Militärseelsorger. Foto: L. Heid

Bereit zum Kampfe

Serie: Deutschland und seine jüdischen Soldaten (II)

 

Die Geschichte jüdischer Soldaten in den deutschen Armeen dokumentiert letztendlich auch, vor allem in der Zeit nach der Reichsgründung im Januar 1871, die Spannung zwischen dem unter deutschen Juden nach wie vor ungebrochenen Integrationswillen auf der einen und dem sich immer stärker bemerkbar machenden «modernen» Antisemitismus in der vom preußischen Militarismus geprägten Gesellschaft auf der anderen Seite. Von der Möglichkeit, vollständig und gleichberechtigt in die deutsche Umgebungsgesellschaft aufgenommen zu werden, gab sich die Mehrheit der deutschen Juden dem Traum der Assimilation hin, und das nahm zum Teil groteske Formen an. Kriegszeiten waren von jeher begleitet von einem überspannten Nationalismus. In Zeiten aufgeladener Atmosphäre traten wie so manches klassisch-humanistisches Bildungsgut auch kosmopolitische Elemente der jüdischen Tradition zurück.

Der Schriftsteller Ernst Lissauer mag ein extremes Beispiel für eine übersteigerte, ja chauvinistische Haltung gewesen sein. Auf dem Gipfel seiner Hinwendung zum nationalistisch-deutschen Lager dichtete er den «Hassgesang gegen England», der ihm zu großer, wenn auch zweifelhafter Berühmtheit verhalf. Lissauer stammt aus einer stark assimilierten Familie und war der radikalliberalen Berliner Reformgemeinde verbunden. Seine schriftstellerischen Impulse gingen von seiner Begeisterung für die preußische Geschichte aus, für Friedrich den Großen, für die Freiheitskriege, die er kurz vor dem Ersten Weltkrieg in seinem «Zyklus» (1913) besang. Lissauer verkündete das Evangelium eines übersteigerten Nationalismus dichterisch. Mit seiner Propagierung des absoluten Hasses enthielt sein «Hassgesang», es spricht sich schwer aus, gewissermaßen einen Vorgriff auf totalitäre Denkmodelle.

 

Dich werden wir hassen mit langem Hass,
Wir werden nicht lassen
von unserem Hass, [...]
Drosselnder Hass von 70 Millionen,
Sie lieben vereint, sie hassen vereint[...].

 

Sein «Hassgesang» auf England avancierte zum Schlachtgesang der deutschen Truppen, wurde Teil der offiziellen Kriegspropaganda, und trug seinem Schöpfer die Verleihung des Roten Adlerordens durch den Kaiser ein. Als Landsturmmann eingezogen und als Herausgeber der Zeitschrift mit dem bezeichnenden Titel «Front» konnte Lissauer sich zeitlebens nicht mehr von diesem Makel befreien. Allerdings muss gesagt werden, dass Lissauer sich nach seiner Einsicht in die Folgen des Weltkrieges von seinem Gedicht später distanzierte.

Die prächtige Bilddokumentation des Ikonographen des deutschen Judentums Nachum Tim Gidals «Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik» (1988) ziert ein eindrucksvolles Umschlagfoto. Es zeigt ein Erinnerungstuch an den Gottesdienst zu Jom Kippur vor Metz 1870 während des Deutsch-Französischen Kriegs. Im Spiegel die Darstellung des Gottesdienstes vor einem improvisierten Toraschrein, die Gläubigen in Uniform, teilweise mit Gebetsschal umhüllt. Darüber in hebräisch und deutsch das Motto: «Haben wir nicht Alle einen Vater? Hat uns nicht Alle ein Gott geschaffen?» Unten in Hebräisch: «Gottesdienst am Versöhnungstage im Lager vor Metz 1870». In den vier Eckrondellen ein Hymnus von Ludwig Philippson über den Gottesdienst, an dem 1.200 deutsch-jüdische Soldaten teilnahmen. Der Hymnus endet mit den Zeilen: «Erhoben durch den Glauben, ermuthigt zu der Pflicht, sind sie bereit zum Kampfe, sie steh'n und wanken nicht!» Bedarf es angesichts dieser Szenerie noch eines Beweises für die Vaterlandsliebe und Loyalität der deutschen Juden?

Die ersten jüdischen Reserveoffiziere waren im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 ernannt worden. Weitere Ernennungen folgten zwar im ersten Jahrzehnt nach der Reichsgründung, doch endete diese liberale Phase noch vor 1880. Danach hatten allenfalls getaufte Juden in bescheidenem Ausmaß die Chance, zum Reserveoffizier befördert zu werden. Grundsätzlich galt die königliche Order, dass nur Kandidaten aus bürgerlichen Häusern, in denen neben Liebe zu König und Vaterland «christliche Gesitung» gepflegt und anerzogen wurde, als Reservoir für das Offizierskorps in Frage kamen. Damit waren Juden ausgeschlossen und eine Praxis etabliert, die Gesetz und Verfassung widersprach. Obwohl dieser strittige Punkt von 1908 bis 1914 alljährlich im Reichstag debattiert wurde, kam es zu keiner Änderung.

