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Freiheiten zu PurimDie Esther-Geschichte weist auf Umkehr und Erlösung hin
KAPSTADT - Die Tora (Dewarim 22:5) verbietet es Männern, Frauenkleider zu tragen und Frauen, sich Männersachen überzuziehen, denn Kleidung macht die Identität eines Menschen aus. Eben gerade wegen dieser Verbindung von Kleidung und der Identität ihres Trägers oder ihrer Trägerin weigerte sich Königin Vaschti, vor ihrem Gatten und seinen Gästen mit nichts anderem als mit einer Krone bekleidet zu erscheinen. Der Malbim, Meir Leibush, erklärt Vaschtis Weigerung, dem Befehl von König Ahaschveros zu genügen, so: Da Ahaschveros selbst nicht von königlicher Herkunft war, erlangte er seine Stellung als Herrscher des persischen Reiches durch die Heirat mit Prinzessin Vaschti, die später Königin wurde. Mit seiner Anordnung, dass seine Frau nackt vor der erwartungsvollen Versammlung erscheinen möge, wollte König Ahaschveros seinen Untertanen zwei Dinge beweisen: zum einen, dass er Vaschti alleine wegen ihrer Schönheit geheiratet hatte und nicht etwa, um durch sie die Königswürde zu erlangen, zum anderen, dass Vaschti nur dann ihre Krone tragen konnte, wenn sie von ihm zu sich gerufen wurde. Sie durfte sich nur in seiner Gegenwart mit diesem Herrschaftssymbol zeigen, denn ihr königlicher Stand beruhte allein auf der Verbindung mit ihm. Ihre Abhängigkeit von Ahaschveros und ihre Untergebenheit ihm gegenüber wurde dadurch deutlich, dass der König seine eigenen Eunuchen zu ihr schickte, um Vaschti zu ihm zu bringen, nicht aber die Eunuchen, die ihr dienten. Durch das Ablegen ihrer Kleider hätte Vaschti ihre Individualität und Identität mit der ihres Ehemannes verquickt. Sie wäre so König Ahaschveros Frau und nicht länger Königin Vaschti, keine eigene Persönlichkeit und Monarchin aus eigenem Recht. Ihre Weigerung, sich dem Befehl ihres Mannes zu fügen, war somit ein Beweis ihrer Selbständigkeit und dafür, dass sie nicht abhängig von der Großzügigkeit ihres Gatten war. Dieser Ausdruck von Individualismus verängstigte die Mannen des Königs, die ihn dazu brachten, Königin Vaschti zu verstoßen, auf dass ihr Verhalten nicht etwa alle Ehefrauen dazu bringen möge, ihren Gatten zu trotzen. Die Heldin der Purimgeschichte, Hadassa, verwendet Kleidung, um ihre wahre Identität zu verbergen. Angetan mit kostbaren Kleidern und sorgfältig geschminkt erscheint sie vor König Ahaschveros als persische Schönheit mit Namen Esther, das heißt: «verborgen». Dass Esther ihre jüdische Herkunft versteckt, gestattet ihr, Königin zu werden. Die Offenbarung ihrer wahren Identität im rechten Augenblick bewahrt ihr Volk vor der Vernichtung. Hamans Vorschlag, dass derjenige Mann, den der König auszeichnen will, in einem königlichen Gewand auf dem Pferd des Königs durch die Stadt geführt werden möge, zeugt von seinem eigenen Verlangen, ein Mann von Bedeutung zu sein, dem die Menschen Respekt zollen. Hamans Abscheu gegenüber Mordechai und den Juden erreicht ihren Höhepunkt, als er erfahren muss, dass der König nicht ihn selbst, sondern vielmehr Mordechai zu ehren wünscht. Das Sichverbergen und -vehüllen, das Thema der Purimgeschichte also, kommt auch in unseren Purimfeiern zum Ausdruck. Einer der wichtigen Züge dieses Festes ist das Verkleiden. In