Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Tora–Land statt Disney-TandYom Hatorah, ein Fest für Kinder rund um die Tora
Mit leuchtenden Augen bestaunt ein kleiner Junge mit Kippa die Spaltung des Meeres in einem Wasserglas: ein Wunder in Kleinformat, das unsere Vorfahren im Großen beim Auszug aus Ägypten erfuhren. Auf Straßen plakatiert, mit Handzetteln in Läden und Anzeigen in Zeitungen sowie im Internet wurde mit diesem Motiv für Yom Hatorah geworben, dem großen Fest am ersten Sonntag in diesem November im Parc Floral de Vincennes in Paris. Alle sollten sie kommen, um zu staunen, zu erleben, sich zu informieren, ganz besonders Kinder und Heranwachsende, denen dieser Tag gewidmet war. Joseph Chaim Sitruk, Oberrabbiner von Frankreich, Initiator und Organisator dieses Tages, erklärte im Vorfeld: «Tora und Kinder sind uns gleichermaßen eine Ehre und eine Zukunft. Die Tora ist für sie gemacht, auf dass sie sie weitergeben werden.» 1989 hatte er diesen Festtag ins Leben gerufen. Nach fünf Festen dieser Art musste er knapp zehn Jahre später aus gesundheitlichen Gründen seine Arbeit ruhen lassen. In diesem Jahr konnte Sitruk das Kinderfest mit ganzem Einsatz wieder neu beleben. Seine erklärte Absicht war es dieses Mal, jungen Menschen den Weg ins Judentum zu bereiten, ihnen zu zeigen, dass gerade dann, wenn sie die ganz normalen Alltagsprobleme in ihrem Leben belasten, die Tora und die jüdische Gemeinschaft ihnen den Weg weisen, ihnen helfen kann. In der heutigen Zeit der vielfachen religiösen Spaltungen bis hin zu Abspaltung, zur «laicité», der «Verweltlichung», sei es wichtig, dass schon Kinder um ihre jüdische Identität wüssten. Da sich die Anzahl der Auswanderer nach Israel erhöht hat, müsse man auch dafür sorgen, dass jüdisches Leben in Frankreich weiterhin existiere und wachse. Mickael Abizdid, der Koordinator von Yom Hatorah, betonte in einem Zeitungsinterview dass das Miteinander, das Versöhnen mit und Anerkennen seiner Identität, nur in Gemeinsamkeit stark mache. Die Tora als Quelle des Lebens und der ewigen Freude gehöre nicht nur dem Juden, der dreimal am Tag bete, sondern auch allen anderen, die sich zwar von der Gemeinschaft entfernt, nicht aber ihre Jüdischkeit aufgegeben hätten. Yom Hatorah, wohl im Vergleich zu anderen Ländern ein einzigartiges Fest, gehöre allen, unter der Bedingung, dass jeder zu träumen wisse. Das jüdische Volk sei ein Volk von Träumern. Sonst wäre wohl auch niemals der Staat Israel entstanden, so Abizdid. So kamen mehr als 25.000 Menschen mit Kinderwagen, hüpfenden, aufgeregten Jungen und Mädchen, vergnügte Jugendliche, offizielle Persönlichkeiten aus Paris, ganz Frankreich, Israel sowie auch interessierte Andersgläubige und Atheisten - trotz Herbstferien und verlängertem Wochenende. Diese Menschenmassen mit so vielen fröhlichen Kindern würde man eher im dem nahe bei Paris gelegenen Disney-Land vermuten, als zu einem jüdischen Familienfest. Doch hier ging es um etwas ganz anderes, wie mich ein kleiner Junge mit roten Backen und Kippa belehrte: «Hier können wir mit dem Rabbiner reden und ihn alles fragen.» Es drängten und schoben sich alle neugierig durch die Gänge einer riesigen Halle, aufgebaut inmitten eines vergoldeten, sonnenbestrahlten Herbstwaldes mit ungefähr 200 Ständen, einem Plenum mit 3.500 Sitzplätzen und einem großen Spielplatz, dem «Tora-Land». Ein wenig abseits gab es eine auch von Kindern gut besuchte Synagoge. Selbstverständlich