Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Last und Leistung ihrer KulturNeues Fachgebiet der Psychiatrie basiert auf Erfahrungen mit jüdischen Zuwanderern
Er war 18 Jahre alt, ein jüdischer Zuckerbäcker. Von Tadschikistan war er nach Wien gekommen. Er litt an totaler Verspannung und Abkapselung der Seele, war kataton, wie das die Ärzte nennen. Das war vor 33 Jahren. Drei Jahre später war der Immigrant gesund. Alexander Friedmann erzählt beim 1. «Kongress für transkulturelle Psychiatrie» im deutschsprachigen Raum an der Privatuniversität Witten-Herdecke, dass er noch heute mit dem Patienten aus den siebziger Jahren befreundet sei. Der heute 59 Jahre alte Psychiater, Professor an der Universitätsklinik für Psychiatrie in Wien und Leiter der Ambulanz für transkulturelle Psychiatrie und migrationsbedingte Störungen, war als Student auf ein damals noch kaum bearbeitetes Gebiet medizinischer Forschung und Praxis gestoßen. Es geht um die Ursachen, Erfahrungen und Auswirkungen der Migration im konkreten Lebensweg der Betroffenen. Die Zahl beispielsweise der Mitglieder der Jüdischen Kultusgemeinde von Wien ist von mehr als 180.000 Personen im Jahr 1936 in den neun Jahren Nationalsozialismus auf 4.700 Überlebende gesunken. Hinzugekommen waren 1946 etwa 2.000 «Displaced Persons» aus dem KZ Mauthausen. Aber 1970 hatte sich die Zahl der in Wien lebenden Juden trotz Zuzugs aus Ungarn, Rumänien und Polen durch Überalterung auf 7.000 verringert. Es ging damals nicht mehr nur um die Aufnahme des einen jungen Tadschiken. Im neutralen Österreich trafen schon während des Kalten Krieges an die 3.000 jüdische Emigranten aus der Sowjetunion ein. Bei ihrer Integration wurden sehr unterschiedliche Probleme sichtbar, je nachdem ob die Zuwanderer sich nur russisch oder auch jiddisch oder deutsch ausdrücken konnten, ob sie aus Georgien, dem Kaukasus oder aus Zentralasien kamen, sich als Aschkenasim oder Sephardim empfanden, sich europäisch oder orientalisch fühlten, der Schoa entkommen waren oder unter stalinistischer Verfolgung oder unter beiden Bedrängnissen zu leiden gehabt hatten. Friedmann macht einige Unterschiede deutlich, die nicht nur bei der gesellschaftlichen Integration zu beachten waren und sind, sondern in jedem Einzelschicksal Auswirkungen auf Körper und Seele, auf psychosomatische Erkrankungen oder psychiatrische Befunde haben können. Im russisch-europäischen Teil der Sowjetunion erlebten die Juden offenbar einen starken Assimilationsdruck. Sie waren mit dem Vormarsch der Wehrmacht stark von der Vernichtung betroffen. Viele erbrachten zur gleichen Zeit hohe Opfer als Soldaten der Roten Armee. Sie waren oft überdurchschnittlich gebildet. Bis heute denken nicht wenige mit einer gewissen Nostalgie über die Zeiten des Kommunismus. Aus den kaukasisch-asiatischen Gebieten kamen dagegen Juden, die von den Verbrechen der Nationalsozialisten überwiegend verschont waren und ihre jüdische Kultur auch gegenüber der Sowjetmacht und den kommunistischen Ideologen stärker bewahren konnten. Mehr in kaufmännischen Berufen zu Hause, benötigten sie andere Umschulungen als die Akademiker. Die von ihrer Herkunft und Lebensgeschichte stärker getroffenen Europäer erkrankten schneller und traumatischer als die Asiaten, die sich nicht selten in ein soziales Schutzghetto zurückzogen.
