Schlacht im Ersten Weltkrieg. Foto: dpa

Im Andenken an Clara Immerwahr

ehren «Ärzte gegen den Atomkrieg» jährlich einen Friedensaktivisten

 

Zwei Schüsse waren zu hören an diesem Maimorgen 1915. Nach einem Probeschuss hatte die Chemikerin Clara Immerwahr im Garten ihres Berliner Anwesens die Dienstwaffe ihres Mannes gegen sich gerichtet. Sie lebte noch zwei Stunden. Ihr Mann, der Chemiker, Nobelpreisträger und «Vater des Gaskriegs» genannte Fritz Haber bricht noch am selben Tag unbeeindruckt an die Ostfront auf. «Durch Erschießen ihrem Leben ein Ende gesetzt hat die Gattin des Geheimen Regierungsrates Dr. H. in Dahlem, der zur Zeit im Felde steht. Die Gründe zur Tat der unglücklichen Frau sind unbekannt», berichtet die «Grunewald Zeitung» einige Tage später. Es handelte sich dabei weder um eine depressive Verzweiflungstat, noch war Clara Immerwahr eine Friedenskämpferin im heutigen Sinn. Über Jahre hatte sich die Naturwissenschaftlerin gegen die Arbeit ihres Ehemannes gestellt, der die Entwicklung und Anwendung von Giftgas im Ersten Weltkrieg vorantrieb. In die Rolle der Hausfrau gedrängt, isoliert und hilflos gegenüber nationalem Zeitgeist und militärisch-patriarchalischem Selbstverständnis des Wilhelminischen Kaiserreichs, blieb ihr nur der eigene Tod, um aus diesem Leben auszubrechen.

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Geboren 1870 als Tochter eines großbürgerlichen jüdischen Hauses in Breslau, wandte sie sich nach einer Lehrerinnenausbildung dem Studium der Chemie zu. 1900 promoviert sie als erste Frau an der dortigen Universität mit «magna cum laude» im Fach Physikalische Chemie - in einer Zeit als Professoren das Frauenstudium noch mehrheitlich ablehnen. Clara wird Laboratoriumsassistentin von Professor Richard Abegg, damals die höchste mögliche akademische Stellung für eine Frau. Sie wird bei einigen Promotionen als Opponentin gewählt und hält Vorträge, beispielsweise zu «Physik und Chemie im Haushalt» vor dem Breslauer Verein «Frauenwohl». Ihren Ehemann, den krankhaft ehrgeizigen Chemiker Fritz Haber, trifft sie bei einer wissenschaftlichen Konferenz in Freiburg. Durch die Heirat hofft sie, weiter forschen zu können. Ihre Karriere kommt jedoch spätestens nach der Geburt ihres Sohnes zum Erliegen - während die ihres Mannes erst richtig anfängt. Bald kriselt es zwischen den Eheleuten. Haber knüpft immer engere Kontakte zur Industrie, bekommt Lehraufträge und wird schließlich zum Direktor des Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft, dem Vorläufer der heutigen Max-Planck-Gesellschaft, nach Berlin berufen. Obwohl er Kriegsfreiwilliger und bereits mit zwanzig gegen den Willen seines Vaters zum Protestantismus konvertiert war, bleibt Haber aufgrund seiner jüdischen Abstammung der Aufstieg zum Offizier verwehrt. Erst sein Einsatz für Chemie in der Kriegsführung bringt ihm den militärischen Aufstieg. Der bedingungslose Patriot widmet seine Forschungen vollkommen der Suche nach neuen Kampfgasen und übernimmt im Laufe des Krieges als Abteilungsleiter im Kriegsministerium die wissenschaftliche Verantwortung für das gesamte Gaskampfwesen. In endlosen Tierversuchen werden Giftgase wie Chlor, Phosgen, Gelbkreuz, Blaukreuz, Grünkreuz erprobt. Clara bezieht dazu deutlich Stellung und bezeichnet das ganze Unternehmen als «Perversion der Wissenschaft», Haber wirft ihr «Landesverrat» und «antimilitärische Einstellung» vor. Am 22. April 1915 befehligt Haber an der Westfront bei Ypres in Belgien den erstmaligen Einsatz von Chlorgas. Die Wirkung ist verheerend. 15.000 Engländer und Franzosen bei Langemarck werden schutzlos überrascht, 5.000 sterben. Zwei Wochen später setzt Clara Immerwahr mit ihrem Selbstmord ein Fanal gegen die von ihrem Mann geleitete erste chemische Massenvernichtung und deren unabsehbare Folgen. In den Gasnebeln des Ersten Weltkrieges sterben 91.000 Soldaten, 1,3 Millionen Menschen wurden durch Giftgas verletzt, so resümiert ein Studienprojekt der Uni Freiburg zu Clara Immerwahr. Obschon er 1918 kurz nach Kriegsende von den Alliierten wegen Verbrechen gegen die Menschheit zum Kriegsverbrecher erklärt wurde, wird ihm noch im gleichen Jahr der Chemie-Nobelpreis für seine Entdeckung des Ammoniakgleichgewichts zugesprochen. Seinen fanatischen Patriotismus dankt ihm Deutschland jedoch nicht. 1933 muss er aufgrund der Rassegesetze das Institut, bei dessen Bau er noch Mitspracherecht hatte, verlassen und nach England emigrieren.

Das Andenken an Clara Immerwahr hingegen ehrt der Verein Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). Dieser vereinigt Mediziner in über 50 Ländern, die es als ihre Aufgabe ansehen, jede Bedrohung für Leben und Gesundheit abzuwenden, wofür die Organisation 1985 den Friedensnobelpreis erhielt. Seit 1991 verleiht der Verein die Clara-Immerwahr-Auszeichnung an Menschen, die sich trotz persönlicher Nachteile gegen Krieg, Rüstung und für Menschenrechte einsetzen.

In diesem Jahr geht die Auszeichnung an Osman Murat Ülke, der in der Türkei konsequent für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung eintritt und dafür seit Jahren persönliche Nachteile in Kauf nimmt. Am 3. März 2007 wird die IPPNW die Auszeichnung im Rahmen einer Feierstunde im Georges-Casalis-Saal der Französischen Friedrichstadtkirche in Berlin überreichen.

Nina Körner

«Jüdische Zeitung», März 2007