war für Speis und Trank in einem eigenen kosheren Restaurant gesorgt. Große und kleine Institutionen und Organisationen, Wohlfahrtsvereine und auch Mitarbeiter israelischer Vertretungen bis hin zu Militärs hatten sich beteiligt, teilten Informationsblätter aus, berieten, beantworteten Fragen oder baten um Spenden. Für die Unterstützung von Armen, Kranken und Bedürftigen wird in Frankreich mit Aktionen, Veranstaltungen und Anzeigen viel geworben. Den größten Platz hatte, weithin erkennbar mit riesigen Luftballons an der Decke, das «Consistoire», der «Religiöser Rat» von Frankreich und Paris eingenommen. Deren Vertreter hatten an Brith- und Bar- wie Bat-Mitzwah-Kinder und frisch Verheiratete Geschenke verteilte, was natürlich viel Anklang fand. Für den Präsidenten der Organisation, Yoel Mergui, war es eine besondere Freude, sich an diesem Fest zu beteiligen, da «das „Consistoire" bei allen wichtigen Momenten des Lebens beteiligt ist», wie er gegenüber der internationalen Presse ausführte. Außerdem diene das Fest der Umsetzung der Idee seiner Organisation, junge Menschen, besonders Kinder, wieder mehr in das jüdische Leben und die Gemeinschaft einzubinden. Bereits im Oktober hatte das «Consistoire» zu einer Informationswoche geladen. Stark vertreten waren auch die jüdischen Medien mit vier Radiosendern und etwa ebenso vielen Zeitungen. Die große jüdische Wochenzeitung «Actualité Juive» warb mit familiengerechtem Merchandising - Einkaufsbeuteln und Taschen. Eine israelische Zeitung in französischer Sprache bot ihre Exemplare an. Galerien präsentierten neueste Werke, Buchstände priesen die zum Rentrée, dem September nach den Sommerferien, erschienenen Bestseller an. Perückenverkäuferinnen waren umringt von Frauen, die sich verschönern, mit einem neuen traditionellen «Scheitl» schmücken wollten. Männern wurden Tefillot und Kippot angeboten. Kindern wurde beigebracht, wie man Hawdala-Kerzen zieht, Kiddushbecher ziert und Deckchen für das Shabatbrot bestickt. Die Präsentation der zionistische Bewegung «Bné Akiva» hatte sich im Schmitta-Jahr der Natur gewidmet - das gerade begonnene jüdische Jahr 5768 ist, wie alle sieben Jahre, ein Shabat- und Ruhejahr. Mit Gewinnspielen, Diskussionen und Filmen thematisierte sie den Umgang mit der Natur. Händler bewiesen mit Verkostungen, wie gut kosherer Wein und wie lecker koshere Mahlzeiten sein können. Überall dort, wo es ein wenig Platz gab, tanzten Kinder mit Erwachsenen den jüdischen Rundtanz «Hora». Einen großen Raum nahm auch hier das «Tora-Land» ein. Dort konnten Kinder in Hüpfburgen springen, Ball und Golf spielen, Marionettentheater anschauen, Zaubertricks bewundern oder sich zum Clown schminken lassen. Den ganzen Tag über gab es dichtgedrängte Programme, seien es Vorträge mit Diskussionen, Frage- und Antwortspiele, musikalische Darbietungen von Kinderchören und israelischen Künstlern oder Filmvorführungen. Groß umworben wurde dabei der Film «Purim 1946» der jetzt in ganz Frankreich angelaufen ist. Die besten Aktionen von jüdischen Schulen wurden gekürt und das «Consistoire» zeigte eine Ausstellung zu seinem 200. Geburtstag, der im nächsten Jahr gefeiert werden wird. Ein Fest rund um die Tora, ein Fest, das Lebendigkeit, die Nähe und Verbundenheit eines Jeden zu ihr zeigen sollte. Kindern sollte spielerisch das Umgehen mit der Schrift, ihren Gesetzen und Bräuchen nahegebracht werden - kindgemäß mit Spaß und Freude. Im Mittelpunkt der