Zum Beispiel ESRA Ein konkretes Beispiel für die psychosoziale Integration der Zuwanderer hat Friedmann selbst in Wien initiiert. Seit 1994 gibt es dort das Zentrum ESRA. Es bietet Überlebenden der NS-Verfolgung und deren Nachkommen umfassende Hilfe und unterstützt jüdische Zuwanderer und deren Familien in ihrem Integrationsprozess. Nach eigener Darstellung hat es sich «zu einem Traumakompetenz-Zentrum entwickelt, das - soweit es möglich ist - auch Menschen offen steht, die durch andere Erlebnisse traumatisiert wurden». ESRA sei als Modell für interdisziplinäre Betreuung konzipiert. «Sowohl die Leistungen der Ambulanz als auch der Sozialberatung können je nach individuellem Bedarf in unterschiedlichen Kombinationen in Anspruch genommen werden.» Zu den Besuchern der medizinischen und psychosozialen Beratung sowie des angeschlossenen Kommunikationszentrums gehören neben jüdischen Überlebenden auch zum Beispiel Roma und Sinti, Widerstandskämpfer und politisch Verfolgte, «unabhängig von den damals vorgegebenen Gründen der Verfolgung wie Ethnie, Religion, politische Überzeugung, sexuelle Orientierung». Die Differenzierung macht deutlich, dass allen geholfen werden soll, ihre Unterschiedlichkeit dabei aber wahrgenommen wird - auch als Teil und Ursache der Probleme und Krankheiten. Der Kongress in Witten war organisiert von Solmaz Golsabahi, die bei Friedmann in Wien studiert hat und inzwischen selbst eine international anerkannte Expertin für transkulturelle Psychiatrie ist und am Marienhospital im westfälischen Hamm mit dem Wittener Lehrstuhl kooperiert. Schon zur Eröffnung des Kongresses gab sie die Devise aus: «Beim Kongress soll nicht die Faszination in der Beobachtung ferner Völker im Vordergrund stehen, sondern die praktische Relevanz für die tägliche Gesundheitsversorgung». 200 Experten aus Deutschland, der Schweiz und Österreich tauschten ihre Erkenntnisse zu den speziellen sozialpsychiatrischen, aber auch integrationspolitischen und juristischen Problemfeldern der mitteleuropäischen Zuwanderungsgesellschaften aus. Dabei war das ganze Spektrum der im medizinischen Bereich handelnden Personen vertreten, neben Ärzten, Psychologen und Pflegern auch Vertreter der Forensik, Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik beteiligt. Am 1. Kongress zu dieser Thematik in Deutschland nahmen alle relevanten Forschungsgruppen der deutschsprachigen Länder teil. Dabei ging es keineswegs ausschließlich um die jüdische Zuwanderung. Für viele Teilnehmer waren die Nöte der von den Balkankriegen über die Grenzen getriebenen Migranten noch gegenwärtiger, bis hin zu ungelösten Problemen und Schicksalen der Menschen im und aus dem Kosovo. Flüchtlingsströme aus dem Irak und aus Afrika sind, wie jeder Teilnehmer wusste, längst unterwegs, aber in Europa noch nicht in erdrückender Zahl angekommen. Solmaz Golsabahi wies beim Kongress des weiteren darauf hin, dass die Zahl der in Deutschland lebenden Ausländer nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge derzeit etwa sieben Millionen beträgt. «Um für diese Bevölkerungsgruppe eine angemessene psychiatrische Behandlung gewährleisten zu können, müssen Erkenntnisse aus dem Bereich der transkulturellen Psychiatrie tagtäglich in der Praxis umgesetzt werden.» Wer die Grenzen überschreitet und das Land wechselt, bringt nicht nur alle Lasten und Leistungen seines Körpers und seiner Seele mit, sondern auch die seiner persönlichen und sozialen Kultur. Die «Uhr» für diese Erkenntnis ist nicht nur gestellt, sie läuft.
|