Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Unmittelbarkeit als Element der AufklärungMichel Friedman über sein Interview mit Horst Mahler
Herr Friedman, bedauern Sie das Interview mit Horst Mahler inzwischen? Ganz und gar nicht. Auch wenn die Kritik daran für mich ein nachdenkenswertes Moment ist, glaube ich aus journalistischer und publizistischer Sicht, dass die Dokumentation der Unmittelbarkeit ein Element der Aufklärung sein kann und die vielen Reaktionen darauf - pro und contra - zeigen, dass man nicht durch Verdrängung, sondern nur durch Offenlegung der miesen, rechtsradikalen, antisemitischen und gewalttätigen Parolen von Horst Mahler Aufklärung erreichen kann. Vor allem auch für die junge Generation. Ist jemand wie Horst Mahler für die Stimmung in Deutschland, ja selbst innerhalb der rechten Szene, überhaupt wichtig? Oder haben Sie sich hier lediglich in «Name Dropping» geübt, um Ihre Zeitschrift wieder mehr ins Rampenlicht zu bringen? Horst Mahler als Individuum ist sekundär. Und wenn es nur Horst Mahler gäbe, dann wäre es nicht der Rede wert, mit ihm zu sprechen. Horst Mahler ist aber die dunkelbraunste Unkultur der rechten Szene. Es ist auch deshalb wichtig, mit ihm zu sprechen, weil hinter Horst Mahler mehrere Millionen Deutsche der hellbraunen Szene stehen - übrigens nicht nur Skinheads, sondern Mitmenschen aus der Mitte der Gesellschaft. Indem man die brutalste Version demaskiert, sensibilisiert man sich auch für die Hintermänner und Hinterfrauen, die in ihrer Sprache und Ideologie nicht so auffällig sind, die aber in ihrer Gefährlichkeit für die tolerante Gesellschaft Deutschlands unter Umständen noch problematischer sind als Horst Mahler selbst. Henryk M. Broder hat von einer «makabren Situation» gesprochen, weil Sie als Jude einen bekennenden Nazi interviewt haben, der Holocaust-Überlebenden Arno Lustiger hat «Vanity Fair» verklagt, weil das Interview hier veröffentlicht wurde. In der jüdischen Gemeinschaft, die Sie als ehemaliger Vizepräsident des Zentralrats der Juden ja gut kennen, scheint Ihre Auffassung von journalistischer Freiheit auf wenig Gegenliebe zu stoßen... Sie zitieren gerade zwei einzelne Personen und verallgemeinern das auf die jüdische Gemeinschaft. Ich habe aus der jüdischen Gemeinschaft auch sehr viel Positives gehört. Noch einmal: Es geht darum, dass man das Thema der Nazis auch in ihrer Unmittelbarkeit demaskiert. Das tut weh, das kränkt, aber wenn ich mir vorstelle, wie oft wir die Light- Version davon zur Kenntnis nehmen, dann ist es auch richtig, in dieser Unmittelbarkeit konfrontiert zu werden. Ich kann die Ambivalenz verstehen, zumal sie auch in mir besteht. Aber diese Ambivalenz darf nicht zur Verdrängung führen. Ich habe auch als Vizepräsident des Zentralrats viele Veranstaltungen im Osten, aber auch im Westen der Republik gemacht, bei denen Nazis im Publikum saßen, bei denen Nazis mich beleidigt und gekränkt haben. Aber deshalb konnte und wollte ich die Bundesrepublik nicht einfach verlassen, sondern ich habe diesen Nazis ins Gesicht geschaut und ihnen geantwortet: Wenn es Euch nicht passt, dass im 21. Jahrhundert Juden in Deutschland leben, dann habt Ihr ein Problem und müsst Deutschland verlassen und nicht umgekehrt. In anderen Worten: Die Konfrontation ist für mich immer ein Ausdruck der Auseinandersetzung. Trotzdem haben Sie als Privatperson Horst Mahler nach dem Interview angezeigt. Ist das nicht inkonsequent? Im Gegenteil. Die Streitkultur erlaubt nicht, dass Strafgesetze verletzt werden, und das hat Horst Mahler getan und damit eine Anzeige riskiert. Was ist Ihnen persönlich durch den Kopf gegangen, als er Sie mit «Heil Hitler, Herr Friedman» begrüßt hat? Dass es in Deutschland Millionen Menschen gibt, die sagen, Hitler hatte auch gute Seiten, dass 20 Prozent aller Deutschen keinen jüdischen Nachbarn haben möchten, das sind bei 8O Millionen Bewohnern 16 Millionen Deutsche! Und dass damit Horst Mahler leider eine Gruppe in Deutschland repräsentiert, durch die Horst Mahler erst interessant wird. Horst Mahler erinnert und mahnt mich, ihn ernst zu nehmen, weil hinter ihm Millionen Deutsche stehen. Hatten Sie während des Gesprächs das Gefühl, Horst Mahler Paroli bieten zu können? Das ist nicht meine Aufgabe gewesen, denn ich war als Journalist - so wie Sie jetzt mit mir - in einem Interviewgespräch und nicht in einem Streitgespräch, in dem es darum geht, wer die besseren Argumente hat. Abgesehen davon hat Mahler in dem Gespräch nie Argumente, sondern immer nur absurde Thesen, die niemand mehr nachvollziehen kann. Existiert für Sie eine journalistische Grenze, oder anders ausgedrückt: Gibt es jemanden, den Sie nicht interviewen würden? Darauf kann man keine generelle Antwort geben, denn das ist immer von Fall zu Fall zu klären. In dem Moment, in dem eine Person eine politische Richtung repräsentiert, hinter der Millionen von Anhängern stehen, ist dies ein gesellschaftspolitisches Phänomen, über das man auf ganz unterschiedliche Arten journalistisch berichten kann. Eine dieser Arten ist das direkte Interview. Aber es gibt auch andere. Nur das gesamte Bouquet entwickelt einen aufklärerischen Charakter. Bekamen Sie durch das Gespräch nur das, was Sie ohnehin über Mahler wussten? Nein, es gab ja auch sehr viele Informationen, die für uns wichtig waren und die uns interessierten: Wo ist die Schnittstelle zwischen Rechten und denjenigen Linksradikalen und Extremisten der RAF, die später zu Rechtsradikalen wurden? Festzustellen ist, das Feindbild von Linksfaschisten und Rechtsfaschisten ist die Demokratie, ist Amerika, ist der Zionismus als Synonym für das Judentum. Uns interessierte, wo die individuellen psychologischen Voraussetzungen dafür liegen, damit ein Mensch in einer solchen Pervertierung des Hasses und der Verachtung landet, sowohl in seiner linksfaschistischen, als auch in seiner rechtsfaschistischen Periode. Und dazu gibt es in diesem Gespräch sehr offene Aussagen von Mahler, die relativ neu sind. Also bewerten Sie das Interview als journalistischen Erfolg? Wie es sich für demütige und bescheidene Menschen gehört, bewerte ich meine Arbeit niemals selbst. |