Informationswoche stand jedoch das Zusammentreffen von Rabbiner Sitruk mit Kindern aller Altersstufen. Aufgeregt und gespannt stellten sie alle möglichen Fragen, die er mit viel Humor, aber auch Ernsthaftigkeit beantwortete. Es gab Fragen über die hohen Preise der kosheren Lebensmittel, aber auch darüber, wie man ein guter, ein gelehrter Jude werden könne. Bei dieser Frage antwortete der in Tunis aufgewachsene Rabbiner, dass man damit beginnen solle, in der jüdischen Schule aufmerksam und viel zu lernen. Er selbst sei dabei kein gutes Vorbild, er habe keine jüdische Schule in seiner Kindheit besuchen können, ergänzte er, verschmitzt lächelnd. Beendet wurde die Runde mit Musik und einer Flut von Konfettiregen. Hier nun erlebten die Besucher des brechend vollen Saales den Höhepunkt des Tages: Von Rabbinern wurde die Sefer-Tora-Rolle hereingetragen, die extra für und mit Hilfe von Kindern geschrieben wurde. Mit großer Andacht und in vollkommener Stille wurde sie von Rabbinern auf dem Podium komplettiert, umringt von vielen Kindern. Nach viel Applaus und Kinderjubel ging dieser Freudentag langsam zu Ende. Geschminkte Kinder in T-Shirts mit der Aufschrift Yom Hatorah, Kinderwagen mit Luftballons, zufriedene Eltern mit neuen kosheren Rezepten und Konfetti im Haar verließen die noch mit Musik beschallte Halle und suchten sich ihren Weg durch den nächtlichen Park nach Hause. Doch dieser Yom Hatorah ist erst der Anfang eines Jahres voller Ereignisse, betont Rabbiner Sitruk, der seine Freude über diesen Erfolg auch in finanzieller Hinsicht zeigte: Mit 500 Ehrenamtlichen und in jeder Weise großer Unterstützung konnte dieses Fest bei höchstem Anklang kostenfrei ausgerichtet werden. Das Rezept dafür, so Sitruk im Interview, verrate er aber nicht. Schon während der Festivität betonte er, selbst Vater von neun Kindern, angesichts dieser vielen Kinderwagen beruhigt über die Zukunft der Juden in Frankreich sein zu können: «Wenn man kein Vertrauen in die Zukunft hat, dann zeugt man auch keine Kinder!» Das «Goldene Buch» auf der eigens für dieses Ereignis eingerichteten Website beweise, dass dieses Fest von den Juden der französischen Hauptstadt und ihren Freunden gern angenommen worden sei. Besonders die Kinder dankten begeistert «ihrem» Rabbiner. Trotzdem gebe es noch eine lange Liste von Fehlern, die es zu bereinigen gälte, meinte er lächelnd. Denn ein nächster Yom Hatorah soll folgen. Regelmäßige Vorträge und Diskussionen um das was und wie des Festes sind mit ihm in der Grand Synagoge de la Victoire, der Hauptsynagoge von Paris, geplant. Die erste vorbereitende Veranstaltung fand schon Mitte November statt. Zum 8. Dezember, dem vierten Tag von Chanukka, dem jüdischen Lichterfest, organisiert er einen «World Shabat», bei dem es selbstverständlich noch einen würdigen Empfang der neuen Sefer Tora-Rolle geben wird. Der Junge auf dem Plakat, junge Menschen und auch die Erwachsenen, dürfen, ja sollen also weiterhin staunen, staunend erleben, wie sehr sie sich mit sich und allen anderen ihrer Gemeinschaft in ihrer Zugehörigkeit zum Judentum wohlfühlen können. Wünschenswert seien natürlich auch weiterhin ehrenamtliche Mitarbeit, Sponsoren sowie die Mitwirkung in Gemeinden und Organisationen, damit jüdisches Leben in Frankreich weiterhin und noch mehr erblühen könne, betonte Rabbiner Sitruk gemeinsam mit Vertreter anderer beteiligter Institutionen in Vorbereitung des nächsten «Tora-Land» statt Disney-Tand. |