Mehr als nur Erinnerungsarbeit

Der «Zug der Erinnerung» fordert bundesweit zur aktiven Teilnahme auf

 

Margo Kleinberger tFoto: dpa

Nach monatelanger Vorarbeit startete Anfang November in Frankfurt a.M. der «Zug der Erinnerung». Wie im Jahr 1940 wird eine Dampflok die Wagen ziehen. Aber in den Waggons werden nicht mehr Kinder mit Arglosigkeit oder Todesangst sitzen. Die «Gedenkstätte auf Rädern» wird in den Städten eine Station machen, aus denen innerhalb von vier Jahren und drei Monaten mehr als 12.000 Kinder in die Vernichtungslager verfrachtet wurden. Der Fahrplan sieht im Dezember folgende Aufenthalte vor: 3. und 4.12. Kaiserlautern, 5. bis 8.12. Saarbrücken, 9. bis 11.12. Fulda, 12.12. Hannoversch Münden, 13. bis 16.12. Göttingen, 17. und 18.12. Kassel. Während der Feiertage zum Jahreswechsel ist dann eine Pause vorgesehen, bevor der Zug am 7. Januar neu in Hannover startet. Schon an den ersten fünf Stationen in Baden-Württemberg besuchten mehr als 10.000 Menschen die rollende Begegnungsstätte.

Aber das ist nur ein Anfang. In ganz Deutschland haben Bürgerinitiativen begonnen, Spuren der vielen tausend Kinder zu suchen, die bis Ende 1944 in die Vernichtungslager transportiert wurden. Nach bisher bekannten Informationen sind Bahngleise von 3.000 Kilometern Länge zur letzten Wegstrecke für die Kinder und Jugendlichen aus jüdischen Familien, aus den Familien der Sinti und Roma und auch etlicher deutscher Nazi-Gegner geworden. Die Website «www.zug-der-erinnerung.de» stellt dar, dass sich Mitte 2007 Bürgerinitiativen aus mehreren Bundesländern vernetzt hatten. Mitte Oktober waren 35 Städte aufgelistet, aus denen Listen mit den Namen deportierter Kinder und Jugendlicher vorliegen. Erstes Material lieferte in 2006 ein Gedenkbuch des Bundesarchivs Koblenz mit dem Titel «Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 - 1945». Der «Zug der Erinnerung», der auf seinen Stationen an einem Nebengleis besucht werden kann, zeigt Fotos, Filmmaterial und andere Dokumente der europäischen Deportationen, insbesondere die Verschleppung aus den deutschen Wohnquartieren.

Das Wichtigste aber sind leere Tafeln in den Mittelgängen der «Züge», auf denen Schulklassen und Bürgerinitiativen Fotos und biographische Notizen aus den einzelnen Städten an den Bahnstrecken beitragen können. Die rollende Gedenkstätte ist zum Anstoß für konkrete Spurensuche in vielen Städten geworden, so etwa in Saarbrücken, Dortmund, Hannover, Weimar, Gotha und Dresden. Die Lebenszeugnisse, Archivbelege, Briefe und Fotos, die bei der mehrmonatigen Reise des «Zuges» gesammelt werden, sollen am Ende in der Gedenkstätte Auschwitz aufbewahrt werden. Eine erfolgreiche Probefahrt machte der Zug bereits am 27. Januar 2007 in Würzburg, wo er auf die Deportation von Kindern aus Franken aufmerksam machte. Wie beim damaligen Holocaust-Gedenktag sollen auch jetzt bei der großen Reise durch die Stationen des «Reiches» örtliche Veranstaltungen den Halt des «Zuges» am jeweiligen Bahnhof ergänzen. Die Fäden laufen im gemeinnützigen Verein «Zug der Erinnerung e.V.» zusammen, für den Hans-Rüdiger Minow in Friesenhagen verantwortlich zeichnet. Ein Kinotrailer wirbt bundesweit um das Interesse von Jugendlichen. Die örtlichen Bürgerinitiativen sind bestrebt, die Kosten der Reise in die Vergangenheit aufzubringen. Jeder kann Streckenpatenschaften übernehmen (Kontonummer auf der Website). Der Verein hat das Verkehrsministerium und die Bahn AG um Spenden gebeten. Wegen der großen Nachfrage aus vielen west-, nord-, mittel- und ostdeutschen Städten ist die Laufzeit erheblich ausgeweitet worden. Die Endstation Auschwitz soll nicht schon am 27. Januar, sondern erst Anfang Mai erreicht werden.

Klaus Commer

«Jüdische Zeitung», Dezember 2007