Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Keine Folter an Gefangenen!»Die Wahl eines Israeli zum «Weltärztepräsidenten» sorgt für Diskussionsstoff
Der neue Mann an der Spitze der «Weltärzteorganisation» (WMA) kommt zum erstenmal aus Israel. In Ramat Gan, unweit von Tel Aviv, lebt und arbeitet Yoram Blaschar (67). Der ausgebildete Facharzt für Notfallmedizin und Kinderarzt wurde vor einigen Wochen mit einer großen Mehrheit zum Präsidenten der insgesamt 84 nationalen Ärztekammern weltweit gewählt. Seine sogenannte «aktive» Präsidentschaft beginnt offiziell im Rahmen der nächsten Generalvollversammlung der WMA im Oktober 2008 in Seoul, Korea. Außer Yoram Blaschar standen noch zwei weitere Kandidaten, jeweils aus Neuseeland und Indien, zur Wahl. Jährlich im Oktober werden auf der Generalversammlung der WMA die jeweiligen Präsidentschaftskandidaten in ihr Amt gewählt. Yoram Blaschar freut sich, auch für Israel: «Ich wurde mit 80 von 112 Stimmen gewählt». Von diesen 112 Stimmen kommen 11 aus Deutschland. Nach seiner Ernennung zum Spitzenvertreter von etwa 9 Millionen Ärzten weltweit erklärte Blaschar, dass er sich dafür einsetzen werde, auch Medizinerverbände arabischer und afrikanischer Staaten in den Weltärztebund aufzunehmen. Gegenüber der «Jüdischen Zeitung» zeigt sich der frischgebackene Präsident ambitioniert und friedensbetont: «Ich kann natürlich nicht vorhersagen, inwieweit ich mich in diesem großen Weltverband durchsetzen kann, doch mir persönlich ist es besonders wichtig, zum Beispiel die nordafrikanischen Medizinervertretungen von Marokko und Tunesien in unseren Verband zu integrieren. Weil ich der Meinung bin, dass eine Mitgliedschaft auch des „Arabischen Ärztebundes" in die WMA sehr gute Möglichkeiten eröffnet, einen verbesserten Dialog zwischen arabischen, afrikanischen und israelischen Verbänden zu erzeugen. Hoffentlich wird dann so ein Dialog auch mit dazu beitragen, den Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern zu fördern.» Bereits in vergangenen Jahren gab es mehrfach Bemühungen der WMA, arabische Ärzteverbände einzubinden. Doch der Gedanke, die afrikanischen Mediziner neu für die WMA zu gewinnen, der «kommt von mir», betont Blaschar nachdrücklich. In diesem Zusammenhang reiste bereits im vergangenen Jahr der deutsche Generalsekretär der WMA, Otmar Kloiber aus Köln, an den Persischen Golf, um dort eine Abordnung der Vereinigten Arabischen Emirate davon zu überzeugen, Mitglied der WMA zu werden. Blaschar zeigt sich enttäuscht: «Bis heute haben wir allerdings keinerlei Antworten von den Kollegen am Persischen Golf bekommen». Eine Kuriosität am Rande betrifft den Namen des neu gewählten Präsidenten. Auf die Frage, ob es Yoram Blaschar auch schon aufgefallen sei, dass sein Familienname in den Medien permanent nicht korrekt geschrieben wird, meint er lakonisch: «Die falsche Schreibweise Blachar ohne „sch" kenne ich, ich weiß auch nicht, warum das so schwer ist, aber ich freue mich, wenn auch das einmal klargestellt wird». Vor acht Jahren noch wurden die WMA und die «Israelische Ärztevereinigung» (IMA) sowie die Israelische Armee für angeblich skrupelloses und menschenverachtendes Verhalten einiger ihrer ärztlichen Mitglieder insbesondere bei Kriseneinsatzen und Verhörpraktiken gegenüber Palästinensern vonseiten verschiedener Menschenrechtsorganisationen wie etwa «amnesty international» massiv kritisiert. Der Fall des Amin Muhammad Ghazi al-Aghbar von 1999 sorgte seinerzeit für medienweites Aufsehen. Nach seiner Festnahme am 16. März 1999 sei der 27-jährige