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Im Zuge der Nominierung renommierter Preise kann es vorkommen, dass man über die Entscheidung der jeweiligen Jury besonders heftig aneinander gerät: so auch im Fall des «Hannah-Arendt-Preises für politisches Denken», der am 30. November an den in New York lebenden und lehrenden britischen Historiker Tony Judt (59) verliehen wurde. Der Hannah-Arendt-Preis wurde 1994 von Publizisten, Politikern und Wissenschaftlern in Bremen ins Leben gerufen. Er wird vom Senator für Bildung und Wissenschaft der Freien Hansestadt Bremen und der Heinrich-Böll-Stiftung finanziert. Der Preis erinnert an die deutsch-jüdische Denkerin Hannah Arendt, die 1933 aus Deutschland fliehen musste und zu den «prägenden Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts zählt» (Rita Süssmuth). Der Preis soll die Aktualität von Hannah Arendts Denkens «für die Diskussion von Gegenwartsproblemen fruchtbar machen», wie es in einer Mitteilung der Heinrich-Böll-Stiftung heißt. Tony Judts jüngstes Buch «Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart», das letztes Jahr in Deutschland erschien, knüpft in seiner grundlegenden Geschichtskritik an seine breit angelegten Studien über die Ideologien des 20. Jahrhunderts an. So würdigte die Jury Tony Judt als eine Persönlichkeit, «die sich in der öffentlichen Debatte über Europa und den Westen auf vielfältige Weise engagiere: als Historiker, der wisse, dass historische Ereignisse nicht ohne ihre vielfältigen Kontexte verstanden werden können, als politischer Denker, der seine Sicht auf die Geschehnisse der Zeit in die öffentliche Kontroverse einbringe, schließlich als politischer Essayist, der streitbarer Zeuge seiner Zeit sei». Kritisiert werden Judt, die Hannah-Arendt-Preis-Jury, die Heinrich-Böll-Stiftung sowie der Bremer Senat besonders scharf in einem «offenen Brief» vom Präsidium der Jüdischen Gemeinde Bremen. Dass Judt in Aufsätzen der letzten Jahre eine ausgesprochen «antisraelische Haltung» lanciere, spreche nach Auffassung besagten Präsidiums keinesfalls dafür, einen solchen Preis zu erhalten. Speziell ein Aufsatz, den Judt 2003 in der «New York Review of Books» publiziert hatte, sowie eine Auffassung Judts seien für die Jüdische Gemeinde Bremen «unerträglich». Judt werfe Israel vor, eine Art von staatlichem Nationalismus zu propagieren, der überhaupt nicht angemessen sei, um eine sinnvolle Lösung im Nahost-Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern herbeizuführen. Judt spricht sich für eine einstaatliche und binationale Lösung dieses Konflikts aus. Damit vertrete Judt «die offizielle palästinensische, propagandistische Sicht auf die Geschichte, samt der erfundenen und verdrehten Fakten sowie des antiisraelischen Vokabulars», wie es in dem «offenen Brief» heißt. Die Vorsitzende der Jury, Antonia Grunenberg, Professorin in Oldenburg und Leiterin des Hannah-Arendt-Zentrums, ist empört über «einen derartigen Brief», der völlig unsachlich «gegen eine einzelne Person, nämlich gegen Tony Judt, in diffamierender Weise vorgeht und damit gerade eine Art der Kritik öffentlich praktiziert gegen die Hannah Arendt zeitlebens energisch protestierte». Judt stehe «für einen jüdisch-palästinensischen, binationalen Staat wie er nicht wenigen linken Zionisten, etwa Martin Buber, bis 1948 vorschwebte», kritisiert Micha Brumlik, Professor am Fachbereich «Erziehungswissenschaften» der Johann Wolfgang Goethe-Universität, den diesjährigen Preisträger in einem Aufsatz, der im Frühjahr diesen Jahres erschien. Darin heißt es weiter: «Diese Vorstellung ist, das dürfte auch Judt bewusst sein, nach bald einhundert Jahren Hass und Gewalt zwischen Juden und Palästinensern höchst unrealistisch; und auch Judt dürfte wissen, dass realpolitisch gesehen mittelfristig an einer Zweistaatenlösung nichts vorbeiführt.» Brumlik verurteilt Judt «keineswegs unisono». Judt verwende allerdings in einigen seiner jüngsten Aufsätze «wirklich eine mehrfach unglückliche Metaphorik» - bezogen auf Judts Nahost-Auffasungen. Diese Metaphorik, die in der Idee gründe, eine aktuelle Gesellschaftkritik mit Mitteln der Transformation in eine politische Sprache zu bringen, bleibe dennoch «sehr zu hinterfragen». Ralf Fücks, Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung, betont, dass «die Stiftung keinerlei Einfluss auf die Entscheidung der Jury hatte». Allerdings wundert es ihn, «dass die Jury bei ihrer Nominierung nicht gesehen hat, in welche Debatte sie mit dieser Preisverleihung geraten könnte». Der Hannah-Arendt-Preis 2007 gibt sicher noch weiteren Zündstoff ab «für die Diskussion von Gegenwartsproblemen». |