Seit 1885 wurde kein jüdischer «Einjährig-Freiwilliger» mehr zum preußischen Reserveoffizier befördert. Obgleich die Anforderungen an die «Einjährig-Freiwilligen» zur Zulassung zum Reserveoffizierkorps sehr hoch waren, legt doch die Tatsache, dass von den rund 20.000 bis 30.000 jüdischen «Einjährig-Freiwilligen» bis zum Jahre 1910 keiner zum Leutnant der Reserve befördert wurde, den Schluss nahe, dass hier mit Sicherheit nicht in jedem Falle mangelnde militärische Eignung der Grund zur Nichtbeförderung war. «Ein Jude sollte einem Christen keine Befehle erteilen», dies war die allgemeine Auffassung im christlich geprägten Preußen-Deutschland. Ließ sich ein Jude jedoch taufen, war der Hindernisgrund in aller Regel beseitigt.

Lediglich in der Königlich Bayrischen Armee und vereinzelt in der Königlich Sächsischen Armee gab es jüdische Reserveoffiziere. Da man als Jude bei Eignung und gesellschaftlich entsprechender Herkunft noch am Ehesten im bayrischen Heer Reserveoffizier werden konnte, zogen es zahlreiche Söhne begüterter jüdischer Familien vor, ihren Militärdienst in Bayern zu leisten. Einer von ihnen war der spätere Berliner Vize-Polizeipräsident Bernhard Weiß. Weiß war schon zu Kriegsbeginn 1914 Offizier und hat es bis zum Rittmeister d. R. gebracht.

Max Warburg, im Kaiserreich und in der Weimarer Republik einer der einflussreichsten Bankiers, absolvierte seinen Wehrdienst 1888 als Einjährig-Freiwilliger im 3. Königlich-Bayrischen Chevaulegersregiment. Die Ausbildung gefiel ihm so gut, dass er sich mit dem Gedanken trug, die berufliche Laufbahn eines Kavallerieoffiziers zu ergreifen. Als er seinem Vater diesen Berufswunsch vortrug, antwortete dieser kurz und bündig: «Mein lieber Max, meschugge. Dein Dich liebender Vater». Die Karriere erledigte sich kurz danach von selbst - Max Warburg wurde als Offizier abgelehnt.

Auch Walther Rathenau konnte in der preußischen Armee nicht Offizier werden, eine Zurücksetzung, unter der er sein Leben lang gelitten hat. Selbst seine großbürgerliche Herkunft und eifrigste Dienstleistung vermochten nicht, die in dem Gardekürassier-Regiment vorherrschenden Exklusivitätsvorstellungen zu brechen. Der Jude Rathenau wurde nicht zum Offizier gewählt und konnte nur zum Vizewachtmeister aufsteigen. Damit blieb ihm ein Statusgewinn versagt. Da er sich zu einem Glaubenswechsel nicht entschließen mochte, musste er seinen Wunsch auf die Zulassung zu der im Kaiserreich mit hohem Prestige versehenen Position des aktiven und auch des Reserveoffiziers aufgeben. In dieser Zurückweisung von der Offizierslaufbahn lag einer der wundesten Punkte in seinem Leben. Dies war der «schmerzliche Augenblick» an den er sich zeitlebens erinnerte: Ihm war zum ersten Mal voll bewusst geworden, dass er als «Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten» war. Und keine Tüchtigkeit und kein Verdienst konnten ihn aus dieser Lage befreien.

Dafür reüssierte Rathenau als Kriegsadministrator: Rathenau wurde bei Kriegsbeginn zum Leiter der von ihm mitbegründeten Kriegsrohstoffabteilung berufen und es war sein Verdienst, dass die Rüstungsproduktion des rohstoffarmen Reiches nicht zum Erliegen kam. Selbst der Chemiker Fritz Haber, späterer Nobelpreisträger, der mit seinem kriegswichtigen chemischen Verfahren das Deutsche Reich unabhängig von der Salpetereinfuhr aus Chile machte, die infolge der alliierten Seeblockade unmöglich war und damit den deutschen Streitkräften die Munitionsversorgung gewährleistete, konnte erst nach seiner Taufe Ordinarius werden und auch erst dann vom Vizewachtmeister zum Hauptmann befördert werden.

