher». Und noch eineinhalb Jahre später, Ende 1950, in einer Art Vorfreude auf einen eventuellen Besuch bei Adam Zweig in Israel, konnte er nicht anders, als «mit einer gewissen Zärtlichkeit» an das Land, in dem er vierzehn Jahre lang gelebt hatte, zurückzudenken. Und allein die Tatsache, dass erst im Herbst 1951 seine letzten «Manuskriptmassen» aus Haifa nach Berlin «eintrudelten», mag die immer noch bestehenden Bindungen an Palästina/Israel - welcher Art sie immer gewesen sein mochten - belegen.

Die Briefe Zweigs, die er schrieb, nachdem er 1948 wieder europäischen Boden betreten hatte, zeigen einen Mann, der sich keineswegs von Israel abgewandt hatte. Vielmehr kommt in ihnen immer wieder seine schmerzliche Verbundenheit mit dem Land zum Ausdruck. Verbundenheit, obwohl ihn das «palästinensische Zeitungs- und Buchwesen» vierzehn Jahre an jeder Entfaltung seiner Wirksamkeit zu hindern versucht hatte. Erst mit der Übernahme der Repräsentativfunktion als Präsident der Deutschen Akademie der Künste im Jahre 1950 löste er sich von der Überlegung, Berlin und Haifa zugleich - womit er lange Zeit geliebäugelt hatte - als Wohn- und Arbeitsort zu wählen. Von Haifa ließ er seine zurückgelassenen Bücher und Manuskripte nach Berlin senden - und damit hatte er sich endgültig für Ostberlin entschieden.

Dem «Nestor der deutschen Literatur», dem «größten lebenden Romancier in deutscher Sprache» - wie man Arnold Zweig in der DDR bezeichnet hat -, dem Dichter, dessen Grischa-Roman zur Pflichtlektüre höherer Schulklassen gehörte, ist es bestimmt oft schwergefallen, sich so zu verhalten, wie man es von ihm verlangte, aber da war er schon ein alter Mann und ein Schriftsteller, dessen literarische Erfolge länger zurücklagen.

Er war ausgeschrieben. Etwas hatte ihn ganz offensichtlich an der weiteren Entfaltung seiner schriftstellerischen Tätigkeit gehindert. Alfred Döblin hatte Zweig ins Stammbuch geschrieben, das schwer wog: «Sie reden dort [in der DDR] nicht mehr von der Schande der vergangenen Jahre, Sie fühlen sie nicht mehr». Treffgenau analysiert.

Auch wenn es für ihn Grenzen gab, die er nicht zu überschreiten bereit war und für sich in Anspruch nahm, nicht das zu wollen, was man wolle, das er wollen solle: Er fügte sich, er wurde ein «Ja-Sager» zur Politik seiner Lebensabend-Heimat, der er eine schöne Villa, Auto, Dienerschaft, Köchin, Sekretär, finanzielle Sicherheit, Gesamtausgabe seiner Werke, Ansehen in der Öffentlichkeit, Ehre, akademische Titel und vieles andere mehr zu verdanken hatte. Ist ihm, der zweimal sieben magere Jahre hinter sich hatte, die Entscheidung zu verargen, die verlockenden und schmeichelhaften Versprechungen anzunehmen? Die Engländer hatten ihm durch die Nichtgenehmigung eines Visums die Einreise nach Großbritannien verweigert, und war ihm nicht auch die Möglichkeit, in sein altes West-Berliner Haus in Eichkamp zurückzukehren, verwehrt worden? Welche akzeptablen Alternativen blieben ihm demnach?

Zweig hat sich den realpolitischen Zwängen des Regimes gefügt. Nach und nach arrangierte sich Zweig mit der DDR. Er fügte sich - wie andere auch - der ihm zugewiesenen Rolle im System: prominenter Dichter von internationalem Ruf, der sich stets zu seinen antimilitaristischen und antifaschistischen Anschauungen bekannte, besonders in Palästina, wo er sich in kommunistischen Kreisen bewegte und an seiner agitatorischen prosowjetischen Haltung vor allem im Kampf gegen Hitlerdeutschland nicht den geringsten Zweifel gelassen hatte.

Die Pläne einer Rückkehr, auch die eines zeitweiligen Lebens in Israel, wurden zurückgestellt, schließlich begraben - auch wenn die Sehnsucht nach dem Carmel nie ganz erlosch.

L. Joseph Heid

«Jüdische Zeitung», November 2007