Kostümen spielen wir eine Rolle - entweder eine, die unsere eigene Persönlichkeit unterstreicht und so anderen unser wahres Wesen enthüllt, oder aber eine Rolle, die bewusst unser eigentliches Selbst versteckt und das Gegenteil unseres wahren Charakters zeigt. Alle Traditionen kennen solche Verkleidungen. Man braucht nur an den Mardi Grass von New Orleans zu denken oder an den Karneval in Rio, Nizza oder Köln. Diese wochenlangen Feiern, die Umzüge mit Fahrzeugen, mit Puppen und aufwändigen Kostümen, mit Maskenbällen oder Tanz im Freien, gehen der 40-tägigen katholischen Fastenzeit im Frühling voraus, der bußfertigen Vorbereitung auf Ostern. Anthropologen führen die Ursprünge des Karnevals auf heidnische Fruchtbarkeitsriten im Lenz zurück, während derer alle gesellschaftlichen Tabus vorübergehend außer Kraft gesetzt wurden. Unsere Purimfeiern entsprechen dem Karneval heidnischer und katholischer Gesellschaften. Dies ist die eine Zeit im Jahr, in der es religiösen Juden gestattet ist, unbändig zu sein und alle Ordnung in der Synagoge ausgesetzt wird. Das Lesen der Megilla wird vom Schlagen der Rasseln begleitet. Der Satz von Rava (Meg. 7b), dass jeder Mann verpflichtet ist, zu Purim so viel Wein zu trinken, dass er nicht mehr weiß, ob er Haman verflucht oder Mordechai segnet, wird selbst von den ernsthaftesten Gelehrten wörtlich genommen. In Israel ist Purim Anlass für einen Karnevalsumzug durch die Straßen von Holon und Tel Aviv, bekannt als Adloyada, eine Zusammenfassung des aramäischen «ad d'lo yada», zu deutsch «bis niemand mehr weiß», in Bezug auf den Brauch, sich dem Alkohol hinzugeben, bis man nicht mehr zwischen «baruch Mordechai» und «aror Haman» unterscheiden kann. Selbst das sogenannte Cross-Dressing, das von der Tora verbotene Kostümieren als anderes Geschlecht, war zu Purim in denjenigen Gemeinden erlaubt, die vom italienischen Karneval beeinflusst waren. So wie der Karneval Ostern vorausgeht, so geht Purim der einen Monat langen Vorbereitung auf Pessach voraus. Einen Tag nach Purim beginnen religiöse Juden traditionell damit, ihren Haushalt für die Feier unserer Befreiung aus der Sklaverei zu kaschern. Das beschwingt-heitere Wesen des Purimfestes mit seinen Masken und Verkleidungen brachte unsere Weisen zu der Feststellung, dass es das einzige Fest sein wird, das noch in messianischen Zeiten gefeiert werden dürfte. Die Idee, die dieser Ansicht zu Grunde liegt, ist wohl, dass mit der veränderten sozialen und politischen Ordnung im Zuge der kommenden Erlösung alle aktuellen Grenzen und Beschränkungen, die die Entfaltung unserer Neschama beeinträchtigen, außer Kraft gesetzt sind. So wie Purim uns unübliche Kleidung und unkonventionelles Benehmen erlaubt, so wird uns das messianische Zeitalter die Überwindung der regressiven Normen und des Drucks bringen, den tyrannische Führer ausüben, um die intellektuelle und spirituelle Fortentwicklung der Völker zu verhindern, über die sie herrschen. Dies ist die wahre Bedeutung von Purim, eine Bedeutung, die sich hinter der Ausgelassenheit und den Parodien, den Verkleidungen und dem Lärm verbirgt. Vielleicht schätzten die Kabbalisten Purim deswegen so sehr, weil sie im Namen von Rabbi Isaak Lurja feststellten, dass Purim und Jom Kippur in ihrer Bedeutung vergleichbar sind. |