Das Problem der Beförderung jüdischer Soldaten zu Reserveoffizieren wurde wiederholt im Reichstag debattiert. So zum Beispiel 1913 anlässlich der Wehrdebatte im Reichstag bei der Frage um die Aufnahme von Juden ins Offizierskorps, in der Eduard Bernstein mit einem gezielten Namensscherz konfrontiert wurde: Der Abgeordnete Ferdinand Werner von der Deutschsozialen Wirtschaftlichen Vereinigung - Politiker, dem später nicht zuletzt durch seine parlamentarische Interpellation, die zur sogenannten Judenzählung führte, noch eine bemerkenswerte antisemitische Karriere bevorstehen sollte - blockte gewisse Militaria betreffende Auslassungen des Abgeordneten Bernstein durch eine Gelächter erheischende Bemerkung ab, indem er ein allgemein bekanntes, auf den preußischen Freischarführer Adolf von Lützow besungenes Wort des Dichters Theodor Körners variierte: Wenn man eine Truppe zusammenhabe, dann werde es heißen: «Das war Bernsteins wilde verwegene Jagd!»

Über die vorgebrachten antisemitischen Invektiven des Abgeordneten Werner ging Bernstein hinweg, sie schienen ihn nicht sonderlich zu berühren, gehörten sie doch gewissermaßen zum parlamentarischen Alltag. In seiner anschließenden Replik zeigte er sich als aufgeklärter Demokrat, der einer sozialen Emanzipation das Wort redete. Zum Offizier sollte derjenige ernannt werden, so trug Bernstein vor, der bereits den Beweis der Tüchtigkeit erbracht habe - sei er Sozialdemokrat, Freidenker oder Jude. Eins sollte jedoch erreicht werden: die Beseitigung der bestehenden Bestimmungen, die es ermöglichten, dass aus anderen Gründen als der Tüchtigkeit jemand der Aufstieg beim Militär abgeschnitten werde. Das verlangte er folgerichtig namentlich für Juden, weil Juden «Mitbürger» waren wie alle anderen. Doch blieb das Militär weiterhin der gesellschaftliche Bereich, in dem Juden auch nach der rechtlichen Emanzipation keine Aufstiegsmöglichkeiten besaßen.

Die in Bayern etwas liberalere Praxis bezüglich der Dienstbefreiungen an jüdischen Feiertagen oder Fragen der Beköstigung gemäß den jüdischen Religionsgesetzen erreichte sehr schnell ihre Grenzen, wenn es um die Beförderung ging. Als im Jahre 1913 jüdische Soldaten einmal Dienstbefreiung beantragten, schrieb das Kriegsministerium: «Eine Einführung der Juden in unsere christliche Feiertagsordnung ist unbedingt zu fordern. Wem's nicht recht ist, der soll nach Palästina!» Oder ein andermal hieß es: «Die Truppe hat anderes zu tun, als fortgesetzt Rücksichten auf alle möglichen Sonderklassen zu üben.»

Eine Besonderheit war die jüdische Militärseelsorge, die in der deutschen Heeresorganisation weder im Kriege noch im Frieden vorgesehen war. Der 1866 von der preußischen Regierung eingenommene Standpunkt, dass bei der «verhältnismäßig geringen Zahl» und der Verteilung der jüdischen Soldaten in der ganzen Armee die Einstellung eines Feldgeistlichen «weder möglich noch nötig» sei blieb im Prinzip auch in der Folgezeit beibehalten.

Im Kriege von 1870/71 ersuchte erstmals ein Student des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau, Isaak Blumenstein, der 1903 als Rabbiner in Luxemburg ordiniert wurde, um die Erlaubnis zur Ausübung der Seelsorge unter den jüdischen Feldsoldaten nach. Diesem Gesuch wurde stattgegeben, worauf sich drei weitere Rabbinatskandidaten zur Militärseelsorge meldeten.

Als Reaktion auf offensichtliche Benachteiligungen jüdischer Einjähriger wurden im Jahre 1913 im Reichstag mit großer Mehrheit Beschlüsse gefasst, die diese Zurücksetzungen missbilligten. Fortan sollte, wie es Eduard Bernstein immer gefordert hatte, bei der Besetzung militärischer Stellen allein die persönliche Tüchtigkeit entscheiden. Der Reichskanzler sollte dafür Sorge tragen, dass kein Angehöriger des Heeres wegen seiner religiösen Überzeugung irgendwelche Zurücksetzung erfährt. So standen die Dinge am Vorabend des Ersten Weltkrieges - auf dem Papier. Doch Recht und Gesetz wurden weiterhin und fortwährend gebeugt.

Theodor Joseph

 

Information:

Michael Berger,
Eisernes Kreuz und Davidstern - Die Geschichte Jüdischer Soldaten in Deutschen Armeen.
Trafo Verlag, 267 Seiten
29,80 Euro.

 

«Jüdische Zeitung», März 2007