Palästinenser «ohne Kontakt zur Außenwelt gefangengehalten» worden, schrieb «amnesty international« damals. Er habe «weder mit seiner Familie Kontakt aufnehmen, noch mit seinem Anwalt sprechen» dürfen. Neben diverser Tätigkeiten in anderen Ämtern innerhalb des institutionellen Medizinwesens in Israel - etwa als Präsident der «Israelischen Ärztekammer» (IMA) - wirkte Blaschar von 1999 bis 2000 als Präsident des «Europaforums der Ärztevereinigung innerhalb der Weltgesundheitsorganisation». Als Repräsentant dieser Organisationen warf «amnesty international Deutschland» Yoram Blaschar damals Versäumnisse in der Einhaltung allgemein ethischer Grundsätze vor. Ein weiterer Vorwurf vonseiten «amnesty international Deutschland» lautete, dass der «Ausschuss der Vereinten Nationen gegen Folter» (CAT) und der sogenannte «Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen über Folter» bereits «mehrmals» erklärt hätten, «dass viele der israelischen Verhörpraktiken als „Foltermethoden" im Sinne der Definition in Artikel 1 des „Übereinkommens gegen Folter und andere grausame, unmenschliche und erniedrigende Behandlung oder Strafe" zu betrachten sind». Besagter «Ausschuss» sowie der «Sonderberichterstatter» hätten, so «amnesty international Deutschland», damals «Israel aufgefordert, diese Verhörmethoden einzustellen». Protestschreiben diverser Organisationen und von Privatpersonen gegen die besagten «Verhörmethoden» in Israel gingen, laut «amnesty international Deutschland», auch an Yoram Blaschar. Ende der neunziger Jahre ging «amnesty international Deutschland» auch davon aus, dass Amin Muhammad Ghazi al-Aghbar zwar «in der Haft medizinisch betreut wird», kritisierte aber, «dass Ärzte, die für den israelischen „Allgemeinen Sicherheitsdienst" (GSS) arbeiten, oftmals nur konsultiert» würden, um «die gesundheitliche Verfassung der Gefangenen zu kontrollieren», die dann widerum bei den Verhören misshandelt und gefoltert würden. Das war Ende 1999. Anlässlich der Neuwahl des Weltärztepräsidenten vermeldete das «Institut für Palästinakunde» (IPK), dass «Blachar», der vor seiner Ernennung bereits im Vorstand der WMA tätig war, «wegen seiner Haltung zur Folter kritisiert worden» sei. «Als besonders skandalös gilt die Verteidigung Blachars eines „angemessenen körperlichen Drucks" bei Verhören von palästinensischen Gefangenen», heißt es in einem Kommentar des IPK von Anfang Oktober 2007 auf den Webseiten des Bonner Instituts. Das IPK beruft sich auf Inhalte von Fachaufsätzen, die Yoram Blaschar vor einigen Jahren veröffentlicht hat. «Diese Duldung der Folter», schreibt das IPK weiter, «ist besonders verwerflich, wenn sie bis heute unwiderrufen von dem jetzigen Präsidenten einer Organisation stammt, die sich hauptsächlich mit Fragen der medizinischen Ethik beschäftigt». Ein Grundsatz in der medizinischen Ethik ist die Neutralität. Blaschar unterscheide «zwischen israelischen und palästinensischen Gefangenen», so das IPK weiter - den designierten Weltärztechef zitierend: «Was ich sagte war, dass die Toten in der israelischen Zivilbevölkerung gewollt sind, Opfer kaltblütiger Attacken, wohingegen Tote in der palästinensischen Zivilbevölkerung auftreten, wenn Terroristen Schutz in zivilen Gebieten suchen und die Zivilisten in die Schusslinie bringen. Darüber hinaus werden Tote in der palästinensischen Zivilbevölkerung von der [israelischen] Armee bedauert und untersucht und ganz sicher nicht gefeiert, wie bei israelischen toten Zivilisten innerhalb Bereiche der palästinensischen Bevölkerung.» Zwei schriftliche