Filme aus dem Osten

DEFA-Filme sind Gegenstand einer wissenschaftlichen Konferenz

 

Wer «im Osten» Deutschlands kennt sie nicht und auch in den so genannten «alten Bundesländern» werden es immer mehr: Die DEFA, in der Langfassung Deutsche Film AG, war das zentrale Filmstudio der DDR in «Volkseigentum» mit Sitz in den historischen Studios in Potsdam-Babelsberg, in der schon die UfA ihre großen Filme abdrehte.

Doch nicht nur in der Heimat rücken die Filmproduktionen der ehemaligen DDR immer mehr ins Licht der internationalen Öffentlichkeit, des abendlichen Kinobesuchers wie der Fachleute. Während die westlich etablierte Filmwelt DEFA-Streifen zu einer Zeit, als die DDR real noch existierte, eher belächelte, ihre Darsteller und Filmschaffende nur dann wirklich zur Kenntnis nahm, wenn sie, meist spektakulär, in den Westen kamen, werden die Produktionen heute von Filmhistorikern wie Politikwissenschaftlern beleuchtet. Nach der Retrospektive «Rebels with a cause» im Museum of Modern Art in New York 2005 wurde im November dieses Jahres mit der Reihe «Schwarz-Weiß ≠ Grau: Deutsches Kino hinter dem Eisernen Vorhang» in den größten Städten Israels die zweite wichtige Retrospektive mit DEFA-Filmen im Ausland vorgestellt, wie wir in unserer November-Ausgabe berichteten.

Nun werden DEFA-Produktionen auch im Rahmen einer wissenschaftlichen Konferenz, «Von der Vision zur Realität: Film im Sozialismus - die DEFA», behandelt. Besonders in Österreich, aber auch in den USA und Großbritannien, schließlich sogar in wiedervereinigten Deutschland selbst, das sich mit dem kulturellem Erbe seiner beigetretenen DDR nicht selten sehr schwer tut, etablierte sich in den letzten Jahren die film-, politik- und geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Filmschaffen in der ehemaligen DDR. Forschung, Lehre und Filmöffentlichkeit spielen dabei eine zentrale Rolle.

Themen der Tagung Anfang Dezember am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien sind die Rolle von österreichischen Intellektuellen und Künstlern in den Produktionen der DEFA. So wird der österreichische Schauspieler Wolfgang Heinz und seine Arbeit für die DEFA vorgestellt. Auch die allgemeine Geschichte der DEFA und des DEFA-Films, schließlich derene aktuelle Bedeutung, werden thematisiert: Die «DEFA zwischen Welt und Provinz», «DEFA und internationale Filmkultur heute», «DEFA-Sozialkomödien als Umgang mit der DDR-Vergangenheit nach 1990», Konflikte zwischen Kunst und Politik am Beispiel des Filmes «Goya» von DEFA-Starregisseur Konrad Wolf oder auch die «Darstellung des Judentums» in dem Streifen «Nackt unter Wölfen» vom ebenso populären DEFA-Filmemacher Frank Beyer stehen auf dem Konferenzprogramm.

In Kooperation mit den Universitäten von Massachusetts Amherst, Warwick, Leiden und Duisburg, Regisseuren, Film-, Medien-, Theater-, Geschichts- und Sprachwissenschaftlern, Archivaren und Vertretern der Filmwirtschaft wird die Bedeutung des Spielfilms im Sozialismus, speziell in der ehemaligen DDR, untersucht. Wichtigste Partner sind dabei das Filmarchiv Austria, die DEFA-Stiftung Berlin und die DEFA Library an der Universität Massachusetts Amherst. In seiner Gesamtheit bietet der Kongress, insbesondere sein Vortragsprogramm, den internationalen Teilnehmer nicht nur einen Überblick über den gegenwärtigen Stand der Forschung zur Filmproduktion in der DDR, sondern auch grundlegende Informationen zur Restauration und Bewahrung, Vermarktung und zum Filmverleih der DEFA-Produktionen weltweit. Den «Blick aus der DDR» geben namhaften Regisseure und Schauspieler der DEFA. Sie werden vor und nach den Filmvorführungen zum Gespräch mit dem Publikum zur Verfügung stehen.

Das Institut für Zeitgeschichte der hiesigen Universität widmet sich regelmässig jüdischen Themen. So fanden allein im vergangenen Jahr die Tagungen «Arbeit und Vernichtung» in Zusammenarbeit mit dem Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust Studies sowie eine Tagung zum Lebenswerk Wiesenthals nach seinem Tode, in diesem Jahr eine Interaktion zu Werkstattberichten ehemaliger weiblicher Häftlinge des KZ Mauthausen und seinen Außenlager sowie die internationale Konferenz «Wien und die jüdische Erfahrung 1900 - 1938» statt, über die wir ausführlich berichteten. Der Stellenwert des Holocaust im israelischen Selbstverständnis war bereits 2005, die Historiographie der Shoa aus jüdischer Perspektive sowie Hanna Ahrendts «Denktagebuch» bereits ein Jahr zuvor Themen an der Wiener Universität. Eine komplette Themenliste findet sich auf der Website des Institutes für Zeitgeschichte - sie beginnt mit der Dokumentation des Workshops «Die ehemalige Synagoge auf dem Universitätscampus Wien. Transformation eines Ortes» im Jahre 1999.

Michael Weithofer

«Jüdische Zeitung», Dezember 2007