Anfragen der «Jüdischen Zeitung» um eine Stellungnahme des IPK zu deren Vorwürfen gegen Blaschar blieben bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe unbeantwortet. Die Vorwürfe des IPK weist der Mediziner entschieden von sich. Das sei «eine Lüge und außerdem sind das aus dem Zusammenhang und Kontext herausgerissene Zitate»! Ein wesentlicher Teil der Grunsatzdeklaration der IMA sei es ja gerade, so Blaschar, «das wir alle Arten von Druck, Folter und Qualen in jeglicher Art und Weise ablehnen und verurteilen, wir haben bis heute niemals auch nur einen Namen eines Arztes unserer Organisation erhalten, der an brutalen Foltermaßnahmen beteiligt gewesen wäre oder derlei geduldet hätte - die WMA wie auch die IMA lehnen Folter an Gefangenen absolut ab». Blaschar insistiert, als «Zeitung können sie ruhig meinen Appell an alle Menschenrechtsverbände veröffentlichen, sie mögen uns solche Namen von Ärzten, insbesondere israelischen, schicken, die Folter gutheißen und praktizieren, solche Ärzte würden von uns sofort bestraft und verurteilt werden». Außerdem gebe es doch «überhaupt keinen Beweis dafür, dass die von einzelnen Personen benannten Folterungen von unseren Ärzten begangen worden sind». In militärischen Gefechtssituationen wie auch ganz allgemein in «Krisengebieten», wo Gefangene gemacht werden, kann es bedauerlicherweise vorkommen, dass vor allem Soldaten der jeweils gegnerischen Seite bei eventuellen Verhörmaßnahmen auch körperlich bedrängt werden. Doch derartige Vorgehensweisen - unterstellt man einmal massive Verhörmaßnahmen innerhalb der Israelischen Armee - sind nun keineswegs das Prädikat oder gar das Markenzeichen der Israelischen Armee. Im Gegenteil: eine nähere Lektüre des «Verhaltenskodex» des Tzahal - also des israelischen Militärs - belegt, wie stark darin das Konzept der Einhaltung aller ethischen Grundwerte insbesondere auch bei der Gefangennahme gegnerischer Soldaten betont wird. Das gelte erst recht für Militärärzte in der Israelischen Armee, unterstreicht Blaschar. Und schließlich gilt für jeden Mediziner, auch rechtlich betrachtet, allein schon durch den international verbindlichen, ärztlichen «Eid des Hippokrates» die Orientierung an ethischen Grundwerten und die Einhaltung derselben. Im übrigen, so Blaschar weiter, sollten diejenigen, die sich mit Foltervorwürfen gegen die IMA wenden, bedenken, dass es einen großen Unterschied mache, ob man ein Verhör durchführt oder Folter praktiziert. Blaschar verweist darauf, dass gerade militärische Verhöre etwa radikaler und militanter Palästinenser in Israel wohl kaum in einem Verfahren gründeten, wonach israelische Soldaten nach demokratisch-rechtlichen oder rechtlich verankerten ethischen Grundsätzen behandelt würden wie es dagegen im «Verhaltenskodex» des Tzahal rechtlich verbürgt sei. Mit dem neu gewählten Präsidenten Yoram Blaschar an der Spitze der «Weltärzteorganisation» ist abzusehen, dass ein strenges Augenpaar nicht nur entschieden auf die Einhaltung der «Deklaration von Helsinki» (1964) und ihrer erweiterten Fassungen blickt, sondern dass diese Kerndeklaration zu einer Fülle ethischer Grundsätze ärztlichen Handelns - etwa zum «Verbot der Mitwirkung an körperlichen Bestrafungen» - auch ihre gerechte und rechtliche Umsetzung erfährt. Die Erweiterung der Beziehungen zu seinen deutschen Kollegen bleibt für Blaschar ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit. Schon deshalb, weil «die besten freundschaftlichen Kontakte der israelischen Ärztevereinigung die mit der deutschen Bundesärztekammer sind». |